© David Levenson/Getty Images

David Remnick Der New Yorker

Der Reporter David Remnick wurde 1998 völlig überraschend Chefredakteur des renommierten "New Yorker". Seither stieg die Auflage um 400.000 Exemplare. Wie hat er das gemacht? Von
ZEITmagazin Nr. 43/2017

Am Ende eines langen Arbeitstages Ende September steht David Remnick, 58, Chefredakteur der Zeitschrift The New Yorker, in seinem Büro im 38. Stock des One World Trade Center in Manhattan und zeigt auf das umstrittenste Titelbild, das er bislang verantwortet hat. Als zu Beginn der Ära Obama zum wiederholten Mal von Rechtspopulisten Verschwörungstheorien über den angeblich wahren Glauben des US-Präsidenten in die Welt gesetzt worden waren, hatte David Remnick eine Zeichnung von Barack Obama in traditioneller muslimischer Kleidung und Michelle Obama als bewaffneter Terroristin aufs Cover genommen. Eine Karikatur, die zeigen sollte, wie absurd die Unterstellungen waren. Aber das konnte man auch anders sehen. Die Verwirrung und Empörung über das Titelbild waren groß, besonders im Weißen Haus. Remnick gab Interviews, verteidigte sich live auf CNN. "Es war ganz klar ein Witz", sagt Remnick, "aber die Obama-Leute sind durchgedreht."

Remnick hält jetzt, um genau zu sein, nicht sein Originalcover in den Händen, sondern eine Parodie. Die berühmten Comedians Jon Stewart und Stephen Colbert haben damals die New Yorker-Illustration für eine Titelseite von Entertainment Weekly nachgestellt. "Ich bin den beiden bis heute dafür dankbar", sagt Remnick, und seinem anschließenden Lachen hört man die Erleichterung deutlich an. Mit der Veröffentlichung dieser Parodie drehte sich der Wind.

Hat Barack Obama selbst auf das Cover reagiert? "Wir haben darüber nie direkt gesprochen", sagt Remnick. "Er hat so getan, als habe er den Witz nicht verstanden. Aber er wusste natürlich genau, worum es ging. Dafür ist er viel zu smart." Obama hat das Cover nie angesprochen? Die beiden treffen sich seit Jahren wieder und wieder zu ausführlichen Interviews, 2010 hat Remnick eine über 600 Seiten lange Obama-Biografie veröffentlicht, ein internationaler Bestseller. "Manchmal, wenn wir uns treffen, macht Obama mir ein Kompliment zu meiner Arbeit als Autor, aber er redet dann immer nur über mein Muhammad-Ali-Buch. Über die Biografie, die ich über ihn geschrieben habe, hat er noch nie ein Wort verloren. Wer würde schon ein Buch mögen, das über ihn selbst geschrieben wurde?" Kurze Pause. "Und wissen Sie, was? Eigentlich finde ich die Vorstellung gut, dass ein amtierender Präsident nicht so narzisstisch ist, ein 600-Seiten-Buch über seinen eigenen Aufstieg zu lesen."

Der New Yorker, gegründet 1925, ist eines der berühmtesten Magazine der Welt – mit seiner einzigartigen und manchmal auch eigentümlichen Mischung aus langen Reportagen, Essays und Porträts, ebenso vielen Cartoons, die über die Seiten gestreut werden, kurzen Lokalberichten und politischen Kommentaren, die salopp unter dem Titel Talk of the Town zusammengefasst werden, Buch- und Filmkritiken, exklusiven literarischen Veröffentlichungen – und natürlich den Titelbildern, die, eine besondere Besonderheit, ausschließlich von Illustratoren gestaltet werden. Wer aber vor, sagen wir, 20 Jahren darauf gewettet hätte, dass ausgerechnet der New Yorker unter all den großen, legendären amerikanischen Magazinen wie Time , Newsweek oder Vanity Fair 2017 am besten dastehen würde, mit einer steigenden Auflage, die gerade die Rekordhöhe von wöchentlich 1,2 Millionen verkauften Exemplaren erreicht hat (als Remnick begann, lag die Auflage bei 800.000), der wäre wohl selbst zum talk of the town geworden.

Wie ist es dazu gekommen? Welche Rolle spielt David Remnick dabei? Und wie sieht er die Welt der Magazine heute? Mit diesen Fragen sollte unsere Begegnung am frühen Nachmittag beginnen. Pünktlich ist der Reporter am One World Trade Center eingetroffen, der Verlag Condé Nast, in dem neben dem New Yorker auch die Vogue, Vanity Fair und viele Lifestyle-Magazine erscheinen, ist vor zwei Jahren vom Times Square hierhergezogen. Der New Yorker, das Prestige-Magazin des Verlags, sitzt ganz oben, im 38. Stock. Es ist still auf den Gängen der Redaktion, eine freundliche Assistentin bietet dem Besucher einen Kaffee an. "David ist noch bei einem Termin mit dem Vorstandsvorsitzenden, der etwas länger dauert als geplant", sagt sie. "Er ist aber bestimmt bald da."

Als David Remnick mit schnellen Schritten auf einen zugeht, fällt sofort auf: Er ist gut in Form, sieht deutlicher jünger aus als 58, volle dunkle Haare, dunkle Augen, an diesem Tag trägt er ein hellblaues Hemd, graue Hosen und ein blaues Sakko. "Hi", er entschuldigt sich für die Verspätung. "Ich würde am liebsten nichts anderes machen, als meine gesamte Zeit den Reportagen zu widmen, der Literatur, den Cartoons, aber es gibt eben auch die andere Seite des Jobs. Und das Geschäftliche ist wichtiger denn je." Unter Remnicks Führung ist der New Yorker wieder profitabel geworden, zuvor hatte er über viele Jahre hinweg einen dreistelligen Millionen-Dollar-Betrag verloren. Er klopft auf den Tisch in seinem Büro, "was auch immer das hier genau ist, ich hoffe, es ist Holz".

Wir setzen uns. Seit 19 Jahren ist er mittlerweile Chefredakteur, und er erzählt die Geschichte des New Yorker aus seiner Sicht. "Merkwürdigerweise hat diese Zeitschrift ausgerechnet in der Depressions-Ära angefangen, Geld zu verdienen, und war dann jahrzehntelang profitabel. Sie hat profitiert vom wirtschaftlichen Aufstieg Amerikas nach dem Zweiten Weltkrieg, von der Mittelschicht, die immer größer und wohlhabender wurde und viele neue Produkte kaufte, die bei uns mit Anzeigen beworben wurden. Das alte Geschäftsmodell lautete: Das Heft war billig, und die Anzeigenkunden zahlten dafür, dass sie unsere Leser erreichten. Aber die Werbegelder werden heute auch im Internet ausgegeben, deshalb haben wir den Preis des New Yorker deutlich erhöht." Das Jahresabonnement kostet heute 120 Dollar, vor 20 Jahren waren es noch 36 Dollar.

Aber die Probleme des New Yorker lagen nicht nur am Geschäftsmodell. Die neunziger Jahre sind eine schwierige Phase. Das Magazin ist in die Jahre gekommen, ein glückloser Chefredakteur wird von der Britin Tina Brown abgelöst, die zuvor mit großem Erfolg die Zeitschrift Vanity Fair geleitet hat. Sie führt, vereinfacht gesagt, ihren unterhaltenden Journalismus in den verstaubten New Yorker ein, mehr Entertainment, mehr Wirbel, ihr Lieblingswort ist buzz, was man genauso mit "Aufregung" wie mit "Klatsch" übersetzen kann. Damit erweckt sie das Magazin wieder zum Leben, aber nicht nur damit. Sie holt neue Autoren, unter anderem einen gewissen David Remnick, der sich als Moskau-Korrespondent der Washington Post einen Namen gemacht hat. Andererseits explodieren unter Brown die Kosten: Viele aufwendig produzierte Geschichten kommen nie ins Blatt, oft schmeißt sie in letzter Sekunde alles um, überzieht ihre Budgets. Und eines Tages verkündet sie ihrem Verleger Si Newhouse: Ich gehe, ich gründe ein neues Magazin. (Es heißt Talk und muss drei Jahre später eingestellt werden.)

Verleger Newhouse verhandelt mit dem Journalisten Michael Kinsley über die Nachfolge, doch als der an einem Wochenende überraschend absagt, steht er plötzlich mit leeren Händen da. "Ich erinnere mich sehr genau", sagt David Remnick, "Si Newhouse brauchte dringend einen Chefredakteur. Ich war gebeten worden, meine Gedanken über die Zukunft des New Yorker aufzuschreiben, aber ich wusste zu dem Zeitpunkt nichts über die Absage. Und ich bekam auf mein Memo auch keine Reaktion."

Am Montagmorgen hat er dennoch eine Ahnung, er will vorbereitet sein. Er steht früh auf, geht zum Friseur, zieht sich ordentlich an. "In der Woche zuvor war ich noch in Shorts und T-Shirt im Büro." Zuerst ruft ihn ein Verlagsmanager an: "David, wenn du es nicht vermasselst, bekommst du den Job." – "Ich dachte, er macht Witze." Verleger Newhouse ruft ihn zu sich. Remnick erinnert sich: "Er bot mir den Job an und sagte: 'Ich will die Nachricht gleich um elf verkünden.' Mit anderen Worten: Schlaf nicht mehr drüber. Ich fühlte mich, als sei ich verhaftet worden!" Remnick lacht, während er erzählt. "Ich fragte ihn: 'Darf ich wenigstens einmal telefonieren?'" Er darf, ruft seine Frau an. Sie rät ihm zu: "Selbst wenn du es hassen solltest, ein Abenteuer wird es auf jeden Fall." Remnick lehnt sich nach vorn. "Und hier bin ich immer noch, 19 Jahre später."

Wie war die erste Zeit für ihn als Chef? Er war immer Reporter gewesen, nie Redakteur. "Ich hatte null Ahnung von dem Job", sagt er. "Und aus lauter Angst habe ich in den ersten Monaten fünf Kilo Gewicht verloren." Aber seine Redaktion mag ihn, der Verleger vertraut ihm. Er verändert das Blatt Schritt für Schritt. Tina Brown war eine Berühmtheit, zumindest in New York, er tritt anfangs so unauffällig auf, dass ihm geraten wird: "Pass auf, dass du nicht zum Jimmy Carter der Magazinwelt wirst." Remnick baut den Kulturteil aus, kümmert sich intensiver um Geschichten aus der Stadt, beruhigt die Abläufe in der Redaktion, spart, weil nicht mehr so viel produziert wird, ohne veröffentlicht zu werden. Und er macht den New Yorker politischer.

Das entspricht einerseits dem Profil des politischen Journalisten Remnick, andererseits ist es auch kein Wunder. Die Zeiten sind so. Nach dem buzz der Neunziger fliegen am 11. September 2001 Flugzeuge in das World Trade Center, da ist Remnick gerade einmal drei Jahre im Amt. Kurz darauf der Irakkrieg, die Wiederwahl von George W. Bush, die amerikanische Immobilienkrise, aus der eine weltweite Finanzkrise wird. Schließlich die Wahl des ersten schwarzen US-Präsidenten und acht Jahre später – Trump.

Bei all seinen publizistischen Erfolgen (unter ihm enthüllt der New Yorker beispielsweise den Missbrauch in Abu Ghraib) – was hält Remnick im Nachhinein für seinen größten Fehler? Da muss er nicht lange überlegen, ein Wort reicht: "Irak." Er meint die von den USA angeführte Invasion 2003.

Remnick ist damals in Prag, um einen seiner persönlichen Helden zu interviewen, Václav Havel, den tschechischen Präsidenten, Schriftsteller und ehemaligen Regimekritiker. Einer, dessen Urteil Remnick schätzt. Havel hat sich gerade in einem offenen Brief für den Krieg ausgesprochen. Außerdem, sagt Remnick heute, habe er den Berichten über die angeblichen Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein geglaubt. Sie stellten sich im Nachhinein als falsch heraus. "Da gibt es trotzdem nichts zu entschuldigen", sagt er. In einem abwägenden Kommentar spricht er sich für den Einmarsch in den Irak aus. "Ich lag falsch."

Wie denkt er über die Rolle Amerikas? Er halte es da mit dem Außenpolitik-Experten Philip Gordon: "Er hat mir gesagt: 'Wir sind mit allem Drum und Dran in den Irak einmarschiert, und es wurde ein Desaster. In Libyen sind wir mit halber Kraft reingegangen, und es wurde ein Desaster. Was Syrien betrifft: Da haben wir fast gar nichts gemacht – und es wurde auch ein Desaster.'" Die dramatischen Folgen des Desasters in Syrien seien geradezu einzigartig: "Die Destabilisierung des Nahen Ostens, der Wiederaufstieg Putins, die europäische Flüchtlingskrise. Und der Diktator Assad ist immer noch da."

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