© Herlinde Koelbl

Das war meine Rettung "Ich bin immer am besten im Zustand der Unwissenheit"

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Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 42/2017

ZEITmagazin: Herr Kentridge, als Kind haben Sie auf dem Rücken liegend die Wolken beobachtet. Sind Sie immer noch ein Träumer?

William Kentridge: Das ist ja eine Art aktives Träumen. Du kannst nicht entscheiden, als was sich die Wolke entpuppen wird, aber dein Verstand beginnt automatisch, Sinn zu erzeugen. Ist es ein Hund oder vielleicht ein Gesicht? In meinem Atelier zeichne ich drei Linien und kann gar nicht anders, als zum Beispiel einen Baum darin zu erkennen.

ZEITmagazin: Ihr Vater hat Nelson Mandela vor Gericht verteidigt. Seine Kreuzverhöre waren gefürchtet. Auch von Ihnen?

Kentridge: Um in seinen Kreuzverhören nicht unterzugehen, musste man sich eine Denkweise aneignen, die nicht zerpflückt werden konnte. Wenn ich Blumen zeichne, kann ich entscheiden, ob ich die pink oder schwarz mache, und das kann nicht hinterfragt werden. "Warum hast du die Blumen schwarz gemalt?" funktioniert nicht. Die fehlende Logik macht Kunst somit resistent gegen Kreuzverhöre. Dass meine Eltern Anwälte waren, hatte also sicherlich großen Einfluss darauf, dass ich Künstler wurde.

ZEITmagazin: Sie haben schon viel in Ihrem Leben ausprobiert – dabei gab es auch Fehlschläge, von denen Sie einmal sagten, dass diese Sie gerettet haben.

Kentridge: Ich war ein miserabler Schauspieler, ein sehr schlechter Maler und ein fürchterlicher Filmemacher. Es war äußerst demütigend und schmerzhaft, an die eigenen Grenzen zu stoßen. Nach diesen missglückten Versuchen landete ich wieder in meinem Studio in Johannesburg. Rückblickend war es mein Glück, dass ich in allem so schlecht war. Wäre ich nur ein wenig besser gewesen, wäre ich heute vielleicht ein zweitklassiger Schauspieler. Insofern hat mich mein Scheitern gerettet.

ZEITmagazin: Und Sie haben wieder angefangen zu zeichnen.

Kentridge: Anfangs hatte ich das Mantra im Kopf: Du hast kein Recht darauf, Künstler zu sein. Aber mit der Geburt unseres ersten Kindes verschob sich mein Fokus. Ich hörte endlich auf, mich nur egoistisch in meinen Ängsten zu wälzen und mich jammernd und winselnd zu fragen, was ich werden sollte. Danach konnte ich viel entspannter an die Zeichnungen rangehen. Es half sicher auch, dass ich keinen finanziellen Druck hatte, da meine Frau als Ärztin genügend verdiente.

ZEITmagazin: Mittlerweile sind Sie sehr erfolgreich.

Kentridge: Doch anfangs war es hart. Die Unsicherheit, ob die Zeichnungen jemals gezeigt werden oder ob sie nur in den Schubladen verstauben würden, war wie ein Joch, das mich niederdrückte. Manchmal war ich schon erschöpft, sobald ich das Studio betrat. Diese Lethargie legte sich erst, wenn ich anfing zu zeichnen. Dann kam die Energie zurück, und es fühlte sich an, als könnte ich fliegen. Im Moment des Schaffensprozesses verspüre ich oft eine große Sicherheit. Aber dann, meistens um vier Uhr morgens, kommt ein Punkt, an dem die Zweifel an der Arbeit wiederkehren, und der Panikvogel findet immer einen Ast, auf dem er sitzen und Angst einflößen kann. Aber vielleicht braucht es dieses grundlegende Unbehagen, um ein guter Künstler zu sein.

ZEITmagazin: Früher sagten Sie: Meine Arbeiten sind am besten, wenn ich nicht weiß, was ich tue.

Kentridge: Ich bin immer am besten im Zustand der Unwissenheit. Deshalb gibt es nie ein Storyboard. Überraschungen in der Produktion erachte ich als Segen.

ZEITmagazin: Sie zeichnen hauptsächlich in Schwarz-Weiß. Die Figuren in Ihren Filmen haben keine Stimme, aber Musik spielt eine große Rolle.

Kentridge: Ich denke nicht in Farben, sie sind für mich allenfalls Fußnoten. Und die Figuren haben keine Stimme, da es umständlich wäre, lippensynchron zu zeichnen. Musik hingegen verleiht dem Film nicht nur Atmosphäre, sondern auch Struktur. Der Rhythmus beschleunigt oder verlangsamt die Bewegung in den Bildern.

ZEITmagazin: Sind Sie selbst ein guter Tänzer?

Kentridge: Meine Kinder verneinen das. Aber ich tanze sehr gerne. Während eines Jahres in Paris am Theater habe ich erkannt, dass Kunst auch eine Aktivität des Körpers ist. Und es hat mir geholfen, die Bewegungsabläufe in den Animationen besser zu verstehen.

ZEITmagazin: Hatten Sie Krisen in Ihrem Leben?

Kentridge: In jedem Projekt gibt es einen Punkt, an dem man überzeugt ist, dass es ein absolutes Desaster werden wird. Gott sei Dank hat es bisher immer noch geklappt. Dieser Gedanke hilft mir in solchen Phasen weiter. Aber der eigentliche Trost kommt aus der Arbeit im Studio. Wenn ich emotional gestresst ins Studio gehe, gibt mir die physische Aktivität des Zeichnens ein immenses Wohlgefühl und eine große Erfüllung.

Das Gespräch führte Herline Koebl. Sie gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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