Geschichten Das war erst der Anfang

ZEITmagazin Nr. 43/2017
Wir haben Redakteure, Autoren und Fotografen gebeten, sich an die interessantesten Geschichten zu erinnern, die sie für das ZEITmagazin betreut, geschrieben oder fotografiert haben. Von , , , , , , , , , , , , , , , , , und

ICH, ÄH ...

Warum sieht man in Filmen und in der Werbung so viele nackte Frauen – aber keine nackten Männer? Das fragte sich unsere Kollegin. Am 26. Juli 2012 erschien ihre Antwort

Es fiel mir schwer, dieses Thema in der Redaktionskonferenz vorzustellen, sehr schwer. Ich wurde knallrot und stammelte: Ich, äh, möchte gern was über Penisse schreiben. Gelächter, naheliegende Witze. Aber es ist mir ernst, rief ich noch. Zu meiner Genugtuung wurde ich für diese Geschichte tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben für einen Journalistenpreis nominiert. Ich war sehr stolz, bis ich feststellte, dass die Gewinner auf der Bühne gebeten werden, kurz etwas zu ihrem Text zu sagen. Ich würde also vor den versammelten Journalisten des Landes über Penisse sprechen. Dazu muss man sagen, dass diese Veranstaltungen hochseriös sind und die ausgezeichneten Texte mindestens von Weltrettung handeln. Ich bekam den Preis nicht und habe es geschafft, mir neben Penissen noch andere journalistische Themenfelder zu erarbeiten. Elisabeth Raether

MON DIEU, DEPARDIEU!

Der Fotograf Jonas Unger über das Treffen mit dem Schauspieler, der zum Titelhelden vom 7. Oktober 2010 wurde

Gero von Randow und ich sollten Gérard Depardieu schon früher auf seinem Weingut besuchen, aber immer sagte er kurzfristig ab und gab chinesischen Reisegruppen den Vorzug. Gero und ich wussten nicht, wie viel Zeit wir schließlich haben würden – es wurde dann ein ganzer Tag mit anschließender Übernachtung auf seinem Château. Wir kamen an einem Sonntagmorgen auf dem Gut an. Gérard Depardieu stand zur Begrüßung im Unterhemd am Fenster. Ich wusste sofort: Das ist mein Motiv! Nach kurzer Frage, ob ich ihn so fotografieren dürfe, habe ich zuerst das Bild gemacht und mich dann vorgestellt. Gemeinsam mit Depardieu haben wir eingekauft, gekocht und gegessen und haben anschließend noch einen Ausflug zu seinem Weinberg gemacht. Als ich später alle Bilder sichtete, die ich von Depardieu hatte, riet mir meine Frau, das Bild von ihm im Unterhemd und mit Weinglas lieber nicht in die Redaktion zu schicken. Diesmal habe ich nicht auf sie gehört. Das Bild wurde dann der Titel. Jonas Unger

WANDERN MIT ART GARFUNKEL

Bevor es überhaupt zu der Geschichte kam, die am 5. März 2015 erschien, gab es einige Annäherungsprobleme

Interviews mit Prominenten werden normalerweise über PR-Agenturen vermittelt, sie finden statt, wenn die Stars ein neues Album oder einen neuen Film rausbringen, meistens in Hotels, oft sitzen die PR-Leute daneben. Als ich Art Garfunkel im Sommer 2014 traf, lief das überraschenderweise ganz anders. In einem Interview Jahre zuvor hatte er mir von seiner Wanderung erzählt: quer durch Europa, von Irland nach Istanbul, in Etappen. Da ich keinen Kontakt zu einem PR-Berater hatte, schrieb ich eine E-Mail an eine info@-Adresse auf seiner Website: ob ich ihn auf seiner letzten Etappe in der Türkei einen Tag lang begleiten dürfe? Ich erwartete, entweder gar keine Antwort zu bekommen oder eine höfliche Absage eines PR-Agenten. Eine Stunde später klingelte mein Handy. Eine New Yorker Nummer, eine wohlbekannte Stimme: "Hello, this is Art Garfunkel." Ich könne gern mitkommen. Ob ich ihm vorher aber mal das Interview schicken könne, das ich damals mit ihm geführt hatte? Der Flug war gebucht, als zehn Tage später dann doch die Mail eines PR-Agenten kam: Garfunkel wolle nun doch nicht. Begründung: keine. Ich mailte zurück, mailte auch dem Assistenten, mit dem Garfunkel wandert, und mailte Garfunkel selber: nichts. Dann doch, endlich, eine Mail von Garfunkel. Inhalt: ein sehr langes, selbst verfasstes, rätselhaftes Gedicht. Eine Absage der Absage? Schließlich, in einer weiteren Mail: Ihm habe die Überschrift des alten Interviews (ein wörtliches Zitat von ihm selbst) nicht gefallen. Schließlich telefonierten wir am Abend vor meinem geplanten Abflug, und er sagte doch zu. Genau wie diese ungewöhnliche Vorgeschichte war dann der Tag mit ihm: Ich traf einen originellen, nahbaren, egozentrischen und empfindlichen Weltstar, mit dem ich auf dem Seitenstreifen einer türkischen Autobahn wandern durfte. Anna Kemper

Das Cover unserer deutsch- arabischen Ausgabe aus dem Jahr 2015 © ZEITmagazin

DAS DEUTSCH-ARABISCHE HEFT

Die Ausgabe erschien am 28. Mai 2015. Unser Redakteur erinnert sich an die Produktion des Heftes

Bevor die zweisprachige Ausgabe des ZEITmagazins , mit der wir die ankommenden Flüchtlinge begrüßt haben, überhaupt produziert werden konnte, musste dem Redaktionssystem Arabisch beigebracht werden. Die Software weigerte sich aber, einige wichtige Sonderzeichen auf die arabische Schrift zu setzen, und so malte ich zusammen mit unserem Layouter Mirko Merkel Kringel und Striche einzeln auf unzählige Buchstaben. Das optische Konzept mit seiner 180-Grad-Drehung vereinte bequem das linksbündige Deutsch mit dem rechtsbündigen Arabisch. Es zwang aber die Kollegen, bei der Produktion manchmal ihre Monitore auf den Kopf zu stellen und um Ausdrucke im Kreis zu laufen. Mohamed Amjahid

IRRGLAUBE

Der Begriff Bionade-Biedermeier steht mittlerweile auch bei Wikipedia. Der Autor der Geschichte, die am 7. November 2007 erschien, enthüllt hier, dass er den Begriff leider nicht erfunden hat

In jüngster Zeit wurde uns Journalisten oft vorgeworfen, wir recherchierten voreingenommen und schrieben tendenziös. Ich glaube, ich habe da einen Gegenbeweis: Im Jahr 2007, am 18. Jahrestag des Mauerfalls, machten wir ein ZEITmagazin über das nun volljährige Deutschland. Ich wollte einen Beitrag über Berlin-Prenzlauer Berg beisteuern, ein Viertel, in dem sich Deutschland neu erfunden hatte und ich als junger Familienvater gerne lebte. Während der Recherche kippte etwas. Vermeintliche Gewissheiten entpuppten sich als Irrglaube. Der Eindruck zum Beispiel, dass die Mütter vom Prenzlauer Berg besonders viele Kinder bekämen: statistisch falsch. Das Gefühl, die Menschen dort seien besonders tolerant: Selbstbetrug, denn längst hielten hohe Mieten Ärmere und Migranten fern. All das schrieb ich auf. Meine Reportage fanden Kritiker (also Prenzlauer-Berg-Fans) dann natürlich voreingenommen und tendenziös. Dennoch – oder genau deshalb? – ist die damalige Artikel-Überschrift "Bionade-Biedermeier" zu einem festen Begriff geworden. Soziologen verwenden ihn, der Liedermacher Rainald Grebe hat ihn benutzt, auch der Grüne Jürgen Trittin in einem Buch. Das "Bionade-Biedermeier" hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag als "karikierende Bezeichnung für den Lebensstil (...) einer tendenziell großstädtischen, gutverdienenden und gebildeten Klientel". Dass allerdings die Überschrift zum damaligen Artikel, wie Wikipedia behauptet, von mir stammt (sie stammt vom Kollegen Tillmann Prüfer) – das ist ein Irrglaube, den ich gern unkorrigiert ließe. Henning Sußebach

RECEP TAYYIP ERDOĞAN

286 Fälle von Anklagen wegen Präsidentenbeleidigung haben wir in der Ausgabe vom 16. Juni 2016 dokumentiert

Eine parlamentarische Anfrage der türkischen Opposition ergab im Jahr 2016, dass die türkische Justiz innerhalb von zwei Jahren 1845 türkische Staatsbürger wegen "Präsidentenbeleidigung" angeklagt hatte. Weil sich Präsident Recep Tayyip Erdoğan regelmäßig von Kritik an ihm beleidigt zeigte, mussten schon viele Türken vor Gericht erscheinen, einige von ihnen sogar im Gefängnis sitzen – darunter Kinder, eine Schönheitskönigin und Angehörige von Minderheiten. Mehrere Wochen versuchte ich gemeinsam mit den türkischen Kolleginnen Onur Burçak Belli und Şafak Timur diese Geschichten journalistisch aufzuarbeiten. Unser Ziel: jene Fälle dokumentieren, die mit mehr als zwei unabhängigen Quellen belegbar sind. Denn die Daten zu den Angeklagten werden bis heute im Justizministerium in Ankara wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Am Ende kamen 286 Fälle im ZEITmagazin zusammen. Bis kurz vor Redaktionsschluss suchten unsere Rechercheure in Archiven und sprachen mit Betroffenen. Mohamed Amjahid

Im Jahr 2008 berichteten wir über einen Sensationsfund: Die Originalversion von "Metropolis" © ZEITmagazin

DIE VERLORENEN TEILE VON "METROPOLIS"

Unsere Autorin erinnert sich an diesen unglaublichen Fund, über den sie am 3. Juli 2008 schrieb

Es war eine Sensation, über die das ZEITmagazin 2008 berichtete: Fritz Langs Metropolis, wieder vollständig! Die Urfassung des Kultfilms galt 80 Jahre lang als verschollen. Doch in einem Filmmuseum in Argentinien hatten die fehlenden Filmmeter überlebt. Die Bilder wurden aufwendig restauriert, die vollständige Version wurde 2010 auf der Berlinale präsentiert. In dem Filmmuseum in Buenos Aires hat sich seitdem vieles geändert. Als das ZEITmagazin berichtete, waren etwa Filme auf hochentzündlichem Nitro-Material ohne Klimatisierung gelagert. Eine gefährliche Sache. Heute hat das Museo del Cine neue Räume – und das Archiv eine Klimaanlage. "Metropolis hat unser Museum und seine Sammlung bekannt gemacht", sagt Direktorin Paula Félix-Didier. Die Filmhistorikerin und ihr Team fanden seitdem weitere Stummfilme, die als verschollen galten: vier aus Argentinien, einer aus Russland, einer aus den USA. Ein Glücksfall für die Filmgeschichte. Karen Naundorf

WAS HÄLT MICH NOCH IN DER KIRCHE?

Am 17. Dezember 2009 erschien eine Reportage über eine Reise durch deutsche Beichtstühle

Benedikt war noch Papst und stand gerade für irgendeine konservative Entscheidung in der Kritik, da fragte ich mich, was ich eigentlich noch in der katholischen Kirche machte. Ich wollte mit Priestern und Patres darüber reden, ohne Voranmeldung, im Beichtstuhl. Ich begann meine Reise in München und fuhr langsam nach Norden. Irgendwo am Rhein brachte mich ein Pater drauf, dass meine Papstkritik auch nur ein Vorwand sein könnte. Weil ich mich eh schon von der Kirche entfernt hatte, wollte ich vielleicht nur einen Schuldigen finden, dessentwegen ich ganz gehen kann. Ich fühlte mich ertappt und blieb. Ich glaube, das war richtig. Bald kam ein neuer Papst, den ich besser fand als den alten. Was die Kirche zu Flüchtlingen sagt, finde ich ganz in Ordnung. Aber aus meinem Vorsatz, mal wieder öfter in die Kirche zu gehen, wurde natürlich nichts. Matthias Stolz

DER PÄDOPHILE

Am 25. Oktober 2012 erschien eine Reportage über einen Mann, der Kinder begehr t

In der Geschichte "Der Getriebene" beschrieb ich einen Pädophilen, der eine einjährige Therapie an der Berliner Charité machte. Dort wollte er lernen, keine Kinderpornografie anzuschauen. Ein Jahr lang begleitete ich diesen "Jonas", der damals Ende zwanzig war. Meist trafen wir uns am Hauptbahnhof, bei Burger King, wo er mir von seinen Fortschritten berichtete. Ich erlebte, wie aus einem Menschen, der vor allem aus Scham zu bestehen schien, jemand wurde, der lernte, dass die Neigung allein ihn nicht zu einem schlechten Menschen machte – solange er sie kontrollierte. Er nahm Testosteron-Blocker. Er erzählte seiner Familie davon. Und er kam – anonym – zur Verleihung des Nannen-Preises, den ich für diese Geschichte bekam. Er war stolz darauf. Der Preis war nach seinem Empfinden eine Anerkennung nicht nur für eine besondere Geschichte, sondern auch für ihn selbst, der so viel dafür tat, Kindern keinen Schaden zuzufügen. Heike Faller

© ZEITmagazin
Oben: Borussia Dortmund. Unten: Bayern München. In der Tabelle meist andersrum © ZEITmagazin

DAS BAYERN-DORTMUND-COVER

Zum Champions-League-Finale 2013 zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern zeigten wir am 8. Mai, dass Deutschland gespalten ist – genauso wie unsere Redaktion

Der Zufall wollte es so, dass der erste Mann des ZEITmagazins ein Bayern-München-Fan ist und der zweite ein Anhänger von Borussia Dortmund. Und obwohl persönliche Fußballvorlieben im Prinzip nicht ins Magazin gehören, haben wir 2013 eine Ausnahme gemacht, denn da standen sich Bayern München und Borussia Dortmund im Champions-League-Finale gegenüber – zwei deutsche Mannschaften im wichtigsten Spiel des Vereinsfußballs: das hatte es noch nie gegeben. Schwarz-Gelb gegen Rot-Weiß. Was könnten wir dazu machen? Wie wäre es, dachten wir, wenn wir auf unserem Doppelcover nur mit den Vereinsfarben spielen und das Ganze dann auf einer dritten Seite auflösen, die in den Fußballplatzfarben Grün-Weiß gehalten ist? Unsere Art-Direktion steckte in das ZEITmagazin-Logo dann auch zwei Fußbälle. Das Cover wurde später mehrfach ausgezeichnet, wobei den vielen Dortmund-Fans in unserer Redaktion viel lieber gewesen wäre, wenn ihre Mannschaft das Spiel nicht verloren hätte. Christoph Amend und Matthias Kalle

DIE HOFFNUNG DES DEUTSCHEN FERNSEHENS

Am 8. Januar 2015 zeigten wir einen Mann auf dem Cover, der seinen nackten Hintern präsentierte

Das Böhmermann-Cover war die Parodie eines Kim-Kardashian-Covers von 2014 © ZEITmagazin

Wer ist eigentlich dieser Jan Böhmermann? Und was hat er mit dem deutschen Fernsehen vor? Das waren die Leitfragen für das Porträt, das im ZEITmagazin erschien, kurz bevor seine Sendung Neo Magazin Royale nicht nur bei ZDFneo, sondern auch im ZDF einen Sendeplatz bekam. Davor: mehrere Treffen in Köln, ein Essen bei einem Griechen, dann das Shooting in der Berliner Wohnung des inzwischen verstorbenen Fotografen Daniel Josefsohn, um das berühmte Paper- Cover mit Kim Kardashian nachzustellen. Und als die erste Ausgabe von Neo Magazin Royale im ZDF lief, einen Tag nachdem das ZEITmagazin mit der Titelgeschichte über Jan Böhmermann erschien, kam am Ende ein kurzer Einspieler: Thomas Bellut, der ZDF-Intendant, sitzt in seinem Büro, Füße auf dem Tisch, das ZEITmagazin in der Hand. Bellut sagt, leicht verwundert, mit Blick auf das Cover: "Und was ist jetzt so toll an diesem Böhmermann?" Das fragten sich viele damals – die Antwort stand aber bereits in unserer Geschichte. Matthias Kalle

EINE BODENSTÄNDIGE FRAU

Am 5. November 2015 erschien ein Exklusiv-Interview mit dem größten weiblichen Popstar der Welt

Interviews mit Adele sind begehrt, und der Begegnung mit ihr im Oktober 2015 – es war bereits mein drittes Interview mit Adele – waren etliche Telefonate und ein monatelanger E-Mail-Wechsel mit der Plattenfirma vorangegangen. Als sich die Hoffnung auf einen Termin mit ihr eigentlich schon zerschlagen hatte, kam plötzlich wieder Bewegung in die Sache. Kurzfristig wurde ein Termin zum Anhören von Adeles nächstem Album anberaumt. Er lief ab wie eine Szene aus einem Agentenfilm: Erst musste das Handy abgegeben werden, dann ging es in einen Konferenzraum der Plattenfirma. Ein Mitarbeiter erschien mit der streng geheimen Vorab-CD, der man dann, unter Aufsicht, lauschen durfte. Gut zehn Jahre vorher, bei meiner ersten Begegnung mit Adele im Februar 2007, war alles noch so entspannt gewesen: Die damals völlig unbekannte Sängerin trat in Hamburg vor etwa 50 Leuten auf, in einer winzigen Kaschemme namens Grüner Jäger. Sie war eingesprungen, weil der vorgesehene Sänger verhindert war. Dort saß sie kugelrund auf einem Barhocker und klampfte eine halbe Stunde lang jene Songs, die später auf ihrem sensationell erfolgreichen Debütalbum zu hören sein sollten. Sie war beeindruckend, und sie wirkte sehr bodenständig – so wie auch zehn Jahre später noch, als wir uns dann tatsächlich zu einem ausführlichen Interview in London trafen. Christoph Dallach

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren