Magazine Abos fürs Leben

Wir haben fünf Prominente gefragt, welche Zeitschriften sie am meisten geprägt haben. Von
ZEITmagazin Nr. 43/2017

"Auf der Toilette meines Elternhauses lag zum Lesen immer der Spiegel. In meiner Erinnerung war Adolf Hitler auf jedem zweiten Cover zu sehen und auf jedem vierten Helmut Kohl – ich bin in den achtziger Jahren groß geworden. Ich mochte den Schreibstil, die besonderen Bildunterschriften, ich mochte sogar, wie sich das Papier anfühlte. Bevor ich zum ZEIT-Leser wurde, las ich das ZEITmagazin und habe mich ein bisschen intellektuell gefühlt. Später habe ich die P.M.-Sammlung eines Nachbarn geschenkt bekommen, damals noch mit dem charakteristischen gelben Cover. Die Titelstory handelte oft von militärischen Top-Secret-Dingen: von Tarnkappenbombern, Stinger-Raketen, Apache-Helikoptern. Ich war immer technikaffin und weiß noch heute, welche Waffen eine F-16 tragen kann. Es hat mich auf eine schaurige Weise fasziniert, was man so alles an Waffen herstellen kann, die ästhetisch und hochfunktional aussehen."

Prinz Pi, 38, ist Rapper. Er geht ab Januar auf Deutschlandtour


"Im Internat haben wir uns die Bravo weitergereicht. Gekauft habe ich sie nie. Die Starschnitte fand ich überflüssig und doof. Aber die Aufklärungskolumne von Dr. Sommer habe ich immer gerne, wenn auch verschämt gelesen. Im Mädcheninternat gab es auf der Krankenstation ein Magazin, das ich immer dann von vorne bis hinten durchgeackert habe, wenn ich krank war: Reader’s Digest. Ich erinnere mich an eine unglückliche Liebesgeschichte mit einem Priester und an Biografien von berühmten Leuten. Am besten haben mir die 'Unglaublich, aber wahr'-Artikel gefallen. Ich konnte mich dadurch in andere Leben und fremde Welten träumen. Das Magazin verströmte etwas Fremdartiges, und das nicht allein durch seinen Namen. Was sollte das sein, Reader’s Digest, und worum ging es in den Magazinen eigentlich? Bis heute finde ich die Hefte exotisch, für mich sind sie für immer mit der Krankenabteilung des Internats verbunden."

Sarah Wiener, 55, ist Fernsehköchin, Autorin und Gastronomin


"Die erste Zeitschrift meines Lebens hieß Playboy und lag immer bei uns zu Hause rum, weil mein Vater für das Magazin arbeitete. Durch die Rubrik ›Playboy-Berater‹ war ich bereits im Grundschulalter gut darüber informiert, wie man einen perfekten Daiquiri zubereitet – was mir auf dem Pausenhof jedoch keinen Distinktionsgewinn verschaffte. Tempo, von dem ich alle Ausgaben bis zur Einstellung erwarb, war ein riesiges Tor in die Popkultur. Das Heft führte zudem regelmäßig selbstquälerische Sex-Diskurse, in denen früh desillusionierte und in Lifestyle-Autoren umgebaute Ex-Hippies ziemlich dummes und chauvinistisches Zeug über Frauen daherschwafelten, was ich mit 19 natürlich hochinteressant fand. Als ich im vergangenen Jahr umzog, wollte ich meine Tempo-Sammlung verschenken, doch niemand wollte sie haben. Sie landete im Altpapier – wo am Ende fast alles landet, was einen irgendwann mal geprägt hat."

Jan Weiler, 49, ist Autor. Sein aktuelles Buch: "Und ewig schläft das Pubertier"


"Meine Lieblingshefte als Kind waren die alten Mad- Hefte aus den siebziger und achtziger Jahren, die ich hinter dem Bett meiner Eltern fand. Sie gehörten meinem Vater. Den Humor kennzeichnete eine ganz eigene, anarchische Albernheit. Die Leserschaft als dumme, pubertäre Idioten zu demütigen war ein immer wiederkehrender Gag. Die in den 20 Jahre alten Heften parodierten Filme und Generationenkonflikte waren aus der Zeit gefallen, was es für mich aber noch lustiger machte. Ich wollte daher Comiczeichnerin werden. Als ich zwölf war, legte der deutsche Dinoverlag das Magazin neu auf, und ich wünschte mir sofort ein Abo zu Weihnachten. Der Humor war aber nicht mehr derselbe, die Filmparodien wirkten lieblos, und ständig gab es Anspielungen auf Stefan Raab statt auf die Kultfilme der Achtziger. Nach ein paar Ausgaben bestellte ich Mad wieder ab. Aber noch heute kaufe ich die alten Magazine auf dem Flohmarkt."

Stefanie Sargnagel, 31, ist Autorin. Ihr aktuelles Buch: "Statusmeldungen"


"Das erste Magazin, das ich gelesen habe, war Mad. Es hatte magische Wirkung: bunt und keine Furcht vor nichts und niemandem. Während eines Schüleraustauschs in den USA 1987 entdeckte ich etwas Faszinierendes: das Fachmagazin Premiere. Ins Kino war ich zu Hause schon viel gegangen, aber dank Premiere war ich jetzt jemand vom Fach, und gleichzeitig gab es heiße Bilder von heißen Typen. 1995 zog ich nach Berlin. Die Schaubühne, wo ich arbeitete, kannte ich vom Theater heute- Lesen in- und auswendig, Berlin aber nicht. Ich brauchte Hilfe: Clubs, Style, Musik, Kunst – alles schien aus der Luft zu fallen. Man musste nur wissen, wie die besten Stücke zu erkennen waren. Zu diesem Zeitpunkt trat Dazed & Confused in mein Leben. Sowie Vogue und Spex. Der Spiegel folgte, und als ich anfing, mir Gedanken über Lebenspläne zu machen: Brand eins. Magazine sind eigentlich wie Manuals für Lebensabschnitte."

Caroline Peters, 46, ist Theater- und Filmschauspielerin

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Den Qualitätsverlust bzw. die "Eindeutschung" des Mad Magazins hatte ich damals auch festgestellt. Ebenfalls mit 12 oder so. Es wurde einfach eine flache Aneinanderreihung schlechter Kalauer auf deutsche Popkultur und ein gigantischer Wald aus Sprechblasen, die man auf große Panels geklatscht hatte.
Keine Ahnung, wie das im US-Pendant war, aber die deutsche Neuauflage war...nicht mehr so gut...auch nicht zeichnerisch, wenn ichs recht bedenk...