Das war meine Rettung "Der Notsender funktionierte nicht"

Nach einem Flugzeugabsturz lag Ulrich Ladurner schwer verletzt am Boden. Dann entdeckten ihn zwei Wanderer. Interview:
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 40/2017

ZEITmagazin: Herr Ladurner, wie wird man zum erfolgreichen Unternehmer?

Ulrich Ladurner: Ich war ein schlechter Schüler, ich bin Legastheniker. Die Schule war eine einzige Quälerei, ein Studium kam für mich nicht infrage. Ich habe früh verstanden: Nur wenn ich selbstständig bin, habe ich eine Chance. Die Quälerei dauerte bis zu meinem 15. Lebensjahr, dann habe ich mit meinem Vater gesprochen.

ZEITmagazin: Was haben Sie ihm gesagt?

Ladurner: Ich wollte nicht mehr schreiben müssen und raus aus der Schule, stattdessen in seinen Drogerie-Geschäften arbeiten. Mein Vater war einverstanden, er sah, wie sehr ich litt. Meine Aufsätze waren voller Ideen, meine Hefte voll mit roter Tinte. Seit ich aus der Schule raus bin, mache ich nur noch Notizen für mich selbst, die kein anderer lesen kann.

ZEITmagazin: Haben Sie Ihre Intelligenz infrage gestellt?

Ladurner: Geschichte und Geografie haben mich immer sehr interessiert. In diesen Fächern konnte ich auftrumpfen und zeigen, dass ich auch meine Stärken habe, irgendwie ist dadurch ein Gleichgewicht zu meiner Legasthenie entstanden. Mir war klar: Ich will eigenständig sein und mich nicht von Dritten abhängig machen. Ich wusste, wenn ich die Schule verlasse, dann muss ich tüchtig sein, ich muss Erfolg haben, auch meinem Vater zuliebe.

ZEITmagazin: Sie waren damals sehr jung, wie ging es weiter?

Ladurner: Ich habe meinem Vater gesagt, dass ich zehntausend Lire für ein Projekt brauche, heute wären das ungefähr 150 Euro. Der wahre Grund war, dass ich mit einem Freund nach Paris wollte. Zehn Tage unterwegs sein – das war ein so großes Erlebnis der Selbstständigkeit, dass wir noch heute darüber sprechen. Als alles herauskam, gab es hinterher ein Donnerwetter, aber das ist vorbeigegangen. Dieses Erlebnis der Freiheit hat mich in meinem Berufsweg gestärkt. Danach begann ich in der Drogerie meines Vaters zu arbeiten, und Ende 1979 habe ich die Firma Dr. Schär, die damals Kindergrieß und einige diätetische Nahrungsmittel in Meran herstellte, übernommen.

ZEITmagazin: Ihr Unternehmen beschäftigt heute rund 1.300 Menschen. Kann man da als Chef auf schriftliche Kommunikation verzichten?

Ladurner: In der Gründungsphase war das kein Problem. Die paar Telefaxe konnte ich delegieren. Und wichtige Sachen wurden mündlich vereinbart, oft per Handschlag besiegelt. Erst im Zeitalter der E-Mails hat sich das geändert. Die Kommunikation wurde präzise und verpflichtend. Nicht selber schreiben zu müssen hatte den Vorteil, dass ich mich auf das Denken und die Inhalte konzentrieren konnte.

ZEITmagazin: Vor zwei Jahren sind Sie mit Ihrem Leichtflugzeug abgestürzt. Wie kam es dazu?

Ladurner: Ich wollte mich mit Freunden auf einer verschneiten Landefläche auf 2.000 Meter Höhe in der Nähe des Iseosees treffen. Mein Flugzeug war ausgerüstet mit Skiern, um auf Schnee oder Gletschern zu landen. Das Wetter hat sich aber verschlechtert, und wir haben vereinbart, uns südlich von Verona zu treffen. Auf dem Rückflug habe ich mich spontan zu einer Zwischenlandung auf einer schneebedeckten Wiese am Monte Casale entschieden. Ich stieg aus und machte Fotos, weil das Licht so schön war. Nach einem kurzen Aufenthalt bin ich wieder mit Vollgas gestartet, ohne die Startrichtung des Flugzeugs perfekt auszurichten. Ein Fehler. Ich bin abgehoben, war aber viel zu niedrig und prallte mit voller Wucht an eine Baumkrone. Der Notsender funktionierte nicht. So wusste niemand, wo ich war. Ich lag 20 Stunden am Fuße des Baums im Flieger, schwer verletzt und eingeklemmt.

ZEITmagazin: Wie wurden Sie gerettet?

Ladurner: Zwei Wanderer, Luciano und seine Freundin Christina, waren an diesem Tag als Einzige etwas oberhalb der Unfallstelle am Monte Casale unterwegs. Sie hatten gerade Proviant ausgepackt, da sah Luciano etwas Gelbes durch die Bäume schimmern. Nur dank seiner Neugierde wurde ich gerettet.

ZEITmagazin: Woran haben Sie als Erstes gedacht, als Sie wieder zu Bewusstsein kamen?

Ladurner: In der Situation kann man überhaupt nicht denken, man öffnet die Augen und begreift nichts. Meine Körpertemperatur war auf dreißig Grad gesunken. Im Krankenhaus habe ich behauptet, dass mein Flieger im Hangar stehe und überhaupt nichts passiert sei. Eine wunderschöne Erinnerung habe ich aber an den Moment, als ich aus dem Flugzeug rausgezogen wurde. Ein Arzt hat so ein warmes Kissen unter mich auf die Trage gelegt, und da dachte ich, boah, ist das schön.

ZEITmagazin: Wie hat es Ihr Leben geprägt?

Ladurner: Ich habe mich schon gefragt: Wieso hast du überlebt? Diese Frage beschäftigt mich heute noch fast täglich. Sie belastet mich nicht, aber in diesem Sinne bin ich ein Suchender.

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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