Achim Reichel "Junge! Rede Hochdeutsch!"

St. Pauli war seine Kinderstube, später übernahm er den legendären Star-Club. Der Musiker Achim Reichel erinnert sich, wie John Lennon dort einmal nackt und mit Klobrille um den Hals auftrat. Ein Gespräch über die Geheimnisse der Hamburger Musikclubs. Interview:

ZEITmagazin Hamburg: Herr Reichel, Sie sind in diesem Herbst nach gut vier Jahrzehnten Pause mit Ihrer Krautrockband A.R. & Machines in der ausverkauften Elbphilharmonie aufgetreten. Haben Sie keine Lust mehr auf Shantys?

Achim Reichel: Bei mir war zuletzt eine gewisse Müdigkeit aufgekommen, dem Formatdenken, der Musikindustrie weiter folgen zu müssen. Man macht ein neues Album, und die fragen: Wo ist der Hit?

ZEITmagazin Hamburg: Sie müssen sich um so was eigentlich nicht mehr kümmern.

Reichel: Ja, und trotzdem habe ich noch Lust, Musik zu machen. A.R. & Machines war für mich zu Beginn der Siebziger eine befreiende Erfahrung. Da hatte ich plötzlich eine Musik, bei der ich mir sicher war, dass die sonst keiner so macht. Wir entschieden uns damals, auf die gängigen Klischees der Rockmusik zu verzichten. Es musste eine eigene musikalische Sprache her. Leider ist mir nach vier Jahren mit A.R. & Machines die Luft ausgegangen. Danach fing dann meine Singer-Songwriter-Karriere an. Ich hatte eine junge Familie und konnte das Geld nicht völlig ignorieren. Dass A.R. & Machines jetzt doch noch beachtet werden, ist ein großes Lebensglück für mich.

ZEITmagazin Hamburg: Wann bemerkten Sie das neu erwachte Interesse?

Reichel: Das ist einige Jahre her, erst ließen Freunde meiner Töchter zu meiner größten Verwunderung ausrichten, dass sie A.R. & Machines toll finden. Und irgendwann kamen immer mehr E-Mails aus aller Welt. Plattenfirmen meldeten sich, die die lange vergriffenen Alben neu auflegen wollten. Jetzt bin ich in einem Alter, wo ich mir aussuchen kann, was ich machen möchte. Da passte das ganz gut. Und so bin ich mit A.R. & Machines sogar in der Elbphilharmonie gelandet, herrlich. Als ich hörte, dass dafür Leute aus Chicago oder London angereist sind, war ich schon platt. Und nun ist sogar ein Auftritt in der Royal Albert Hall im Gespräch.

ZEITmagazin Hamburg: Eigentlich wollten Sie aber zur See fahren, statt Musik zu machen, oder?

Reichel: Wir wohnten in der Bernhard-Nocht-Straße am Hafen, und vom Fenster aus konnte ich die Schiffe aus aller Welt auf der Elbe fahren sehen, und ich dachte mir, irgendwann fahre ich da auch mit, so wie mein Vater und mein Großvater. Von meinem Vater und meinem Großvater bekam ich immer Postkarten aus der ganzen Welt. Mutters Bruder schrieb mal aus New York. Mein Großvater dann aus Australien. Mein Vater war sowieso fast nur weg. Manchmal war er ein paar Tage im Hamburger Hafen. Dann besuchte ich ihn, und er zeigte mir das Schiff. Ein kleiner Junge wie ich staunte da sehr. Ich bin gern Hamburger. Ich mag auch den Slang hier und werde den sowieso nie los. Obwohl meine Mutter immer sagte: "Junge! Rede Hochdeutsch!" – Ich habe spät begriffen, was sie eigentlich meinte.

ZEITmagazin Hamburg: Auf die Welt gekommen sind Sie aber in Wentorf bei Hamburg.

Reichel: Das war während des Krieges. Da sind die Mütter zur sicheren Niederkunft rausgefahren, weil in Hamburg ständig Bomben fielen. Ich kam deshalb in der Polizeikaserne Wentorf zur Welt, aber danach ging es zurück nach Hamburg. St. Pauli war meine Kinderstube. Das Viertel haben nicht immer alle gemocht, aber ich bin extrem dankbar, dort aufgewachsen zu sein.

ZEITmagazin Hamburg: Angeblich war der Kiez gefährlich damals. Wie erinnern Sie sich daran?

Reichel: Gefährlich war der Kiez nicht. Ich wusste natürlich, dass es hin und wieder auch zur Sache geht, aber Angst hatte ich nie. Meine Frau durfte damals allerdings nur heimlich auf der Großen Freiheit unterwegs sein. St. Pauli war ein Vergnügungsviertel mit einem anrüchigen Ruf. Vor allem alte Leute empfanden den Kiez damals als gefährlich und wollten die Jugend davon abhalten, dort einzukehren. Im Star-Club ging es auch regelmäßig mal rabiat zu. Horst Fascher, der Chef im Star-Club, hatte sehr breite Schultern. Wenn es dort mal wieder Ärger gab, hatte man den Eindruck, dass Fascher und seine Jungs erst richtig in Form kamen. Man wollte keinesfalls derjenige sein, der diesen Ärger abbekommt. Der Star-Club war immer bis vier Uhr morgens geöffnet. Die Beatles habe ich oft auf St. Pauli gesehen, im Indra, im Top Ten und im Star-Club. Und Ringo Starr im Kaiserkeller, als er noch bei Rory Storm and the Hurricanes am Schlagzeug saß. Ich werde nie vergessen, wie John Lennon eines Abends im Star-Club nackt auf der Bühne erschien, die Gitarre vorm Gemächt, und um den Hals hatte er eine Klobrille hängen. Die hatte er da wohl grad von der Toilette gerissen. Ich dachte nur: Was sind denn das für Typen? Besonders Lennon hatte diesen typisch beißenden englischen Humor drauf.

ZEITmagazin Hamburg: Und Paul McCartney?

Reichel: Der war dagegen eher der Schwiegermütter-Typ, der machte ja noch richtig den Diener, wenn er einem die Hand gab. Ich dachte immer: Oho, ein Junge aus gutem Hause. Für uns Hamburger waren all diese Clubs ein tolles Material zum Studium dieser Musik. In jedem Laden spielte irgendeine interessante Band. Das hat einen dann auch schon angefeuert. Und dass es in den sechziger Jahren in Hamburg so viele Musikclubs gab, war für viele ein guter Grund, hier mal hinzufahren.

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren