Ich habe einen Traum Lars Eidinger

"Ich habe den Traum, eine ganze Nacht im Wald zu liegen"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 44/2017

The rest is silence: "Der Rest ist Stille." Und nicht, wie es in den meisten Hamlet-Übersetzungen heißt: "Der Rest ist Schweigen." Schweigen bedarf der Anwesenheit von jemandem, Stille hingegen existiert, auch ohne dass jemand anwesend ist.

Ich habe den Traum, eine ganze Nacht im Wald zu liegen. Mit dem Rücken auf dem Erdboden, den Blick in die Baumwipfel gerichtet. Es ist stockfinster, keine künstliche Beleuchtung, der Himmel nahezu schwarz. Ich verbringe die Nacht damit, in die Dunkelheit hineinzulauschen.

In unserer reizüberfluteten Welt wird die Sehnsucht nach Stille mehr und mehr unstillbar. Ich glaube, dass das, was uns ein Leben lang umtreibt, eine Todessehnsucht ist. Das soll nicht zu morbide klingen, und ich bin auch nicht lebensmüde, im Gegenteil, ich liebe das Leben. Aber ich bin überzeugt, dass wir im Sterben begreifen werden, dass das, was wir ein Leben lang gesucht haben, der Sinn des Lebens also, der Tod ist, so paradox das klingen mag. Wir leben, um zu sterben, und perfekt ist nur der Tod.

Im Wald möchte ich liegen, weil ich festgestellt habe, wie weit ich mich schon von der Natur entfernt habe. Seit meiner Jugend habe ich Allergien gegen Hausstaub, gegen bestimmte Früchte, gegen Gräser und Bäume, gegen Tierhaare und Tierspeichel. Mit Dreck bin ich eigentlich erst in Berührung gekommen, nachdem ich von zu Hause ausgezogen bin. Meine Mutter ist sehr reinlich, mein Elternhaus in Berlin-Marienfelde nahezu steril. Im Grunde bin ich aufgewachsen wie Bubble Boy.

Wenn der Mensch allergisch gegen die Natur ist, dann sind wir jenseits von Eden. Ich habe mal während eines Australiengastspiels mit der Schaubühne mit zwei Kollegen einen Kurztrip mit dem Auto gemacht. Drei Tage lang konnten wir fast ununterbrochen den Horizont sehen. Auf einem Rastplatz haben wir dann, scheinbar aus dem Nichts, einen Lachanfall bekommen, der nicht mehr aufhören wollte – die absolute Befreiung, als falle etwas von uns ab. Mir wurde klar, dass ich in Berlin immer nur auf Mauern und Wände blicke und den Horizont nur sehr selten zu Gesicht bekomme. Das macht mich ruhelos.

Mein größter Traum war immer, im Jetzt anzukommen. Dass das Leben immer weitergeht und der Moment, so schön er auch sein mag, nicht verweilt, war schier unerträglich für mich. Erst in letzter Zeit habe ich verstanden, dass die Bewegung das Leben ist und der Stillstand der Tod. Und dass das eine das andere bedingt. Der Reiz des Lebens ist die Endlichkeit. Der Tod kommt nicht am Ende des Lebens – er ist immer da, in jedem Moment. Er begleitet uns.

Ich liebe die Fotografie und bilde mir ein, dass genau das ihren Reiz ausmacht: Ein Foto fängt nicht das Leben ein, es bildet den Tod ab. Dass ein Bild stillsteht, dass ihm die Bewegung und die Lebendigkeit fehlt – das ist nicht nur ein Blick zurück, sondern auch ein Blick nach vorn, zu dem, was uns im Tod erwartet. The rest is silence.

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