Ich habe einen Traum Günter Wallraff

"Ich betrete das Heim an der Hand meiner Mutter. Dann ist sie plötzlich verschwunden"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 43/2017

Als Jugendlicher waren meine Träume für mich ein Zufluchtsort. Ich war ein schlechter Schüler, in die Schule zu gehen war oft eine Qual für mich. Wenn ich ins Bett ging, begann mein eigentliches Leben. Ich glitt in eine Traumwelt, in der ich glücklich war und aufgehoben. Am nächsten Tag in der Schule ging dann der Albtraum wieder los.

Nachts habe ich seit vielen Jahren wiederkehrende Albträume, die mich auch nach dem Aufwachen belasten: Ich bin in einer fremden Umgebung, verstehe die Sprache nicht, weiß nicht mal, in welchem Land ich mich befinde. Alles ist mir abhandengekommen – mein Gepäck, mein Ausweis, mein Handy. Ich geistere orientierungslos herum. Vor einigen Jahren war ich wegen dieser Träume in einem Schlaflabor. Da wurde festgestellt, dass ich unter Schlafapnoe leide. Die Mediziner sahen darin die Ursache für die Albträume. Ein befreundeter Psychiater dagegen vertrat die Ansicht, dass frühkindliche Traumata die Ursache dafür sein könnten, und die Albträume wiederum die Apnoe auslösen.

Für mich war das eine plausible Erklärung. Meine Mutter litt nach meiner Geburt unter Kindbettfieber und lag monatelang im Koma. Als sie daraus erwachte, erkannte sie mich nicht wieder. Sie dachte, ich wäre im Krankenhaus vertauscht worden, wie das während des Krieg passierte – so hat sie es mir später erzählt. Einige Jahre später brachte sie mich aus wirtschaftlicher Not in ein Kinderheim. Die Szene habe ich bis heute wie in einem Film vor Augen: Ich betrete das Heim an der Hand meiner Mutter, dann ist sie plötzlich verschwunden. Die Nonnen nehmen mir meine Kleidung ab und stecken mich in Anstaltskleider; es fühlte sich an, als würde mir meine Identität genommen. Ich war dort über ein halbes Jahr. Dieses Trauma hat möglicherweise mein weiteres Leben bestimmt. Als Jugendlicher schrieb ich in mein Tagebuch: "Ich bin mein eigener heimlicher Maskenbildner, setze mir ständig neue Masken auf ... Ich warte darauf, die Maske zu finden, die sich mit meinem ursprünglichen Gesicht deckt." Das Verlangen, mich selbst in den Rollen, die ich annehme, neu zu finden, und das Bedürfnis, nicht mehr ohnmächtig zu sein, sind sicher auch Antrieb für meine Verwandlungen. In meinen Identitäten als türkischer Arbeiter, Obdachloser oder Schwarzer habe ich geträumt, als wäre ich wirklich diese Person.

Eine besondere, positive Bedeutung haben für mich Träume, in denen ich fliege. Es sind befreiende Träume, in denen ich die Arme wie Flügel ausbreite, abhebe und in große Höhen schwebe. Am nächsten Morgen erwache ich gelöst und gestärkt. Seit einigen Monaten sind diese Träume ausgeblieben. Ich bin aber zuversichtlich, dass sie wiederkommen.

Heute sind meine Tagträume ein Fluchtpunkt für mich. In ihnen erträume ich mir eine gerechte, friedliche Gesellschaft und blende manches aus, was mich zum Pessimisten machen müsste. Durch meine Arbeit habe ich meinen Weg und meinen Platz in der Gesellschaft gefunden. Ich fühle mich Menschen am nächsten, die nicht dazugehören. Hier und da kann ich auch jemandem zu seinem Recht verhelfen. Als Jugendlicher war ich schüchtern, introvertiert und unsicher. Da gab es mich kaum.

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Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

dann ist ja alles ok mit Wallraff, wenn seine Träume für sie "philobatisch" sind:

"Nach Siegbert A. Warwitz[8] ist der Philobat kein behandlungsbedürftiger Neurotiker, schon gar keiner, der sein Kranksein nicht spürt und die Ursachen ins Unterbewusstsein verschoben hat. Die generelle Unterstellung eines neurotischen Krankheitsfalls, einer nicht wahrgenommenen seelischen Erkrankung, hat sich mit der empirischen Forschung als nicht haltbare Projektion erwiesen." (wiki)