Astronomie Warum gibt es das Weltall?

Der Papst hat einen eigenen Astronomen: Guy Consolmagno. Ein Gespräch über die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion und die Frage, ob Thunfische an Gott glauben. Von
Aus der Serie: Stefan Kleins Wissenschaftsgespräche ZEITmagazin Nr. 44/2017

Wenn wir die Welt mit Naturgesetzen erklären können, wo ist dann Gott? Wer sich mit der Entstehung und dem Aufbau des Universums befasst, stößt zwangsläufig auf solche Fragen. In dem schwierigen Grenzgebiet zwischen Wissen und Glauben bewegt sich der Astrophysiker Guy Consolmagno. Er ist Jesuit und leitet die Sternwarte des Papstes in Castel Gandolfo bei Rom, wo eine weithin sichtbare Teleskopkuppel den Palast der päpstlichen Sommerresidenz krönt. Das Vatikanische Observatorium wurde in seiner heutigen Form im Jahr 1891 gegründet, um den Austausch zwischen Wissenschaft und Religion zu fördern; es betreibt als internationale Forschungseinrichtung auch ein Großteleskop in der Wüste von Arizona. Consolmagno stammt aus Detroit. Er ist Experte für Meteoriten und untersucht die Entstehung der Himmelskörper im Sonnensystem. Er trägt einen langen weißen Bart und erscheint im Sweatshirt, er spricht schnell und lacht viel. Wüsste ich nicht, wer er ist, ich würde ihn für den Professor einer amerikanischen Universität des Mittleren Westens halten.

ZEITmagazin: Herr Consolmagno, wir können heute mit Weltraumobservatorien das erste Licht des Universums nach dem Urknall einfangen, die kosmische Hintergrundstrahlung. Als der amerikanische Astrophysiker George Smoot vor einigen Jahren Darstellungen dieser Strahlung präsentierte, sagte er: "Wenn Sie religiös sind, dann ist es, als würden Sie in Gottes Antlitz schauen." Stimmen Sie ihm zu?

Guy Consolmagno: Smoot hat die Erfahrung sehr genau beschrieben: Plötzlich sieht man etwas, von dem man nie dachte, es je sehen zu können. Dies ähnelt tatsächlich einem religiösen Erlebnis.

ZEITmagazin: Was empfinden Sie, wenn Sie zum Sternenhimmel aufschauen?

Guy Consolmagno: Dasselbe Staunen, das ich als Kind fühlte, aber mit dem Vorteil, mehr zu wissen. Was ich weiß, lässt mich die Dinge, die ich wahrnehme, noch höher schätzen. Ich habe ein kleines privates Teleskop. Wer durch das Fernrohr den Orionnebel erblickt, sagt: Wie wunderschön! Ich allerdings kann den Orionnebel betrachten und weiß: Dort werden Sterne geboren. Mit einem größeren Teleskop erkennt man sogar die Vorgänge, bei denen Planetensysteme entstehen. Es ist, wie Musik zu hören oder einen Sonnenuntergang zu bewundern. Die glutrote Sonne ist schön. Und die Maxwellschen Gleichungen, die beschreiben, wie ihr Licht zu uns gelangt, sind schön. Diese Eleganz der Natur erfahren Sie aber nur, wenn Sie die Wissenschaft kennen.

ZEITmagazin: Ich weiß, was Sie meinen: Ein fast ekstatisches Staunen darüber, dass sich die Schönheit der Welt uns auf so vielen Ebenen zeigt.

Guy Consolmagno: Das einfachste Wort dafür ist: Freude. Wenn es mir nicht gut geht, schaue ich durch das Teleskop. Nachher bin ich glücklicher.

ZEITmagazin: Würden Sie dieses Glück ein religiöses Gefühl nennen?

Guy Consolmagno: Ja. Mit der Betonung auf Gefühl. Religion ist mehr als Emotionen. Doch die Freude, die ich beim Blick durchs Teleskop oder auch dann empfinde, wenn ich Daten aus dem Computer ausgedruckt habe und plötzlich etwas verstehe, ist mit der Freude vergleichbar, die ich im Gebet erlebt habe.

ZEITmagazin: Sie haben 20 Jahre lang als Wissenschaftler gearbeitet, bevor Sie Jesuit wurden. Wie kamen Sie zu dem Orden?

Guy Consolmagno: Ich bin in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen und habe mich bei meiner irischen Mutter und meinem italienischen Vater sehr wohlgefühlt. Und ich bewunderte meine Lehrer, die Jesuiten waren. Religion war ein wichtiger Teil unseres Lebens, aber ich habe mich durch sie nie von Schuldgefühlen beladen oder unterdrückt gesehen. Im Gegenteil: Ich habe die Religion genossen. Ich erlebe noch immer große Befriedigung, wenn ich täglich die Messe besuche, und einen Verlust, wenn ich nicht hingehe.

ZEITmagazin: Sie sind aus Hedonismus gläubig.

Guy Consolmagno: Würde ich dieses Wort verwenden? Aber ja, ich habe nie Dinge getan, die ich nicht mochte. Als wir 18 waren, tranken meine Freunde Scotch. Für mich schmeckte das wie Mundspülung. Warum sollte ich das Zeug trinken?

ZEITmagazin: Man muss sich an den Whisky-Geschmack gewöhnen. Wie an die Messe.

Guy Consolmagno: Bei der Messe jedenfalls hat es für mich funktioniert. Zur Wissenschaft kam ich, weil ich Science-Fiction-Fan bin, ich war es schon als Jugendlicher. Als ich die Bibliothek der Science-Fiction-Gesellschaft am MIT in Boston sah, wollte ich unbedingt dort studieren. Aus einer Laune heraus schrieb ich mich in Geowissenschaften ein. Es war großartig. Wir Studenten durften forschen, und ich schrieb meine Abschlussarbeit über die Ozeane auf den Eismonden des Jupiters. Damals, in den siebziger Jahren, war das alles noch Spekulation. Die Raumsonden, die in den vergangenen Jahren dort waren, haben meine Voraussagen über flüssiges Wasser unter den Eiskrusten bestätigt. Meine Begründungen allerdings waren falsch. Doch als ich auf die dreißig zuging, befriedigte mich die Forschung nicht mehr. Ich fragte mich: Was machst du eigentlich mit deinem Leben? Wie kannst du dir den Kopf über Jupitermonde zerbrechen, wenn Menschen auf der Erde verhungern?

ZEITmagazin: Und zu welchem Schluss kamen Sie?

Guy Consolmagno: Ich kündigte meine Stelle am MIT und meldete mich zum Peace Corps, das amerikanische Fachkräfte in andere Länder schickt. Ich kam nach Nairobi, um Astronomie zu unterrichten. Ich hatte mir allerdings einen praktischeren Einsatz für die Armen vorgestellt. Am Wochenende zog ich mit meinem kleinen Teleskop durch abgelegene Dörfer. Und die Menschen dort, die kaum das Lebensnotwendige hatten, waren begeistert, wenn sie ihr Auge ans Okular legen durften. Sie empfanden natürlich genau die Freude, von der wir vorhin sprachen. Da begriff ich, dass diese Freude, das Universum zu sehen, alle Menschen vereint.

ZEITmagazin: Weil wir spüren, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind. Ich vermute, dahinter steckt eine tiefe Sehnsucht: Wir wollen erfahren, wer wir eigentlich sind und woher wir kommen. Viele Menschen erhoffen sich in der Religion eine Antwort, andere suchen sie in der Wissenschaft.

Guy Consolmagno: Ein Freund von mir erklärt das mit der Größe unseres Gehirns. Offenbar gibt es darin Teile, die mehr wollen als nur, dass am nächsten Morgen genug zu essen da ist. Und ja, Sie können die Sehnsucht auf das Bewusstsein von uns selbst zurückführen – auf das, was die großen Philosophen die menschliche Seele nannten. Ich würde dieses Gefühl die Freude nennen, in der Nähe Gottes zu sein. Aber ich versuche nicht, es mir zu erklären. Ich beobachte die Freude nur und nehme sie ernst. Sie gehört zum menschlichen Leben. Dass wir so empfinden, unterscheidet uns von gut gefütterten Rindern.

ZEITmagazin: Aber deswegen wurden Sie nicht Jesuit.

Guy Consolmagno: Nein. Als ich nach zwei Jahren aus Kenia zurückkam, unterrichtete ich einige Jahre an einem amerikanischen College. Ich war glücklich. Doch dann scheiterte eine Beziehung, und mir wurde klar, dass es nicht meiner Persönlichkeit entspricht, eine Familie zu haben. Da schien mir die Zeit reif, in den Orden einzutreten. Hier kann ich die Forschung betreiben, die ich immer machen wollte, und zugleich meinen Glauben leben.

Kommentare

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Die Wahrscheinlichkeit, dass es da draußen im fast unendlichen All Wesen gibt ist sehr wahrscheinlich. Die Frage für mich ist, haben die ihren eigenen Gott, wenn ja scheint es ja viele Götter zu geben, oder müssen die ganz einfach gottlos existieren. Wahrscheinlich haben wir da ein Exklusivrecht, wir sind ja als Menschen etwas Besonderes, sehr absurd diese Gedanken. Genauso absurd deshalb die Existenz Gottes. Aber natürlich ist das nur meine ganz persönliche Schlussfolgerung und toleriere jede anderen Auffassung.