Gesellschaftskritik Über Wolken, die es weit brachten

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 42/2017

Wer an Prominente denkt, denkt an Menschen, dabei haben es auch ein paar wenige Wolken zu Berühmtheit gebracht. Die Mutter aller Promi-Wolken ist wahrscheinlich der Atompilz von Hiroshima. Überhaupt sind es in der Regel böse Wolken, die bekannt werden, die nächste war der London-Smog, jener aus Fahrzeugen und Kohleheizungen stammende Nebel, der im Dezember 1952 so dicht wurde, dass er Tausende Bewohner der Stadt das Leben kostete. Zum Glück war es danach jahrzehntelang ruhig an der Wolkenfront. Bis die Schriftstellerin Gudrun Pausewang 1987 in ihrem Jugendroman Die Wolke ein radioaktives Himmelsgebilde über Deutschland ziehen ließ. Es war zwar fiktiv, doch in der Realität ließ es eine ganze Generation von Schulkindern mit No-Future-Buttons über die Schulhöfe schleichen, die jedem Erwachsenen, der sie zur Berufsberatung schicken wollte, sofort das Wort "Fallout" entgegenschleuderten. Wozu noch Bankkaufmann werden, wenn demnächst eine atomare Wolke am Horizont alles zerstören würde? (Ein Gutes hatte "Die Wolke" aber immerhin: Den Gestalter dieser Ausgabe, Florian Illies, prägte das Buch und inspirierte ihn zum Thema dieses Literaturhefts.)

Zum Glück kam nach Pausewangs fiktiver Wolke lange nichts. Die Zeit verstrich, die Erde drehte sich, die Wolken brachten Regen oder Schnee, aber keine davon fiel weiter auf. Die einsame Wolke in dem Film Die Truman Show muss man wohl als C-Promi-Wolke klassifizieren, kaum jemand erinnert sich an sie.

Dann aber, 2010: Der Eyjafjallajökull bricht aus, ein isländischer Vulkan. Eine riesige Aschewolke zieht über Europa, eine Woche lang ist der Flugverkehr lahmgelegt, in Europa werden 100.000 Flüge gestrichen.

Wie heißt es noch mal? Gute Wolken kommen in den Himmel, böse Wolken kommen überallhin. Ganz normale Schäfchenwolken, die einfach nur vorbeiziehen, Schatten spenden, die Menschen ans Verstreichen der Zeit erinnern, um schließlich wieder zu vergehen, schaffen es vielleicht in ein Gedicht. Wobei: In den letzten Jahren hat sich was getan an der Wolkenfront. Seit jeder ein Fotohandy in der Tasche hat und damit etwas so Nebensächliches wie Wolkenformationen fotografieren und in alle Welt verbreiten kann, gibt es tatsächlich auch gute Wolken, die es zumindest auf YouTube zu einiger Popularität bringen, obwohl sie nichts weiter tun, als einfach nur gut auszusehen.

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

... und in meine Wolke kommt keiner rein - metaphorisch gesehen. Schließlich war "clod" im Altenglischen ja auch ein hermetisches Felsmassiv, erst recht, wenn es am Himmel so aussah. Ob der "rollende Stein" Mick daran gedacht hat, als er nach "Satisfaction" völlig erschöpft dichtete: "Hey - You - Get off of my cloud"? Wohl kaum - erfühlte sich ja auch nicht auf "Cloud Nine" (= Wolke Sieben), nach dem "International Cloud-Atlas" von 1895 die Bezeichnung für den Cumulonimbus, der Wolke, auf der man am besten kuscheln konnte. Nur wollte der Rolling Stone Jagger allein sein: "Don't hang around, baby, two's a crowd on my cloud".