Die großen Fragen der Liebe Wie entkommt sie dem Schloss in den Wolken?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 42/2017

Die Frage: Doris ist heimlich in ihren Chef verliebt und malt sich seit Jahren ein Leben mit ihm aus. Gleichzeitig weiß sie, dass er verheiratet ist. Sie würde sich niemals in eine Ehe einmischen. Nach langem Zögern ringt sie sich dazu durch, ihrer Kollegin und Freundin Sarah davon zu erzählen. Doris weint am Ende und sagt, sie schäme sich schrecklich, so blöd zu sein und sich an eine aussichtslose Sache zu hängen. Sarah fühlt sich hilflos. Sie unterdrückt den Impuls, Doris zu sagen, sie solle sich endlich einen Mann suchen, der etwas von ihr will, es gebe doch heute so viele Möglichkeiten im Internet. Sie denkt: Das sagt sich Doris bestimmt auch selber – was kann ich nur tun, um sie aus ihrem Luftschloss herauszuholen?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Auf der einen Seite muss Doris tatsächlich anfangen, auf Partnersuche zu gehen, wenn sie den Weg zurück aus ihrem Wolkenkuckucksheim auf die Erde finden will. Denn ohne Erfahrungen mit realen Menschen bleibt die Fantasiewelt zu verführerisch. Auf der anderen Seite kann Doris sich selbst und ihr Verhalten nur schwer akzeptieren – und das ist möglicherweise ein Teil ihres Problems. So tut Sarah gut daran, Doris nicht zu tadeln. Es ist für die meisten Menschen nicht leicht, zu akzeptieren, dass Liebesbeziehungen nicht vom Himmel fallen, sondern im Straßenstaub riskiert werden müssen. Vielleicht lässt sich Doris ermutigen, mehr zu wagen, wenn ihre Freundin an ihrer Seite steht. Wenn das gar nicht geht, könnte Doris auch taktvoll eine Psychotherapie empfehlen.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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