2007-2017 Wie es wurde, was es ist

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ZEITmagazin Nr. 43/2017

2007 – was für ein Jahr! Apple präsentiert das erste iPhone und verändert die Art, wie wir kommunizieren. Links von der SPD gründet sich in Deutschland die Linkspartei neu und macht damit das, was sich einige Jahre später rechts wiederholen wird. In Bayern tritt Ministerpräsident Edmund Stoiber zurück, in Frankreich wird Nicolas Sarkozy Präsident, und in Russland gewinnt Wladimir Putin das, was man in Russland Wahlen nennt. Die Bahn wird bestreikt, der Sturm Kyrill fegt übers Land, und in Hollywood gewinnt der deutsche Film Das Leben der Anderen einen Oscar. Die Frauennationalmannschaft wird Fußballweltmeister, die Männernationalmannschaft Handballweltmeister. Alle schwärmen vom Eisbären Knut im Berliner Zoo. Und nach acht langen Jahren Pause erscheint das ZEITmagazin wieder und fragt die Leserinnen und Leser auf der Titelseite: "Kennen wir uns nicht?"

Was ist eigentlich seitdem passiert? Davon erzählen wir in dieser Ausgabe. Wir erinnern uns an Geschichten aus dem ZEITmagazin und erzählen, wie sie weitergegangen sind. Aber wir wollen uns nicht nur mit uns selbst beschäftigen: Wir berichten auch, wie es um den internationalen Magazinjournalismus heute steht. Wir besuchen David Remnick, den Chefredakteur des wahrscheinlich besten Magazins der Welt, des New Yorker. Wir reisen mit der größten Reisezeitschrift der Welt, National Geographic, zu den Eisbären am Nordpol. Und wie Sie sehen, erzählen wir große Ereignisse der vergangenen zehn Jahre anhand von zehn besonderen Titelseiten anderer Zeitschriften. Von der Wahl Barack Obamas 2009 und den damit verbundenen Hoffnungen – bis zur Wahl Donald Trumps 2016 und den damit verbundenen Ängsten. Die Flüchtlingskrise begann schon früher, als viele heute meinen, wie man am Time- Cover von 2012 sehen kann. In Fukushima kam es zur Nuklearkatastrophe, für die der Künstler Christoph Niemann mit seinem Cover das treffende Bild zeichnete – die Bundesregierung beschloss kurz darauf den Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie. Die gleichgeschlechtliche Ehe wurde 2013 in Kalifornien eingeführt, was den New Yorker dazu brachte, Ernie und Bert fernsehen zu lassen – 2015 folgte der Rest der USA, und 2017 war es auch in Deutschland so weit, als Angela Merkel, 2015 zur "Person of the Year" gekürt, in einem Nebensatz die Abstimmung im Bundestag möglich machte. In den vergangenen Jahren fand auch der Wiederaufstieg von Wladimir Putin statt, dessen internationaler Einfluss mittlerweile bis nach Amerika reicht, wo er alles dafür tat, den Ausgang der Wahlen zu beeinflussen.

2007 – was für ein Jahr! Für mich persönlich beginnt der Start des neuen ZEITmagazins mit einem Schock, den mir ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo versetzt. Er hat mich im Herbst 2006 zu einem Essen in einem japanischen Restaurant in Berlin eingeladen, und während ich eine Miso-Suppe auslöffele, sagt er: "Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für dich, welche willst du zuerst hören?" – "Die schlechte." – "Rainer Esser und ich wollen das LEBEN einstellen." Das ist das Ressort der ZEIT, das ich damals leite. Der Suppenlöffel fällt mir fast aus der Hand. "Aber wir wollen das ZEITmagazin zurückholen."

Im Stillen entwickeln wir in einer kleinen Gruppe von Kolleginnen und Kollegen in den kommenden Monaten das Konzept des neuen Magazins: Michael Biedowicz, Matthias Kalle, Katja Kollmann, Stephan Lebert und Matthias Stolz. Einmal wird spontan eine Präsentation im Verlag organisiert, wir sollen unser Titelkonzept anhand von verschiedenen Themen vorstellen. Also suchen wir spannende Bilder und überlegen uns dazu Geschichten. Ich sehe zwei Fotos aus einem Shooting, die einen Mann zeigen, der einen Luftballon aufbläst, der auf dem zweiten Foto platzt. Wäre das nicht ein starkes Cover mit zwei Titelseiten, die aufeinanderfolgen? Bei der Verlagspräsentation zeigen wir eine Reihe von Covern mit Themen und ebendiesen Doppeltitel. Von ihm sind alle begeistert, dann sagt einer aus der Runde: "Das ist super, aber ihr schafft das nie und nimmer jede Woche." Dieser Satz weckt natürlich unseren Ehrgeiz. Heute, zehn Jahre später, ist der Doppeltitel ein Markenzeichen des ZEITmagazins.

Schon in dieser ersten Konzeptionsphase entstehen viele Ideen, die das Magazin bis heute prägen: die Deutschlandkarte, Stefan Kleins Wissenschaftsgespräche oder die Interviewreihe "Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt" von Giovanni di Lorenzo, an die sich der ZEIT-Chefredakteur auf der letzten Seite dieser Jubiläumsausgabe noch einmal erinnert. Dazu kommen Kolumnen und Serien, die bereits im Ressort LEBEN laufen: "Ich habe einen Traum", die Spiele mit dem legendären "Um die Ecke gedacht" und vor allem Harald Martenstein, dessen Kolumnen für viele Leser bis heute das Erste sind, was sie in der gesamten ZEIT lesen.

Im Mai 2007 erscheint das ZEITmagazin also erstmals wieder nach acht Jahren Pause, und im Laufe der ersten Monate feilen wir Woche für Woche an der Gestaltung und der Bildsprache, mit unserem neuen Creative Director Mirko Borsche und dem ebenfalls neu zu uns gekommenen Fotografieberater Andreas Wellnitz. Später stoßen Jasmin Müller-Stoy als Art-Direktorin und Bildchefin Milena Carsten zur Führungsriege hinzu.

Neue Formate wie die "Gesellschaftskritik", die "Fragen der Liebe" oder die Interviewreihe "Das war meine Rettung" werden entwickelt, der viel zu früh verstorbene Roger Willemsen bilanziert jedes Vierteljahr das Weltgeschehen. Elisabeth Raether übernimmt im "Wochenmarkt" die Nachfolge von Wolfram Siebeck und wird zu unserer beliebtesten Kolumnistin.

Das ZEITmagazin wird so oft wie kein anderes Printmedium beim wichtigsten Wettbewerb für Magazine, Zeitungen und Online-Seiten, den Lead Awards, ausgezeichnet. Unsere deutsch-arabische Ausgabe gewinnt 2016 als erster journalistischer Beitrag in der 50-jährigen Geschichte des deutschen Art Directors Club den Hauptpreis des Wettbewerbs, den Grand Prix.

Die erste Ausgabe 2007 erscheint mit einer investigativen Recherche: Deutschlands bekanntester Undercover-Journalist Günter Wallraff ist wieder da. Er deckt die Missstände in deutschen Callcentern auf, das politische Beben ist so groß, dass sich später wegen seiner Recherchen die Gesetzeslage ändert. In den kommenden Jahren wird Wallraff immer wieder undercover recherchieren, etwa über die Produktion von Billigbrötchen oder die Situation in Obdachlosenheimen. In unserer Jubiläumsausgabe erzählt er, der gerade 75 wurde, von seinem persönlichen Traum.

Das alte ZEITmagazin, auf die Welt gekommen 1970, war ein Kind der Hippie-Generation, und dieses Erbe haben wir uns bewahrt. Das neue ZEITmagazin ist aber auch ein Kind des digitalen Zeitalters, im selben Jahr auf die Welt gekommen wie das iPhone. Schon zum Start 2007 waren wir mit dem ZEITmagazin auf StudiVZ, kurz darauf auf Facebook, ebenso bald auf Instagram, Snapchat, Twitter und Co. Social Media hat uns Türen geöffnet, wir konnten uns neuen Leserinnen und Lesern vorstellen, die die ZEIT bis dahin nicht gelesen hatten.

Seit 2013 erscheint zweimal im Jahr unsere englischsprachige international issue mit dem Untertitel The Berlin State of Mind mit den besten Geschichten der wöchentlichen Ausgabe sowie exklusiven Beiträgen wie Bernd Ulrichs Kolumne The Merkel State of Mind, Executive Editor ist ZEITmagazin- Redakteur Jürgen von Rutenberg, der in den USA aufwuchs. 2015 starten wir gemeinsam mit ZEITONLINE unsere digitale Seite ZEITmagazinONLINE, 2016 kommt ZEITmagazin MANN an den Kiosk, das ebenfalls zweimal im Jahr erscheint, zuletzt mit einer Titelgeschichte über den Fußballtrainer Thomas Tuchel. Verantwortlicher Redakteur ist Sascha Chaimowicz. Im selben Jahr starten unsere Stadtausgaben ZEITmagazin Hamburg und ZEITmagazin München, die zweimal im Jahr der ZEIT beiliegen. Tillmann Prüfer verantwortet nicht nur die Stil-Berichterstattung in allen Titeln, die zum ZEITmagazin gehören – er ist auch der Kopf unserer Modekonferenz, die zweimal jährlich während der Berliner Fashion Week stattfindet. Live kann man das Magazin immer wieder erleben, etwa bei Talks mit Bernie Sanders, Hillary Clinton, Jan Böhmermann, Diane Kruger oder Michael Douglas und mit Moritz von Uslars 99 Fragen, die er auf seine unvergleichliche Art Gesprächsgästen immer wieder auch vor Publikum stellt. Und seit einem halben Jahr schreibe ich gemeinsam mit der Autorin Ricarda Messner und Matthias Kalle, dem stellvertretenden Chefredakteur des ZEITmagazins, den täglichen Newsletter Was für ein Tag!, der von montags bis freitags um 17 Uhr verschickt wird .

2017 – was für ein Jahr! Seit zehn Jahren gibt es das neue ZEITmagazin, vielleicht bekommt Deutschland eine Jamaika-Regierung, im Dezember läuft der achte Star Wars- Teil im Kino an, der neue Bayern-Trainer heißt zum vierten Mal Jupp Heynckes.

Hätte man vor zehn Jahren ja auch alles nicht geglaubt.

Zehn Jahre neues ZEITmagazin!

Verrückt, was in dieser Zeit alles passiert ist!

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