Helmut Schmidts Hamburg Die Kunsthalle

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Als hätte Helmut Schmidt die Gemälde, die Zeichnungen, Radierungen und Skulpturen selbst ausgewählt: Man geht durch die Hamburger Kunsthalle und begegnet auf Schritt und Tritt Kunstwerken, die Schmidt geliebt haben muss. Die er vielleicht immer wieder betrachtet hat. Das beginnt im Untergeschoss zwischen der Galerie der Gegenwart und dem Gründungsbau von 1869. Diesen Sommer wurde dort die Ausstellung Die Kunst ist öffentlich – Vom Kunstverein zur Kunsthalle gezeigt.

Gleich der erste Blick fällt auf den Singenden Mann von Ernst Barlach. Mit beiden Händen hält der sitzende Sänger das rechte Knie fest umschlossen, singt aus vollem Halse. Ein Bronzeguss der Skulptur steht bis heute im Esszimmer von Helmut Schmidts Langenhorner Haus, in dem alles noch genauso aussieht wie bei seinem Tode. Schräg über dem Singenden Mann hängt in der Kunsthalle ein Gemälde von Ernst Eitner (Teichufer im Vorfrühling) – auch das Langenhorner Esszimmer schmückt ein Eitner. Schmidt schätzte den "Monet des Nordens" sehr.

So gehen wir in der Kunsthalle von Raum zu Raum und denken: Dieser Manet muss ihm gefallen haben oder dieser Degas. Und natürlich dieser Schmidt-Rottluff und dieser Kirchner. Den deutschen Expressionisten galt ja seine große Liebe, allen voran dem sehr norddeutschen und leider ziemlich NS-begeisterten Emil Nolde. Als die Kunsthalle 2015 die Ausstellung Nolde in Hamburg zeigte, schrieb Schmidt das Geleitwort. "Die erste Begegnung mit einem Werk Noldes geschah (...) zufällig, als ich 1948 zwei Tage in London war. Ich stieß auf das Schaufenster eines Antiquariats, in welchem unter anderem eine Nolde’sche Radierung ausgestellt war, ein mit wenigen Strichen dargestellter Schlepper auf der Elbe. Ich war davon elektrisiert und habe alsbald mein Bargeld nachgezählt, ob es wohl reichte. Es war das zweite Mal, dass ich ein Kunstwerk kaufte – dies liegt heute beinahe sieben Jahrzehnte zurück, und ich bin Emil Nolde treu geblieben."

Treu blieb er auch der Kunsthalle. Er hat sich wohlgefühlt in dieser großartigen Sammlung neben den Gleisen am Hamburger Hauptbahnhof. Sein Leben lang hat er immer wieder vorbeigeschaut, hat die Werke der im "Hamburgischen Künstlerclub" von 1897 versammelten Maler (Ernst Eitner, Arthur Illies, Paul Kayser, Julius von Ehren) betrachtet. "Ich bin kein Kunstkenner", schrieb Schmidt im Geleitwort zur Nolde-Ausstellung, "sondern nur ein Mensch, der sich an Werken der Kunst freuen kann." Und er fügte hinzu: "Mein Verständnis für Kunst verdanke ich der Lichtwark-Schule." Jener Schule, die Schmidt immer wieder rühmte wegen ihrer musischen Erziehung und der von manchen Lehrern verteidigten geistigen Freiräume in den düsteren Jahren der heraufziehenden Nazi-Zeit. Sie trug den Namen Alfred Lichtwarks, des ersten Direktors der Kunsthalle.

Es ist viele Jahre her, ich wollte an einem Wochenende meiner Mutter die Hamburger Sammlung zeigen, da traf ich Helmut Schmidt zufällig in der Kunsthalle. Was ihm diesmal besonders gefallen habe? "Gehen Sie ins Café Liebermann", empfahl uns Schmidt. "Sehr guter Kuchen!"

In jeder ZEITmagazin-Hamburg-Ausgabe stellt unser Kolumnist Matthias Naß einen Lieblingsort von Helmut Schmidt vor.

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