Leslie Clio Rauf auf die Bühne

Leslie Clio hörte als Kind Soul – und wusste plötzlich, dass sie Sängerin werden will. Von Bernhard Heckler
ZEIT Hamburg Nr. 44/2017

"Wenn ich früher meine Großeltern im Süden von Hamburg, in Neugraben, besucht habe, liefen immer Schlager. Ich weiß noch, wie ich in ihrem Garten sitze, zwischen Apfel- und Kirschbäumen, es ist Sommer, mein Opa trägt Blaumann, meine Oma eine geblümte Bluse, und ich höre Heintje singen, meine erste große Liebe. Ich muss vier gewesen sein. Das sind meine schönsten Kindheitserinnerungen, bürgerliches Aufwachsen bei den Großeltern, heile Welt, Schlager im Hintergrund.

Aber die Gewissheit, dass ich Sängerin werden will, kam mit dem Soul. Meine Mutter hat mich alleine großgezogen, was manchmal schwierig war. In der Grundschule wechselte ich zum ersten Mal die Schule, weil wir umgezogen sind, später noch ein paarmal. Als Kind habe ich zunächst Musicals gehört, auch sehr viel Swing, The McGuire Sisters, dann viel Soul, die ganzen Motown-Sachen. Mein erstes Konzert war Angélique Kidjo. Ich wollte die ganze Zeit unbedingt auf die Bühne. Irgendwann bin ich einfach hoch und habe mit der Sängerin rumgetanzt. Das Konzert wurde vom NDR aufgezeichnet, und ich habe immer darauf geachtet, dass die Kamera auch auf mich gerichtet ist. Am nächsten Tag vor dem Fernseher habe ich mich richtig aufgeregt, dass ich doch nur einmal zu sehen war.

Nach einem Jahr auf dem Gymnasium bin ich auf ein Internat gewechselt, weil ich von zu Hause wegwollte. In dieser Zeit habe ich mich sehr bewusst mit Pop- und Soulmusik auseinandergesetzt, richtig recherchiert und mir ständig neue CDs gekauft. Mit 17 kehrte ich dann zurück nach Hamburg, um hier Abitur zu machen. Wohlgefühlt habe ich mich nicht, zu Hause war es immer noch schwierig – meine Rettung war damals der Hamburger Hip-Hop. Absolute Beginner, Fünf Sterne deluxe, Fettes Brot, Eins Zwo, da war ich immer mit dabei. Wenn im Stadtpark das Flash Festival war, haben meine Freunde aus Internatszeiten bei mir übernachtet. Ich war auf jedem Konzert von Fettes Brot, auch wenn ich dafür mit der Bahn nach Bergedorf rausfahren musste.

Aber bald wuchs in mir der Drang, meine Heimatstadt abzustreifen. Ich war auf so vielen Schulen, kannte so viele Leute, habe so viele negative Sachen erlebt, dass es zu eng wurde. Ich brauchte Anonymität und das große Unbekannte. Eine Zeit lang war das New York, bis es zu teuer wurde, dann Berlin.

Wenn ich jetzt nach Hamburg komme, nehme ich wieder die guten Seiten der Stadt wahr. Lange habe ich die körperlichen Symptome nicht ertragen, die sich bei meiner Rückkehr immer einstellen, diese Unruhe, dieses flaue Gefühl im Magen. Mittlerweile lasse ich die Freude zu, wenn ich am Deich oder am Hafen sitze. Wenn jemand mir ein schönes Reetdachhaus am Deich anbieten würde, dann würde ich es vielleicht nehmen."

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