Hôtel Thoumieux: Die günstigsten Zimmer in den besten Hotels

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ZEITmagazin Nr. 40/2017

Die Rezeption des Hôtel Thoumieux ist als Bar getarnt. Hinter dem Tresen, den ein freundlicher Mann in Jeans, Hemd und Krawatte bewacht, hängen keine Schlüssel. Da stehen Campari- und Whiskeyflaschen, und aus dem verspiegelten Gastraum mit den samtbezogenen Bänken dahinter tönt leises Geschirrgeklapper. Sind wir hier falsch? Nein, ganz richtig, nur steht in diesem Hotel eben das Kulinarische an erster Stelle. Hinter der Rezeption liegt die Brasserie, auf der gegenüberliegenden Straßenseite die hauseigene Patisserie, und im ersten Stock das 2-Sterne-Restaurant Sylvestre. Wer hier nach einem 250-Euro-Menü wohlig im Sessel versunken ist und nicht mehr nach Hause gehen will, kann praktischerweise gleich da bleiben. Was gibt es nach einem herrlichen Abendessen Schöneres als die Aussicht auf ein herrliches Hotelfrühstück?

Natürlich sind nicht alle Bewohner des Hôtel Thoumieux gestrandete Restaurantbesucher. Auch als normaler Hotelgast fühlt man sich hier so aufgehoben wie bei Freunden, die einem nach einem ausgelassenen Abend einen Schlafplatz auf dem Sofa herrichten. Sehr mondänen Freunden, wohlgemerkt. Von den Tapeten bis zu den Sofakissen ist das Haus von der französischen Innenarchitektin India Mahdavi in einem opulenten Mix aus Art déco und Kolonialstil eingerichtet worden. Überall Spiegel, maigrüne Samtsofas. Leopardenkissen sind auf roten Sesseln neben üppig wuchernden Zimmerpalmen drapiert. Selbst im günstigsten Zimmer des Hauses, das mit seinen 14 Quadratmetern kaum größer ist als eine Speisekammer, hat Mahdavi ihren wilden Stil durchgezogen: violette Blumentapeten, himbeerrote Samtvorhänge, dazu ein Leopardenkunstfell auf dem Federbett. Aus einem iPad summt Nancy Sinatra. Sogar das Putzschild an der Tür wird von goldenen Blumenranken eingerahmt. Dagegen wirkt die braune Aesop-Flasche in der Dusche geradezu schlicht. In einem der teuersten Zimmer besteht die Möglichkeit, die edel duftende Flüssigseife in eine frei stehende Badewanne zu entleeren. Ansonsten ist die Ausstattung dort ähnlich.

Das Frühstück – knusprige Minicroissants, Brioche, Vanille-Joghurt, Eierspeisen auf Bestellung – wird im Gastraum des Sylvestre serviert. Am Nebentisch frühstückt ein Herr im violetten Anzug und mit orangefarbener Pilotenbrille, der sich als sehr beschäftigter Innenarchitekt vorstellt. Den Stil des Hauses findet er passabel. Wir vermuten in ihm einen neidischen Bewunderer Mahdavis. Will man in diesem Haus nicht wenigstens ein Möbelstück mitnehmen und damit die eigene, im Vergleich grässlich langweilige Wohnung aufwerten? Und wenn es nur eines von diesen verwegenen Leopardenfellen ist? Am Ende stecken wir ein Croissant und das Putzschild ein, es ist aus Pappe. Unsere mondänen Freunde, die uns hier schlafen ließen, haben sicher nichts dagegen.

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