Kunstblumen Ist das Kunst, oder muss man das gießen?

ZEITmagazin Nr. 44/2017

Mit nichts könnte man die eigene Geschmacklosigkeit besser demonstrieren, als wenn man einen Strauß Kunstblumen zu einem Abendessen mitbrächte. In Zeiten, in denen Menschen von Zucchini aus ihren Vorgärten schwärmen und nur noch Biowein trinken, genießen Sträuße aus Seide, Plastik, Draht und Nylon gelinde gesagt keinen guten Ruf.

Künstliche Blumen – sowohl die teuren aus Seide als auch die billigen aus Plastik – gelten als trostlos, als Staubfänger in Wartezimmern und Businesshotels. Und, noch schlimmer: Sie lassen ihre Besitzer als schlechte Menschen dastehen, die keinen Sinn für die wahren schönen Dinge im Leben haben.

Ich mag Blumen sehr. Die auf den Wiesen sowieso. Aber auch die künstlichen. Mir gefallen ihre reißfesten Blütenblätter, die kleinen Kunststoff-Stempel, die elastischen Stängel.

Ich verstehe schon, warum Menschen frische Blumen bevorzugen. Sie lassen uns an draußen denken, an warme Sommertage in der Natur. Sie sind schön, gerade weil sie nicht von Menschen gemacht sind, sondern von höheren Mächten. Die Natur ist viel größer als der Mensch – wie erfreulich also, ein bisschen was von ihr auf dem eigenen Küchentisch stehen zu haben.

So weit zumindest die Idee. Bloß haben die allermeisten Schnittblumen mit der Natur nur wenig zu tun. Als Blumenliebhaber habe ich einige Zeit in Blumengeschäften verbracht. An eines der letzten Male erinnere ich mich gut. Der Laden roch nach dem Kaffee, der vor dem Verkäufer auf dem Tresen stand. Wonach es leider nicht roch: nach dem Duftfeuerwerk, das Blumen in der Natur bei ihrer Blüte für gewöhnlich zünden. Vier von fünf der in Deutschland verkauften Rosen sind importiert, etwa die Hälfte davon stammt von kenianischen Farmen. Auf dem Weg zu uns sammeln die Rosen vermutlich mehr Flugmeilen als manche ihrer Käufer in ihrem gesamten Leben. Die Blumen werden so gezüchtet, dass sie die Globalisierungsrouten unbeschadet überstehen. Deshalb fühlen sich die Rosenblüten im Laden oft fester an als die im Garten. Sie sind gewissermaßen gepanzert für ihre Reise, sie sehen nur noch nach Rosen aus und riechen nach absolut gar nichts.

Man könnte sagen: Egal, trotzdem besser als Blüten aus Plastik. Ich sehe es anders. Ist es sinnvoll, die Natur so zu züchten, dass sie in unsere Stadtwohnungen passt? Erfahren wir wirklich so viel über die Vergänglichkeit des Lebens, indem wir einer Treibhausblüte aus Holland beim Sterben zusehen?

Ist es nicht sogar falsch, die Natur auf Zimmergröße schrumpfen zu wollen? Was wir an Blumen schön finden, ist doch eigentlich, dass sie auf Wiesen gedeihen, in der Wildnis, nicht in Ikea-Vasen.

Die viel schlüssigere Art, das Wunder der Natur zu feiern, ist, sie mit Hingabe nachzuahmen. Und gar nicht erst zu versuchen, das Gemachte zu kaschieren. Die Kunstblumenmanufaktur Heide Steyer in Sachsen ist ein schönes Beispiel: Sie stellt Seidenblüten für die Hüte der Queen her und trägt das Wort Kunst schon im Namen. Die Werke dieser Manufaktur kommen mir vor wie eine einzige, große Verbeugung vor der Natur.

Abgesehen davon sind Kunstblumen auch einfach praktischer. Keine Blütenstaub-Flecken mehr auf der Tischdecke, keine gammeligen Blätter, die man beim Wegwerfen des Straußes vom Boden aufsammeln muss, kein schleimiges, miefendes Wasser in der Vase.

Ich habe selbst lange nicht an die Möglichkeit gedacht, mir Kunstblumen in die Wohnung zu stellen. Ich werde in den kommenden Tagen mit einem Strauß beginnen. Dass er ewig halten wird, ist für mich kein Problem, sondern das passende Symbol für die Liebe zur Natur.

Kommentare

8 Kommentare Kommentieren

Den aus China oder von sonstwo importierten "Kunstblumen" kann ich persönlich nichts abgewinnen. Das ist millionenfach industriell gefertigter Ramsch.
Kunstblumen haben für mich die Betonung auf dem Wort "Kunst" und dieses nicht im Sinne von künstlich.
Ich habe eine Künstlerin gefunden, die Blumen aus Echtleder in aufwendiger Handarbeit herstellt. Und ich muss sagen: Jedes Stück ist ein Unikat, zeigt seinen Ursprung aus der natürlichen Basis Leder und strahlt die Schaffenskraft der Künstlerin direkt aus.
Bis dato habe ich mir jedes Jahr mindestens eine ihrer "Kompositionen" gegönnt und sie sind eine Bereicherung im Wohnambiente.