Harald Martenstein Über den Reiz des Bestellkatalogs

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 43/2017

Nicht nur das ZEITmagazin feiert Jubiläum, auch mein Lieblingskatalog, Letzterer wird 50 Jahre alt. Kataloge sind meiner Ansicht nach die zu Unrecht verachteten Schwestern der Magazine. Beide Publikationen legen Wert auf unverwechselbares Layout, überzeugende Texte und schöne Fotos, beide haben Zielgruppen und möchten zum Gewinn des Unternehmens ein Scherflein beitragen.

In Die moderne Hausfrau hat auf Seite eins die Chefredakteurin Eva Fröhlich ihre Kolumne. In der aktuellen Ausgabe, Nummer 531, trägt sie auf dem Foto einen Poncho im Raubkatzenlook mit einem Leopardenkopf vorne drauf. Eva Fröhlich schreibt: "In meinem neuen Poncho fühle ich mich ›weiblich wild‹! Ich schnurre nicht wie ein kleines Kätzchen, sondern gehe wildentschlossen zur Sache! Mit tollen Details." Ein Markenzeichen moderner Hausfrauen scheinen allgegenwärtige Ausrufezeichen zu sein und zahlreiche Gänsefüßchen, deren Verwendung nur einem einzigen Gesetz gehorcht, dem der Spontaneität. "Auf Knopfdruck ertönt ›Festmusik‹!" So werben sie für Santa, die singende Weihnachtskugel. "Ein sauberes ›Dankeschön‹!" – dieses Dankeschön besteht aus einem vermeintlichen Kuchen, verpackt in durchsichtiger Folie, der aber in Wirklichkeit aus kleinen Seiftüchern besteht. Seiftücher, ein zauberschönes Wort, das ich nur dank dieses Kataloges kenne.

Die Botschaft dieses Heftes heißt: Suche die Perfektion! Alles ist gut, aber es geht noch besser! Davon erzählen das kuschelige Sitzkissen für die WC-Brille, der praktische Handy-Aufladeplatz zum Ablegen des Handys an hoch gelegenen Steckdosen, die Bestecktaschen in Gestalt putziger Schneemänner, die Frischhaltekappe für angeschnittene Gurken, der Bad-Caddy zur gemeinsamen Aufbewahrung von Zeitschriften und Klopapier, die künstlichen Eisblumen zum Aufkleben für Eisblumennostalgiker oder auch das Nachtlicht mit Bewegungsmelder, für dunkle Winternächte, Überschrift: "Mit dem ›lichtigen‹ Fuß aufstehen!" Fast jedes Produkt hat seinen Sinn und kündet von Erfindergeist, am Ende entstünde da wohl wirklich der perfekte Haushalt mit einer Antwort auf jede Frage und kuscheliger Behaglichkeit in jedem Winkel, nur halt mit einem ernsten Platz- und Logistikproblem. Ob ein Mensch, der nicht inkontinent ist, in dem hoffentlich seltenen Bedarfsfall tatsächlich die vor Monaten erworbene Spraydose "Bio Urin Attacke" mit einem vertretbaren Zeitaufwand finden würde? Jedenfalls ist modernen Hausfrauen nichts Menschliches fremd, direkt neben der formschönen Reinigungsdose für den Zahnersatz – "dem Leben die Zähne zeigen" – macht ein zartlila Dildo auf sich aufmerksam: "Der kommt direkt auf den (G-)Punkt!"

Meine bisherigen Käufe bei Die moderne Hausfrau waren profaner, unter anderem waren da ein Schal-Butler zum Schalaufhängen, ein Maulwurf-Erschrecker für den Garten, der auch Katzen erschreckt, und lustige Backförmchen. Bitte zwingen Sie mich nicht, die Form näher zu beschreiben. Aus dem neuen Katalog werde ich ein Gerät zur Zubereitung von pochierten Eiern bestellen, vielleicht auch die weihnachtlichen Stuhlmützen, weil mich die Frage "Auf ›nackten‹ Stühlen feiern?" wirklich gekriegt hat. Verglichen mit dem Ikea-Katalog ist Die moderne Hausfrau emotionaler, das mag ich, und im Gegensatz zu Ikea siezt Eva Fröhlich die Kunden, trotz ihrer Wildheit. Das ZEITmagazin ist journalistisch natürlich vielfältiger und spielt in einer anderen Liga, auch könnte ich mir die Kollegen, bis auf einige wenige, nicht gut im Leopardenlook vorstellen. Aber wer weiß, was kommt? Der 50. Geburtstag ist ja noch fern.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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"Nichts Menschliches ist mir fremd" (Terenz, Heautontimoroumenos) - das durfte ja nicht fehlen, wenn ein "Selbstquäler" wie Sie, lieber Kolumnist, sich durch einen Versandkatalog hin- und zurückwühlt. Im Sinne von Descartes sind Sie sogar ein intelligenter Konsumist: "consumo - ergo sums sumpsi" (Ich konsumiere, also habe ich Schnickschnack erworben). In diesem Kaleidoskop der angebotenen Scheußlichkeiten könnte man sogar Baudelaire vermuten (noch so ein "L'Heautontimoroumenos": "Ich treff‘ ins Herz dich ohne Hassen, Ein Henker ohne Zorn und Pein, So schlug einst Moses auf den Stein!") und sich sogleich auf die Suche nach den "Blusen des Böhmen" machen. Und dann noch der "Leoparden-Look" bei den KollegInnen! Vor des Dionysos Wagen waren Leoparden gespannt, das Sinnbild der Wollust, denen Dante im zweiten Höllenkreis begegnet, als er seinen "Aufstieg" nimmt - so, wie es Hemingway tat, als er sein Alter Ego Harry auf den Kilimandscharo kraxeln und prompt vor einem Leoparden stehen ließ. Harrys "Sündenfall war die Hingabe an materiellen Wohlstand, den er durch unverbindliche sexuelle Beziehungen (Wollust) mit vermögenden Frauen erlangte" (T. Müller, E. Hemingway, Schnee auf dem Kilimandscharo, S. 161). "Die moderne Hausfrau" - ein Inferno von Versuchungen ...

Dass ich das noch erleben darf: Ein hochrangiger Journalist lobt meinen Lieblingskatalog.

Ich erinnere mich an unzählige lustige WG-Abende, bei denen geblättert und gelacht und wie beim Quartett mit immer noch skurrileren Produkten aufgetrumpft wurde.

Und am allerbesten sind die Texte. Arbeitslose Germanisten, Lyriker muss man sagen, finden hier eine neue Aufgabe. Wir stellten uns vor, wie sie - jeder mit der Droge seiner Wahl - um einen Tisch herum sitzen, auf dem in der Mitte das neue zu Bewerbende steht. Wem gelingt wohl das beste Verkaufsargument für zum Beispiel die selbstleuchtende Klobrille? Das Rennen gemacht hat: "Der Hausvorstand mahnt zum Stromsparen? Jetzt müssen Sie nachts nicht mehr das Licht anmachen, wenn Sie mal müssen ..." (sinngemäß)

Oder das hier zum LED-Grablicht in Kreuzform: "Wenn die Liebe weit über den Tod hinaus geht, haben einfache Grablichter einfach nicht genügend "

Und ja, und dieser herrlich verschwenderische Gebrauch von "Gänsefüßchen" ... Ach, ich muss mir gleich mal wieder eine neuen Katalog bestellen. (Die Online-Version ist nicht halb so lustig.)

Zeit wird es, auch mal Fengels ingeniöse Illustrationen im Stile von "Die moderne Hausfrau" zu betexten. Wie wäre es beim Maulwurf-Erschrecker mit: "Es schrillt und thrillt der Pingelmann, wo Mutti nur - husch! - scheuchen kann"?! (Verzeihung, Loriot auf Wolke Sieben!). Auch an englische Übersetzungen müßte man denken: "Scaring moles and voles - avoiding knolls and holes".