Helmut Schmidt "Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt"

Von 2007 bis 2009 stand hier die Interview-Reihe "Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt". Giovanni di Lorenzo stellt sich vor, was Schmidt heute wohl zur Flüchtlingskrise und zum Aufstieg der Populisten sagen würde. Von
Aus der Serie: Auf eine Zigarette ZEITmagazin Nr. 43/2017

Was würde wohl Helmut Schmidt dazu sagen? Wie oft habe ich mich das in den vergangenen zwei Jahren gefragt! Was würde er sagen zum massenhaften Zustrom von Flüchtlingen nach Deutschland? Zur Wahl von Donald Trump in Amerika? Was zum Aufstieg der Populisten auch in europäischen Kernländern?

Der letzte Brief, den ich ihm schrieb, hatte einen dramatisch aktuellen Anlass: Ich wollte mit ihm darüber sprechen, was er von der Grenzöffnung der Bundeskanzlerin am 4./5. September 2015 hielt. Ich ahnte nicht, wie schlecht es ihm da schon ging. Am Wochenende vor seinem Tod am 10. November 2015 hat er diesen Brief noch gesehen und mit dem Vermerk versehen, dass wir dieses Gespräch führen sollten. Er hat immer darauf bestanden, dass ich ihm den Vorschlag für das Thema unseres Interviews vorab schicke, weil er sich vorbereiten wollte.

Helmut Schmidt hatte ein unglaubliches Pflichtbewusstsein. Fast nie hat er ein Ansinnen abgelehnt, das die Redaktion oder der Verlag an ihn herantrugen. Und eben auch nicht die Kolumne, die anderthalb Jahre diese letzte Seite schmückte, obwohl ihm das Format von Anfang bis Ende unheimlich war. Er fand das alles merkwürdig: sich kurz und pointiert äußern zu müssen, die Mischung aus manchmal sehr politischen und oft auch sehr persönlichen Fragen, der Appell an den Erzähler Helmut Schmidt, der fast ein ganzes Jahrhundert deutscher Geschichte aus eigener Erfahrung wiedergeben konnte. Nicht ein einziges Mal hat er sich einem Thema verweigert, allenfalls hin und wieder eine Frage weggebrummt. Wenn wir fertig waren, seufzte er oft und sagte: "Was Sie mich wieder sagen lassen!" Die Leser liebten es. Das merkte er natürlich auch.

Thomas Karlauf, sein langjähriger Agent und Autor einer lesenswerten, weil ungeschönten Biografie von Helmut Schmidt, schreibt: "Die Kolumne (...) hat das Schmidt-Bild dieser Jahre wahrscheinlich stärker geprägt als alle Bücher und TV-Auftritte zusammen." Wenn das stimmt, dann ist Helmut Schmidt auch durch die Zigarettengespräche im ZEITmagazin eine Kultfigur geworden.

An diese Zeiten denke ich mit Wehmut zurück: Helmut Schmidt war nämlich noch nicht an den Rollstuhl gebunden. Er kam oft zu den Gesprächen in mein Büro, wo er Kaffee mit viel Zucker trank und dabei weit mehr als nur eine Zigarette rauchte. Was würde er also sagen zu den Fragen, die uns in diesen verstörenden Zeiten bewegen?

Zu den Migranten hatte er ein pragmatisches Verhältnis, was sich auch in einer recht robusten Ausdrucksweise zeigte, die heute gewiss angeeckt hätte. So erklärte er mir einmal, er habe schon früh "eine Bremsung der Einwanderung aus allzu fremden Kulturen als notwendig erkannt und später gefördert" (2010). Andererseits bin ich fest davon überzeugt, dass ihn die Hilfsbereitschaft der Deutschen gegenüber den Flüchtlingen in den Monaten nach der Grenzöffnung überrascht und berührt hätte. Bekanntlich hat er, der die Begeisterung für die nationalsozialistische Diktatur (und vielleicht auch seine eigene Verführbarkeit) noch selbst erlebt hat, seinen Landsleuten bis zuletzt immer ein bisschen misstraut.

Im Umgang mit Rechtsradikalen ließ er etwas durchscheinen, was man an den gegenwärtigen Politikern oft vermisst, etwa wenn Frau Merkel niedergebrüllt wird und sie darauf gar nicht reagiert. Bei Helmut Schmidt war ein anderer Kampfeswillen zu spüren – etwa als ich 2008 von ihm wissen wollte, wie er mit rechten Gruppen umgehen würde, wenn er selbst noch aktiver Politiker wäre. Da sagte er: "Wenn sich ein Rechtsradikaler im Bundestag danebenbenimmt, würde ich ihm Contra geben; und ich gehe davon aus, dass der Präsident ihn entsprechend anfasst. Man kann ihn öffentlich sichtbar und hörbar zur Schnecke machen. Das würde ich dann tun."

Und gegenüber Donald Trump? Er hätte mit Sicherheit nicht hinterm Berg gehalten, nach all dem spöttischen Missmut, den er schon über den früheren US-Präsidenten Jimmy Carter geäußert hatte ("unzuverlässiger Erdnussfarmer aus Georgia", "ein Schimmerlos vom Anfang bis zum Ende"). Aber natürlich ist das alles nur Spekulation.

Manchmal allerdings sieht man ihn noch vor sich. Ein Seufzen. Eine endlose Pause. Ein tiefer Zug an der Reyno. Danach der Satz: "Das ist eine hypothetische Frage, die stellt sich nicht." Wieder eine lange Pause. Wenn man die ausgehalten hatte, kam dann doch noch eine Antwort, so unverblümt und klug, wie nur Helmut Schmidt sie geben konnte, der uns darum nicht nur auf dieser Seite so sehr fehlt.

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