Harald Martenstein Über Wolke sieben

Von
ZEITmagazin Nr. 42/2017

Ich wollte immer schon wissen, was "Wolke sieben" eigentlich genau bedeutet und wo diese Formulierung herstammt. Der Ausdruck "auf Wolke sieben schweben" beschreibt einen euphorischen Gefühlszustand, zum Beispiel Verliebtheit.

Meine Lektüre hat ergeben, dass sich "Wolke sieben" wahrscheinlich vom "siebten Himmel" ableitet. Dieser siebte Himmel kommt in der griechischen Mythologie, im Talmud und im Koran vor, laut Talmud wohnen dort unter anderem die Gerechtigkeit sowie die Seelen der Gerechten. Die Seelen verstorbener Sozialdemokraten und Sozialisten sind also, nach so vielen Wahlkämpfen im Namen der Gerechtigkeit, nahezu sicher im siebten Himmel anzutreffen. Außerdem wohnen im siebten Himmel die Dienstengel oder auch Engel vom Dienst. Die zwölf Dienstengel sind Untergebene und ausführende Organe der sieben Erzengel. Sieben Chefs mit Repräsentationsaufgaben und nur zwölf, welche die Arbeit machen – die Hierarchien im Himmel sind nicht gerade flach. Dass der siebte Himmel bei einer derartigen Firmenstruktur nicht schon längst insolvent ist, wird von den Gläubigen als ein Beweis für die Allmacht und die Güte Gottes angesehen.

Dienstengel Ombael zum Beispiel haucht den Seelen der Kinder pränatal die Anlage zur Hilfsbereitschaft ein, Teliel gibt ihnen Neugierde, Arahin macht sie fähig zu Reue und Läuterung. Myrrhail versucht, die jungen Seelen gegen Spaltungswünsche zu imprägnieren und das Streben nach Harmonie zu wecken, eine Seele, bei der dies misslang, scheint Oskar Lafontaine zu gehören. Wenn Oskar Lafontaine eines Tages auf Myrrhail trifft, wird er sich einiges anhören müssen. Der interessanteste Charakter unter den zwölf Dienstengeln gehört Chochmah. Der Job dieses Engels besteht darin, den ungeborenen Kindern das Leben einzuhauchen, dabei teilt er ihnen auch mit, was der Sinn des Lebens ist, er gibt ihnen das gesamte Wissen von der Welt. Alle Kinder kommen angeblich weise zur Welt. Dann verlernen sie schnell wieder ihre gesamte Weisheit, als mehrfacher Vater kann ich diese religiöse Sichtweise bestätigen. Im Augenblick des Todes aber kehrt die Gabe des Chochmah zurück, und der Mensch erkennt wieder den Sinn des Lebens, viel hat er nicht mehr davon.

Außerdem befinden sich im siebten Himmel oder auf Wolke sieben, gemäß den heiligen Schriften, die Seelen all derer, die in der Zukunft geboren werden, der gesamten künftigen Weltbevölkerung. Die Bevölkerungsstruktur von Wolke sieben besteht also aus den ungeborenen Seelen, den wohlmeinenden Dienstengeln sowie den Seelen der Gerechten, wobei nicht ganz klar ist, ob man die Selbstgerechten dazurechnen muss, das wäre schade. Alle ungeborenen Seelen sind demnach vor der Geburt viele Jahre lang auf Wolke sieben dem Einfluss von August Bebel, Kurt Schumacher, sicher auch von Abraham Lincoln und neuerdings auch vom zeitlebens von mir verehrten Heiner Geißler ausgesetzt. Das Ergebnis ist, wenn man sich die Erdenbürger anschaut, einigermaßen deprimierend.

Ich selber würde, bei allem Respekt, sowieso eine Wolke mit etwas mehr Diversität vorziehen, zu gegebener Zeit möchte ich mich auch mit so fragwürdigen Seelen wie Chuck Berry, Margaret Thatcher oder Buffalo Bill intellektuell austauschen.

Im Englischen heißt "Wolke sieben" übrigens cloud nine, weil die Briten sich von der chinesischen Mythologie haben inspirieren lassen statt vom Talmud. Bei den Chinesen leben nur die Götter auf Wolke neun, die Gerechten sind anderswo untergebracht.

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Gottes Teilchen und des Menschen Plunder. Der siebte Himmel hängt gemeinsam an Gott und der Welt - zahlenallegoretisch sowieso. Denn die Zahl Sieben setzt sich zusammen aus "Drei" (dem Creator, eben der Trinität der Gottesteilchen) und "Vier", aller creatura, eben der Schöpfung und deren Krone, dem Menschen. Deshalb hat die Heilige Zahl "Sieben" auch seit je eine breit ausgeprägte Stellung unter den Erscheinungsformen der Zahlensymbolik - da fällt die siebte Himmelssphäre des Aristoteles auch nicht weiter auf. Wichtiger erscheint vielmehr die Einheit von Gott und Mensch, zumal wenn es an das Jüngste Gericht geht - wenn die Sünder Richtung Höllensturz aus allen Wolken fallen. Dann auf Wolke Sieben zu stehen (Blick auf Michelangelo, Sixtinische Kapelle gefällig?!), auf der rechten Seite des Richters (natürlich aus Sicht der Betroffenen, nicht der Betrachter) - das ist der siebte Himmel. Allerdings eine kleine Einschränkung: Mit solchen Sündern wie Maggie Thatcher fiele dann der Kontakt schwer - Ausschließlichkeit gehört leider zu den unangenehmen Dingen theologisch binären Denkens. Es sei denn, der geschätzte Kolumnist machte es so wie Michelangelo in seinem Selbstportrait zu Füßen des Weltenrichters: Er beruft sich auf den Hl. Apostel Bartholomäus, streift seine alte Haut ab wie einen verschlissenen Armani-Anzug und hofft auf die Kraft der Fürbitte ... Das allerdings bedeutete für ihn: Keine Kolumnen mehr! Wer will das schon ... auch nicht über den Jüngsten Tag hinaus.

"Hauptsache, man muss sich das Ding nicht mit der Seele verstorbener Sozialdemokraten teilen" (O-Ton Trailer zum Artikel). Nein, da muß man sich doch einfach aufregen, liebe Redaktion - oder könnte mit dem berühmten evangelischen Pastor fragen: "Hast du auch verstanden, was du da liesest?" Der Autor hat die wohlgemeinte, aber ergebnislose Wirkung von Bebel, Schumacher, Lincoln und Geisler auf die nachkommende Weltbevölkerung beklagt - schon etwas ganz anderes, lieber Trailer-Lyriker, oder nicht?! Der einzige Sozialdemokrat, über den sich HM aufregt, ist der unvermeidliche Oscar - und der lebt noch bekanntlich (oder tut er nur so?!).