Gesellschaftskritik Über prominente Leser

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 43/2017

Das Leben der Stars gehört zu den ganz beliebten Themen der Presse. In Deutschland werden pro Woche fünf Millionen Tratschmagazine verkauft, und auch das nicht ganz so vertratschte ZEITmagazin sucht in dieser Rubrik jede Woche nach einem Weg, den Stars auf die Pelle zu rücken. Da ist es gut, mal die Perspektive zu wechseln und Stars nicht nur als Themenlieferanten wahrzunehmen, sondern auch als potenzielle Leserschaft. Betriebsintern nennt man das "Leserforschung" oder "Readerscan". Die Frage lautet also: Hallo, Stars, lest ihr überhaupt was?

Nach einer ausgedehnten Recherche lässt sich feststellen: Ja, sie lesen! Wir sind auf eine Vielzahl von Fotos gestoßen, die Prominente im Umgang mit Zeitungen und Magazinen zeigen. Dabei gibt es drei Lesertypen: 1. den "Tiefstapler", 2. den "Nähesucher" und 3. den "Verbündeten".

Der "Tiefstapler" kann die eigene Berühmtheit selbst kaum glauben und braucht die Printmedien vor allem, um den Schritt in den Olymp der ganz Wichtigen zu kapieren und als wahr anzuerkennen. Lady Gaga wurde beispielsweise dabei erwischt, wie sie in einem dunklen Büroraum völlig verblüfft ihre Titelgeschichte im Rolling Stone las (Überschrift: "The Rise of Lady Gaga"), und Reality-Queen Kim Kardashian ist dabei fotografiert worden, wie sie einen ganzen Stapel jener Vogue-Ausgabe kaufte, die sie mit ihrem Mann Kanye West zeigt. Der "Nähesucher" betrachtet dagegen die Welt aus sicherer Distanz und liest Zeitungen und Magazine, um die Verbindung zu den sterblichen Erdlingen nicht ganz abreißen zu lassen. Dazu gehören Robert De Niro oder Hugh Grant, die in ihren Drehpausen die New York Times oder den Guardian durcharbeiten, aber auch Angelina Jolie, die kürzlich in einem sehr normalen Supermarkt die neueste Ausgabe des National Geographic kaufte. Karl Lagerfeld ist ein klassischer "Verbündeter", genau wie Emma Watson und Minnie Driver. Alle drei haben in der Vergangenheit ihre Berühmtheit bewusst dazu benutzt, Aufmerksamkeit auf Printmedien zu lenken. Karl Lagerfeld zeigte sich netterweise mal mit einer Ausgabe der Weltkunst, Emma Watson öffnete den Blick gen Osten, indem sie sich mit einer Ausgabe der sibirischen Zeitung Kopeyski Rabochi (Auflage: 9000) fotografieren ließ, und Minnie Driver bekannte sich zum New Yorker. Wir hoffen, dass die sterblichen Leser sich die Stars zum Vorbild nehmen. Betriebsintern nennt man das "anstubsen" oder "nudging".

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

Wer sich auch fragt was Emma Watson mit Sibiren verbindet oder bezweifelt dass die Dame, bei allem Respekt, das kyrillische Alphabet beherrscht: http://weirdrussia.com/20...

In Anbetracht ganz anderer Größen bezeichnen wir es vorsichtig als einfallsreiche Würdigung von Veteranen. Das FRau Würfel den Lesern ans Herz legt für Zeitungen zu werben deren Inhalt man nicht lesen kann ist im Rahmen dieser Kolumne durchaus nachvollziehbar.