Stil Tim Blanks über die Shorts des Fotografen Juergen Teller

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 43/2017

In Neuseeland, wo ich aufgewachsen bin, gab es in meiner Jugend zwei Arten von Hosen: Bei warmem Wetter trug man Shorts. Sogar im Büro war es okay, Shorts zu tragen, solange man Kniestrümpfe dazu kombinierte. Wenn die Tage kälter wurden, wechselte man zu Longs. Ich erinnere mich, dass ich es als Aufstieg empfand, endlich lange Hosen tragen zu können. Auch deshalb, weil die Schuluniform einen nötigte, sogar dann noch kurze Hosen zu tragen, wenn die Pubertät dies längst zur Qual gemacht hatte. Die einfache Shorts-und-Longs-Terminologie entspricht übrigens dem typischen Kiwi-Pragmatismus.

Auch der Fotograf Juergen Teller ist ein Pragmatiker: "Was sollen Shorts, wenn sie nicht wirklich kurz sind?", fragte er mich einmal. "Warum sollte man sie sonst Shorts nennen?" Man muss wissen, dass er immer und überall Shorts trägt, zu fast jedem Anlass. Auch wenn alle anderen Smoking tragen: Juergen Teller kommt in leuchtenden Sporthosen, Parka, Turnschuhen und einer passenden Mütze. Ich kann mich mit seinem Look ganz gut identifizieren, denn in meinen späteren Jahren habe ich Shorts geliebt. Als ich in den siebziger und achtziger Jahren in Toronto lebte, sorgten meine kurzen Hosen oft für hochgezogene Augenbrauen. Ich weiß nicht, ob es an meinen Shorts lag oder den yetihaft behaarten Beinen.

Ich war kein Mode-Rebell – Juergen schon. Wenn er Shorts trägt, hat das etwas Herausforderndes. Und es passt gut zu seinen Bildern, die ebenfalls herausfordern – zu schauen, sich Fragen zu stellen oder sich zu wünschen, man selbst könnte das tun, was er im Namen der Kunst macht. Juergens Shorts sehen ein bisschen nach Bayern München aus. Er ist zwar besessen von diesem Verein, aber er trägt keineswegs Fußballerhosen. Seine Shorts wurden von Phoebe Philo, der Chefdesignerin von Céline, eigens für ihn entworfen. Den Gefallen tat sie ihm, weil er die Anzeigenmotive für Céline fotografiert. Eine der einflussreichsten Designerinnen der Welt dazu zu bringen, Maßanfertigungen im Stil normaler Sportbekleidung zu erschaffen und ein profanes Kleidungsstück auf die Art zu verwandeln – das passt sehr gut zu Juergens Ansatz als Fotograf. Das ist es, warum Menschen für ihn tun, was sie tun, sobald sie vor seiner Linse sind. Er ist ein Verführer. Allerdings trägt er nicht immer Shorts. Nicht auf Hochzeiten und auch nicht auf Beerdigungen. Und auch dann nicht, wenn seine Mutter sagt: "Zieh nicht diese albernen Shorts an." Doch immerhin hat er verdammt gute Beine. Auch das haben wir gemein. Meine Beine sehen zwar mehr nach Rugby aus als seine, aber ich finde, sie kommen in Shorts prima rüber. "Es ist wie bei den Frauen", sagt Juergen, "man muss zeigen, was man hat."

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