Tom Tykwer Über den Wolken

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Ein Gespräch mit Tom Tykwer, dem Regisseur des Films "Cloud Atlas", über die Wolken im Kino und in seiner neuen Serie "Babylon Berlin". Interview:
ZEITmagazin Nr. 42/2017

ZEITmagazin: Herr Tykwer, wo haben Sie das letzte Mal gebannt auf eine Wolke gestarrt?

Tom Tykwer: In Südfrankreich, an der Atlantikküste. Eine gewaltige dunkelgraue Fläche mit akkurater Schnittkante zog in rasender Geschwindigkeit über das Meer auf uns zu, während wir am Strand rätselten, wie es möglich ist, dass sich die Form der Wolkendecke so gut wie gar nicht veränderte. Wie ein dunkler Vorhang ließ sie den sich stetig transformierenden Cumulushimmel verschwinden.

ZEITmagazin: Und was war die erste Wolke in Ihren Filmen?

Tykwer: Wenn ich mich recht erinnere, rückt in Die tödliche Maria, meinem ersten Spielfilm, in kaum einer Szene der Himmel ins Bild. In Winterschläfer spielt dann die Bewegung der schwebenden Eiskristalle über dem Watzmann eine große Rolle. Wir haben diesem Schauspiel oft frühmorgens beim Sonnenaufgang aufgelauert. In diesem Film spielen der Zufall und das Chaos sich überkreuzender Lebenswege eine große Rolle – und die Wolken spielten das Spiel mit.

ZEITmagazin: Kurze Zwischenfrage: Wie waren eigentlich die Wolken im Wim-Wenders-Film Der Himmel über Berlin?

Tykwer: Schön kulissenmalerisch und weich hinter Bruno Ganz, während er von weit oben auf die Stadt hinabblickt. Ich weiß allerdings bis heute nicht, ob das ein Foto oder ein gemalter oder vielleicht doch ein bewegter Himmel war, vor dem Herr Ganz da im Studio stand.

ZEITmagazin: In Ihrem Film Cloud Atlas gibt es das titelgebende Sextett, dessen Komposition eine große Rolle auf einer Ebene der Handlung spielt. Wie haben Sie sich die Wolkenmusik vorgestellt?

Tykwer: Wir haben versucht, eine Melodie zu finden, die sich endlos weiterentwickeln lässt, die etwas sich Ausdehnendes hat, Tonfolgen, die theoretisch unendlich fortgesetzt werden könnten und die sich dann doch auflösen. Mit hohen Tönen wie kleine Wassertropfen. Aber dieses Stück musste auch in die Epoche passen, also die zwanziger Jahre. Und irgendwie ein Ohrwurm sein. Puh!

ZEITmagazin: Dieser Film in seiner überbordenden Vielschichtigkeit, dem Vorüberziehen der einen Ebene und dem plötzlichen Auftauchen der anderen, alles nur lose miteinander verknüpft, erinnert einen permanent an das Spiel der Wolken. War das auch Ihre Assoziation?

Tykwer: Ja, am deutlichsten haben wir das im Schnitt empfunden: Ebenen lagen über- und untereinander, schoben sich ineinander. Manches war transparent, anderes undurchsichtig. Im Leben legen sich die Augenblicke ja auch oft übereinander, nicht wie wir es uns wünschen, sondern wie der Zufall sie arrangiert.

ZEITmagazin: Wolken sind ja eigentlich ebenfalls Ausdruck des Zufalls und der Freiheit. Können Sie den Antrieb verstehen, auch diesen Teil des Universums beherrschbar zu machen? So wie es der hochoffizielle Cloud Atlas im Jahr 1893 versuchte, den wir hier gemeinsam gerade vor Augen haben?

Tykwer: Das ist ein rührendes Projekt, Abbildungen von möglichst vielen Wolkenformationen zu sammeln und diese Kollektion einen Atlas zu nennen. Ein Atlas zeigt etwas Festgelegtes, also das Gegenteil von Himmelserscheinungen. Aber die Fotos sind sehr schön, gemäldehaft fast.

ZEITmagazin: Ihre neue Serie Babylon Berlin wirkt wie ein Ausflug in die Nächte der Roaring Twenties. Werden wir darin auch den Himmel sehen?

Tykwer: Ja, selten zwar, aber die Stadt ist eine Hauptdarstellerin und damit auch ihre Parks und Seen – Orte, die damals vom Volk erobert wurden.

ZEITmagazin: Die Vorstellung, dass die Menschen der zwanziger Jahre, wenn sie aus ihrem Berlin nach oben blickten, dasselbe sahen wie wir: Hat das für Sie etwas Beruhigendes oder Beängstigendes?

Tykwer: Sie sahen nicht dasselbe. Der Himmel ist immer anders, jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr.

ZEITmagazin: Anders als die Menschen im 18. Jahrhundert in Cloud Atlas oder die der zwanziger Jahre in Babylon Berlin blicken wir heute nicht mehr nur nach oben zu den Wolken. Für uns ist der Blick von oben herab auf die Wolken normal geworden – der Blick aus dem Flugzeugfenster. Nimmt dieser Blick den Wolken etwas von ihrem Zauber? Oder bleiben sie dennoch unbeherrschbar?

Tykwer: In Babylon Berlin gibt es eine Szene, in welcher der Held Gereon Rath erstmals in seinem Leben, im Jahr 1929, in ein Flugzeug steigt und abhebt. Der Moment, in dem sich das Ungetüm aus Stahl dann durch die Wolken und über sie hinaus erhebt, ist magisch, einzigartig – und für einen Menschen jener Zeit ein unglaublicher Vorgang. Nicht allein, dass wir aus höchster Höhe auf unsere Welt hinabblicken, ist so sensationell, sondern auch, dass wir über den Wolken, also über dem höchsten denkbaren Dach schweben können. Beunruhigend und wunderbar.

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Haben wir nicht noch Luther-Jahr?! Und - hat er nicht auch etwas "Bekennendes" zu Wolken in seinen "Tischgesprächen" vorgebracht? Aber ja doch: "Da ist denn der Papst mit seinen schädlichsten Traditionen ... herein gefallen, wie eine Wolkenbrust und Sündfluth". Wie - "Wolkenbrust"? Ehe die Assoziationen zu früh in die Irre gehen - das ist die ursprünglichere Variante des jüngeren "Wolkenbruch" (scissura nubis) und gibt die Sturzbäche (catarrhacta) wieder, die vom Himmel kommen, als sollte ein sündiges Babylon ersäuft werden. Schaut man auf zeitgenössische Illustrationen (etwa Michael Wohlgemut in Hartmann Schedels Weltchronik von 1493, fol. CXLVIr), so gehören zu "erschroeckenliche zaichen" einer gezeichneten Starkregenkatastrophe am Tiber Bluttropfen und Steinschlag aus den geborstenen Cumulonimbi mammati (Wolken mit Brüsten an ihrem unteren Rande).Wenn die Welt via himmlischer Fügung untergehen sollte, dann haben sich Luthers Zeitgenossen offenbar darunter das Wirken mörderischer weiblicher Wolken vorgestellt ...