Tom Dixon: "Särge werden als Designobjekte bis heute ignoriert"

Tom Dixon ist einer der einflussreichsten Möbeldesigner unserer Zeit. Jetzt hat er für Ikea ein Sofa entworfen. Ein Gespräch über das Wohlfühlen und den Zauber von Erbstücken Interview:
ZEITmagazin Nr. 41/2017

ZEITmagazin: Herr Dixon, Sie haben für das schwedische Möbelhaus Ikea gerade Ihr erstes Sofa Delaktig entworfen. Wie funktioniert so eine Zusammenarbeit?

Tom Dixon: Ich bin tatsächlich auf Ikea zugegangen. Ich dachte, mittlerweile müsste ich doch eine Position erreicht haben, die es mir erlaubt, die Lieferkette von Ikea anzuzapfen und für meine eigenen Ziele zu nutzen. Ein bisschen so wie in dem Film Jack the Giant Slayer, in dem das Individuum die Riesenmaschinen übernimmt. Ein Grund, warum das so gut geklappt hat, war aber auch, dass ich von Kollaborationen wie diesen nicht mehr abhängig bin, sondern ein eigenes Geschäft habe, das sich selbst trägt. Ich konnte diese Entscheidung sehr bewusst treffen und habe mir keine Illusionen gemacht, wer Ikea ist oder sein will. Für mich war die Zusammenarbeit eher ein Weg, um mal wieder mit richtig tollen Ingenieuren und in richtig guten Werkstätten arbeiten zu können. Ikea hat ja die besten Werkstätten für Prototypen weltweit.

ZEITmagazin: War von Anfang klar, dass Sie ein Sofa entwerfen würden?

Dixon: In einem relativ kleinen Studio, wie wir es bei Tom Dixon sind, gibt es Objekte, die sich nie realisieren lassen werden, weil Umfang und Aufwand einfach zu groß sind. Dazu gehören vor allem Polsterteile wie Betten oder Sofas. Also habe ich Ikea zuerst Ideen für Betten vorgeschlagen. Obwohl, Moment, das stimmt so nicht. Die allererste Idee war ein Sarg. Den will ich nämlich seit 15 Jahren machen. Es gibt nicht viele Dinge im Leben, die immer noch nicht für gutes Design stehen. Dazu gehören Babybetten und Särge. Was eigenartig ist, weil sowohl die Geburt als auch der Tod unvermeidlich zum Leben gehören. Vor allem Särge werden als Designobjekte bis heute ignoriert, weil die Angst der Menschen vor dem Tod immer größer wird. Einen Sarg zu entwerfen wäre doch ein spannendes Projekt. Leider will es niemand mit mir realisieren. Auch nicht Ikea. Also schlug ich ein Bett vor. Ikea wollte aber lieber ein Sofa. Schließlich haben wir uns auf ein Sofabett geeinigt.

ZEITmagazin: Welche Eigenschaften sollte das Sofabett unbedingt haben?

Dixon: Mir war besonders wichtig, dass es erschwinglich ist. Wir haben uns am Anfang vor allem die Gestelle und Paletten angeschaut, die Ikea benutzt, um Objekte anzuheben. Diese Teile kosten oft nicht mehr als drei Euro. Daraus ein Sofa zu machen, das drei Euro kostet, wäre brillant gewesen. Ganz so günstig ist es letztlich nicht geworden, aber immer noch sehr erschwinglich. Außerdem sollte es einen industriellen Charakter hat. Viele Produkte von Ikea sind aus Holz und nicht sehr langlebig. Gleichzeitig sind die Menschen heutzutage viel in Bewegung. Sie müssen flexibler sein und öfter umziehen. Wir wollten etwas entwerfen, das auch einen Umzug übersteht und nicht bei der nächsten Lebensveränderung weggeworfen werden muss. Der dritte Aspekt war das "hacking". Wir wollten bestehende Produkte von Ikea verwenden und ihnen eine neue Funktion geben. Also haben wir Ikea-Schüsseln gekauft, sie umgedreht, ein Loch reingeschraubt und daraus Tom-Dixon-Lampen gemacht, die man an den Rahmen des Sofas klemmen kann. Die Idee, nicht nur ein Sofabett zu machen, sondern den Rahmen auch als Anknüpfungspunkt für meine Objekte zu benutzen, war mir sehr wichtig.

ZEITmagazin: Sie haben bei der Entwicklung mit Designstudenten aus der ganzen Welt zusammengearbeitet. Wie war das?

Dixon: Ich finde es sehr befreiend, mit Studenten zusammenzuarbeiten und kein perfektes Objekt entwerfen zu müssen, sondern nur einen Ausgangspunkt, der den Weg für viele Ideen öffnet. Es gab sogar Ideen, die besser waren als meine. Das nervt natürlich ein bisschen. Die Studenten haben vor allem Zusatzgeräte und -objekte entworfen. Studenten aus New York haben zum Beispiel Vorschläge gemacht, um das Sofa für Katastrophen zu wappnen. Sie haben die Beine höhergestellt, damit man sich darunter verstecken kann, wenn ein Haus zusammenbricht, und eine aufblasbare Matratze eingesetzt, sodass man bei einer Flut wegschwimmen kann. Es ist interessant, worüber junge Menschen heute nachdenken und wie sie auf die Welt, in der wir leben, blicken. Dieses Katastrophenszenario erzählt ja sehr viel über das Weltbild dieser Menschen.

ZEITmagazin: Wer sitzt in Ihrer Vorstellung auf dem Sofabett?

Dixon: Konkret stelle ich mir niemanden vor, eher ein sehr vielfältiges Publikum. Ich würde mir wünschen, dass ich in zwanzig Jahren jemanden treffe, der das Sofa dann in einem ganz anderen Kontext nutzt. Der zum Beispiel die Elemente auseinandergenommen und zu einem Bilderrahmen umfunktioniert hat. Toll wäre auch, wenn es von staatlichen Institutionen genutzt werden würde. Behörden, Ämter, Gefängnisse.

ZEITmagazin: Am Wochenende leben Sie mit Ihrer Familie auf dem Land, unter der Woche wohnen Sie in London in einem alten Wasserturm gegenüber von Ihrem Studio nahe der Portobello Road. Haben Sie in dem Turm auch ein Sofa?

Dixon: Nein, bisher habe ich dort nur eine Chaiselongue. Unser Haus auf dem Land, wo meine Frau und meine zwei Töchter leben, ist vollständig eingerichtet, aber in dem Wasserturm habe ich kaum Möbel. Da bin ich wie viele andere Kollegen. Wenn man selbst Einrichtungsgegenstände entwirft, bleibt das eigene Zuhause auf der Strecke. Aber ich glaube, ich werde mir eins der Ikea-Sofas in den Turm holen.

Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren