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Ringo Starr "Ich muss leider weiter"

Als Schluss war mit den Beatles, machten John Lennon, Paul McCartney und George Harrison auch ohne die anderen Karriere. Und Ringo Starr? In diesen Tagen erscheint sein 19. Soloalbum. Wir sprachen mit ihm über die Beatles, Hamburg und das Tanzen. Interview:
ZEITmagazin Nr. 41/2017

Zwei Stunden vor dem Treffen mit Ringo Starr ruft eine seiner Assistentinnen an, um nachzufragen, ob man bereit sei für die Begegnung. Vierundzwanzig Stunden vorher war bereits eine Mail gekommen, in der daran erinnert wurde, dass Ringo bevorzugt über sein neues Album plaudern wolle. Klar, kein Problem, da wäre nur der kleine Haken, dass die Audienz mit dem Ex-Beatle nur exakt zehn Minuten dauern darf. Zehn Minuten? Zehn Minuten! Angelegenheiten, die man in zehn Minuten besprechen kann, sind überschaubar. Wenn es also unbedingt auch um das neue Ringo-Album gehen muss, bleibt wenig Zeit für anderes. Themen wie: die Beatles, Alkohol, Hamburg oder den Brexit, den Ringo offenbar begrüßt, wie kürzlich zu lesen war. Für eine politische Diskussion sind zehn Minuten eindeutig zu knapp. Stattdessen soll es zehn Minuten lang um Ringos 19. Soloalbum gehen, Give More Love. Die meisten Menschen dürften die 18 vorangegangenen Alben nicht bemerkt haben, denn die Anzahl von Ringos Solo-Hits ist überschaubar.

Bei den Beatles war Ringo immer der Gutgelaunte. Zeitweilig bekam er sogar mehr Fanpost als die anderen drei Bandmitglieder. Ein großer Songschreiber war er nie, eine herausragende Stimme war ihm auch nicht gegeben. Immerhin galt er immer als präziser Schlagzeuger. Während John, Paul und George im Studio an neuen Liedern arbeiteten, spielte Ringo gern mal mit den Tontechnikern Karten.

Seit dem Ende der Beatles nahm Ringo seine eigenen Platten mit vielen prominenten Gästen auf und trank zeitweilig zu viel. Bis heute pendelt er zwischen seinen Wohnsitzen in London, Monaco und Los Angeles.

Ringo Starr, der Urgroßvater ist, hält an diesem sonnigen Septembernachmittag Hof in einem Luxushotel im Londoner Stadtteil Belgravia. Im ersten Stock herrscht Ringo-Alarm. Seine Plattenfirma hat für ihn mehrere Räume belegt, sodass er von Audienz zu Audienz tänzeln kann, ohne kostbare Zeit zu verlieren.

Unvermittelt, früher als geplant, geht die Tür auf, und Ringo kommt hereingehüpft. Er wirkt klein, drahtig und aufgekratzt. "Peace and love!", sagt er zur Begrüßung, lächelt und hebt den rechten Ellenbogen. Fremden gibt Ringo nie die Hand, sondern bietet ihnen immer nur den Ellenbogen zum Gruß. Also werden kurz die Ellenbogen gerieben, dann setzt sich der Künstler. Er wirkt deutlich jünger als 77. Gemeinsam mit ihm hat eine streng dreinblickende Frau den Raum betreten, grußlos. Sie bleibt in seiner Nähe stehen und verkündet: "Sie haben zehn Minuten!"

"Gern auch weniger", sagt Ringo, "ich habe viel zu tun. Aber lassen Sie uns schnell über mein neues Album sprechen. Ich habe es zur Sicherheit gleich mal mitgebracht", sagt er, hält die CD hoch und fügt grinsend hinzu: "Falls Sie die vergessen haben sollten."

ZEITmagazin: Mister Starr, ich bin mit der U-Bahn hierhergekommen. Wann sind Sie das letzte Mal U-Bahn gefahren?

Starr: Oh, das ist eine Weile her. Genaugenommen war das vor einer Ewigkeit.

ZEITmagazin: Jahre oder Jahrzehnte?

Starr: Zwanzig Jahre! Mindestens. In Zügen war ich seitdem schon ab und zu mal unterwegs, aber nie in der U-Bahn. Ich würde da auch immer für zu viel Trubel sorgen, weil ich die ganze Zeit singe und tanze.

ZEITmagazin: Kommt es jemals vor, dass Sie in der Öffentlichkeit unterwegs sind und nicht erkannt werden?

Starr: Tatsächlich werde ich viel seltener erkannt, als Sie sich das vielleicht ausmalen. Wenn ich hier in London oder in Los Angeles allein spazieren gehe, falle ich so gut wie nie auf. Eigentlich ist es überall so, Paris oder Amsterdam, kein Mensch erkennt mich, wenn ich nicht arbeite. Wenn die Leute allerdings wissen, dass ich in der Stadt bin, zum Beispiel für ein Konzert, dann herrscht eine andere Aufmerksamkeit. Ich komme gerade aus Sydney, wo ich ganz privat war. Glauben Sie mir, da hat mich kein Mensch erkannt. Ein herrliches Gefühl. Solange ich da draußen tatsächlich nicht zu tanzen anfange, bin ich unsichtbar.

Ringo Starr, 77, heißt eigentlich Richard Starkey. Er ersetzte bei den Beatles 1962 Pete Best am Schlagzeug. Starr war nie ein großer Sänger oder Komponist, prägte aber als Schlagzeuger den Sound der Beatles. Seit 1981 ist er mit der Schauspielerin Barbara Bach verheiratet. © Jason Merritt/Getty Images

ZEITmagazin: Das Tanzen bedeutet Ihnen offenbar sehr viel. Schon Ihr Vater soll ganze Nächte in Pubs durchgetanzt haben. Was finden Sie so toll am Tanzen?

Starr: Fragen Sie das mal Benmont Tench, der sonst Piano in Tom Pettys Band spielt. Bei den Aufnahmen zu meinem neuen Album sagte er mir, wie sehr er es liebt zu spielen, während er mir beim Tanzen zusieht. Er sagte, dass er dabei ein präzises Gefühl für den Rhythmus der Musik bekommt. Wissen Sie, ich bin ein Rhythmusmensch, deshalb bin ich Schlagzeuger geworden. Rhythmus ist alles für mich. Und wenn ich mit anderen Musikern im Studio bin, die gerade etwas aufnehmen, fange ich gern mal an zu tanzen. Seit ich denken kann, liebe ich es zu tanzen. Ich hatte sogar mal Unterricht im Stepptanzen. Das war Anfang der siebziger Jahre bei einem Mann, der den Stepptanz bei Gene Kelly gelernt hatte. Das war umwerfend für mich. Meine Stepptanzschuhe von damals habe ich immer noch. Tanzen ist für mich eine Art, mich auszudrücken – so wie die Musik.

ZEITmagazin: Auf Ihrem neuen Album spielt bei zwei Songs auch ...

Starr: ... Paul McCartney mit, der beste Bassist, dem ich jemals begegnet bin. Und deshalb habe ich ihn auch gebeten, mich bei diesen beiden Songs zu unterstützen. Ich kenne ihn eben ziemlich gut und weiß genau, wie er spielt. Kein Bassist auf diesem Planeten spielt melodischer als er. Also rief ich ihn an, er sagte sofort zu und kam dann zu mir nach Los Angeles. Dort hörte er sich den Song Show Me the Way an – und war danach immer noch bereit, bei diesem Lied mitzuspielen, was mich gefreut hat. Dann machte er auch noch bei dem Song We’re on the Road Again mit, ein lustiges kleines Lied, das zu uns beiden passt, weil wir immer noch ständig unterwegs sind.

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