Spitzbergen Pinseln auf Inseln

Manchmal lassen Magazine Kindheitsträume wahr werden. Der Künstler Christoph Niemann durfte für die amerikanische Zeitschrift "National Geographic" nach Spitzbergen reisen. Sein Reisetagebuch Von
ZEITmagazin Nr. 43/2017

Als ich acht Jahre alt war, bekam ich eine riesige Weltkarte zu Weihnachten geschenkt. Seitdem fasziniert mich Spitzbergen, weil diese Inselgruppe so einsam im Arktischen Ozean liegt, weit nördlich von Skandinavien, selbstbewusst und trotzig. Deswegen hatte ich schon immer den Wunsch, da einmal hinzufahren.

Als mich eine Redakteurin des Magazins National Geographic nach Zielen für eine Reise fragte, sagte ich daher sofort: "Spitzbergen!" Ich schlug vor, für eine Woche hinzufahren und einfach draufloszuzeichnen. Ein paar Tage später bekam ich einen Anruf mit der Information, dass das leider nicht möglich sei: Man kann als normaler Tourist zwar nach Longyearbyen reisen (größter Ort, 2100 Einwohner), es ist aber verboten, diese Ansiedlung zu verlassen – es sei denn, man ist in Begleitung eines erfahrenen, bewaffneten Führers. Offenbar gibt es überall die Gefahr einer Begegnung mit Eisbären. Außerdem taut im Sommer die oberste Bodenschicht auf, sodass man ohnehin nicht weit käme. Zum Glück stellte sich heraus, dass National Geographic eine Schiffsreise anbot, die über Tromsø und Bear Island nach Spitzbergen und weiter Richtung Nordpol führte.

Bear Island, wo wir einen Tag verbrachten, ist unbewohnt, abgesehen von Zehntausenden Vögeln. In den nächsten fünf Tagen fuhren wir an der Küste Spitzbergens entlang und gingen täglich zweimal an Land, morgens und nachmittags. So ziemlich das Beste an diesen Exkursionen war die Gelegenheit, Tiere aus der Nähe zu sehen. Wir hielten Ausschau nach Walrossen und Rentieren, vor allem natürlich nach Eisbären.

Am vierten Tag gab es während des Abendessens eine Durchsage: Eisbär in Sicht! Ich lief zum Bug, blickte einige Minuten lang zum Horizont und konnte schließlich ein unscharfes Foto mit 600 mm Brennweite machen. Das Tolle daran war aber gar nicht der Eisbär, sondern die echte Aufregung an Bord eines ganzen Schiffs voller Erwachsener, die von ihren Plätzen aufgesprungen waren und nun, außer sich vor Freude, in die Ferne blickten wie Fünfjährige, die nach dem Weihnachtsmann Ausschau halten.

Der bedeutsamste Moment hatte allerdings nichts mit Eisbären zu tun. Wir hatten den Rand des offenen Meeres erreicht. Das Schiff drehte in das Eis hinein und schnitt sich einige Meilen weit krachend durch die Eisschollen.

Wo auch immer ich bis dahin gewesen war, überall hatte es einen "nächsten" Ort gegeben. Von Paris aus kann man nach London weiterreisen, nach New York, an die Westküste, nach Hawaii und so weiter. Hier war es anders. Hinter uns lag die ganze Welt, vor uns ein endloses Eismeer, das Nichts. Das Ende.

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