Mesut Özil: "Ich habe mir oft gewünscht, dass ich in meiner Kindheit besser Deutsch gelernt hätte"

Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 40/2017

Als Fußballer und auch als Mensch brauche ich Ziele und Träume. Als kleiner Junge in Gelsenkirchen habe ich davon geträumt, Profi auf Schalke zu werden. Später dann davon, mein Idol Zinédine Zidane zu treffen. Und davon, Weltmeister zu werden.

Diese Träume sind alle wahr geworden. Aber einige sind noch unerfüllt: Zum Beispiel träume ich davon, den Weltmeistertitel zu verteidigen. Dieses unbeschreibliche Gefühl, als unser Traum vom WM-Titel wahr wurde, möchte ich noch einmal erleben!

Eine Zeit lang habe ich davon geträumt, einfach nur Fußball spielen zu können, ohne all das lästige Beiwerk wie Interviews und PR-Events. Auf dem Platz mit einem Ball am Fuß fühle ich mich immer am wohlsten, den Rest musste ich erst lernen. Aber mittlerweile habe ich begriffen, dass das Beiwerk eben auch zu einem Fußballerleben gehört. Ebenso öffentliche Kritik – es gibt Menschen, die mich und meinen Spielstil mögen, und solche, die mich nicht mögen. Damit muss ich klarkommen, und heute kann ich entspannt damit umgehen.

Ich habe mir oft gewünscht, dass ich in meiner Kindheit besser Deutsch gelernt hätte. Ich hatte eine tolle Kindheit und gute Freunde, zu denen ich heute noch eine enge Beziehung habe. Aber in der Umgebung, in der ich aufgewachsen bin, war es schwierig, Deutsch zu lernen. In der Familie haben wir türkisch gesprochen, meine Freunde waren Türken oder Libanesen, auch die meisten meiner Mitschüler stammten aus anderen Kulturen. Deutsch sprachen eigentlich nur meine Lehrer. Die wenigen Stunden am Tag, die ich ihnen zugehört habe, waren zu wenig, um die Sprache gut zu lernen. Als ich älter wurde, habe ich begriffen, wie wichtig es ist, die Sprache zu beherrschen. Ich habe mich oft geschämt, weil ich wusste, mein Deutsch war nicht perfekt. Das Selbstvertrauen, trotzdem meinen Mund aufzumachen, musste ich mir erst erarbeiten.

Privat habe ich auch noch unerfüllte Träume. Ich würde zum Beispiel gern eine Weltreise machen. Schon als Kind habe ich davon geträumt. Durch den Fußball habe ich inzwischen zwar die finanziellen Möglichkeiten dazu, aber es fehlt die Zeit. Die Saison in England ist sehr lang. Dafür will ich dann nach dem Ende meiner Karriere ausgiebig reisen, Tokio sehen, die Chinesische Mauer. Auch in die Türkei würde ich gern wieder reisen. Zurzeit ist es schwierig für mich, das Land zu erkunden, die Aufmerksamkeit dort ist zu groß. Einmal wollte ich mir die Sehenswürdigkeiten in Istanbul anschauen, aber als sich herumgesprochen hatte, dass ich da war, waren sofort große Menschenmassen um mich herum. Das wird nach dem Karriereende bestimmt einfacher.

Dann will ich auch wieder mehr Zeit mit meiner Familie verbringen. Irgendwann werde ich mich auch wieder mit meinem Papa besser verstehen. Ich bin sicher, über kurz oder lang wird das geschehen, schließlich ist er mein Vater. Und ich träume von einer eigenen Familie, mit definitiv mehr als einem Kind. Leben möchte ich dann in Düsseldorf oder London. Und dann auch dafür sorgen, dass meine Kinder früh die Landessprache lernen.

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