Stil In Westen nichts Neues

ZEITmagazin Nr. 44/2017

Die Weste ist das wohl vernünftigste Kleidungsstück der Welt. Man kann in ihre Taschen stopfen, was nicht mehr in die Hosentaschen passt. Die Weste ist wärmer als das bloße Hemd, aber es wird einem darin nicht so heiß wie in einer Jacke. Man kann die Weste zu fast allem kombinieren, sie lässt sich zum T-Shirt genauso tragen wie zum Anzug. Und dann hat sie auch noch alle möglichen Verwandten, die genauso vernünftig sind – etwa die Rettungsweste, die Warnweste oder die Outdoorweste.

Eine Weste ist schnell übergezogen. Sie ist das Lieblingskleidungsstück von Männern, die ohne viel Aufwand irgendwie angemessen angezogen sein möchten. Sie begleitet den Mann schon sehr lange. Die Weste ist einst aus dem Wams entstanden, das sich im 13. und 14. Jahrhundert als Bestandteil der Alltagskleidung von Herren etabliert hatte. Später wurde sie erst zur Unterbekleidung für das Oberkleid der Herren und schließlich zum festen Bestandteil des dreiteiligen Anzugs. Dabei ist die Vorderseite aus dem gleichen Material wie der Anzug, die Rückseite dagegen aus dem Futterstoff gefertigt.

Heute gilt der Dreiteiler als allzu formell. Die Weste ist also wieder allein unterwegs. Sie ist ein Allrounder wie das T-Shirt. Und deswegen wird sie selten aus modischen Motiven gekauft. Drastisch ausgedrückt, ist sie das Mode-Teil für Männer, die Mode nicht mögen. Wer eine Weste trägt, der neigt seltsamerweise dazu, sie ständig zu tragen. Schnell wird die Weste ein "Markenzeichen". Und Männer, die "Markenzeichen" tragen, haben schon verloren. Hat man schon einmal gehört, eine Frau trage ein Kleidungsstück als Markenzeichen? Frauen haben vielleicht einen "Signature-Haircut". Aber es fiele ihnen nur in Ausnahmefällen ein, sich damit produzieren zu wollen, dass sie jeden Tag dieselbe Garderobe tragen.

Dagegen sind männliche Gewerkschaftsfunktionäre legendär als Freunde der Cordweste. Und Markus Lanz moderierte Wetten, dass..? einst in Weste, um unkonventionell zu erscheinen. Das macht es für dieses Kleidungsstück modisch nicht gerade leicht. Hoffnung kommt mit den Herbstkollektionen. Bei Dior Homme und Jil Sander gibt es Westen in androgyn anmutenden, futuristischen Schnitten. Sunnei bietet Fellwesten für den Herrn, die aussehen, als würde man ausziehen, ein Mammut mit dem Knüppel zu erlegen.

Letztlich bleibt abzuwarten, bis sich die aktuellen Westenträger von dem Kleidungsstück verabschieden. Denn erst dann wird man es wieder neu erfinden können. Bei den Gewerkschaftern ist das abzusehen, Markus Lanz trägt schon wieder Anzug.

Kein Ass im Ärmel: Funktionsweste von Colmar

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