Berlin: Ins Scheitern verliebt

ZEITmagazin Nr. 45/2017
Die Berliner Mängelliste ist lang: Der Müll und die Schulden türmen sich, die Verwaltung funktioniert nicht und schiebt ihr Scheitern auf "Softwareprobleme", Berliner Polizisten besaufen sich beim G20-Gipfel, und der Hauptstadtflughafen wird vielleicht nie eröffnet werden. Viele Bewohner haben den Eindruck, die Stadt verachte sie und biete ihnen keine gemütliche Heimat. Dennoch lieben viele es hier, so wie unsere Berliner Autoren. Warum eigentlich? Von und

Auf dem Boulevard Unter den Linden haben sie hinter zerbeulten Absperrgittern einen roten Teppich ausgerollt, in der Staatsoper werden an diesem Tag Ehrengäste erwartet. Über sieben Jahre hatte sich die Restaurierung des Rokoko-Baus hingezogen, die Baukosten stiegen um das Doppelte auf mehr als 400 Millionen Euro. Ein Untersuchungsausschuss wühlte sich tief in den sumpfigen Boden, auf dem das Musikhaus ruht, und fand die bekannte Berliner Mischung aus Hemdsärmeligkeit und Fatalismus. Tja, wurde halt ein bisschen mehr. Schicksal!

Zum Tag der Deutschen Einheit soll nun endlich alles fertig sein und die Wiedereröffnung gefeiert werden. Es hat aber dann doch leider bloß zu einem "Präludium" gereicht. In ein paar Tagen, erfuhren die Gäste, muss das Haus wieder schließen. Die Techniker sind nicht fertig geworden, es fehlen noch diverse Freigaben der Behörden – darunter die für den Brandschutz. Die zur Wiedereröffnung geplante Uraufführung muss bedauerlicherweise ebenfalls entfallen, der Komponist ist erkrankt. Stattdessen wird, als Provisorium zum Präludium, eine Tragödie geboten: Faust-Szenen von Schumann. Und so schallt an diesem Abend von der Bühne in den blattgoldenen Saal (dessen Nachhall durch Anhebung des Daches um exakt 0,7 Sekunden verlängert wurde) Berlins heimliche Hymne, gedichtet von Goethe: "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis; Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis."

Das ist Berlin. Was ist nur los hier?

Wer in Berlin über das Regierungsviertel hinausspaziert, dem fallen überquellende Mülleimer ins Auge, Dreckhaufen auf den Straßen, verwahrloste Parks und tote Ratten. Die Bezirksämter schaffen es nicht, Geburtsurkunden zeitnah auszustellen, Heiratswillige kampieren in der Morgendämmerung vorm Rathaus, Tote dürfen nicht unter die Erde, weil Ämter überlastet sind. Die Zustellung einer Sterbeurkunde dauert bis zu 38 Tage. In Pankow überreichte ein Bote die Papiere in letzter Sekunde bei der Trauerfeier in der Friedhofskapelle. Die Software, die im Standesamt jede Ansprache verweigert, heißt übrigens Autista. Der Hersteller beteuert, überall anderswo funktioniere sie. Bloß nicht in Berlin.

Selbstverständlich verlief auch die Bundestagswahl nicht störungsfrei: 46 Hausmeister hatten sich geweigert, einen außerplanmäßigen Sonntagsdienst anzutreten und zu Wahllokalen umfunktionierte Schulen aufzuschließen. Erst zwei Tage vor Ultimo wurde gemeldet: "Die Wahl ist gesichert." Eine Schlagzeile, die es nur in Berlin gibt – und die dann doch ein bisschen voreilig war. Aus ganz Deutschland lagen die Ergebnisse vor, da wurde in Berlin noch immer gezählt – wegen "Softwareproblemen". Am frühen Morgen meldete dann auch Pankow Vollzug.

Tausende Gerichtsverfahren werden in Berlin eingestellt, weil die Justiz überlastet ist, nicht wenige Verdächtige kommen wegen Fristüberschreitung aus der Untersuchungshaft frei. Der Vorsitzende der Vereinigung Berliner Staatsanwälte sagt: "Ein funktionierendes Rechtssystem ist in Berlin nicht mehr vorhanden."

Was stimmt nicht mit Berlin? Diese Stadt ist ins Scheitern regelrecht verliebt, könnte man sagen. Und trotzdem verlieben sich auch immer mehr Menschen in diese Stadt. Zum Beispiel wir, die Autoren dieses Textes. Seit Jahrzehnten leben wir hier, arbeiten als Kolumnist und Chefredakteur beim Tagesspiegel, verfolgen und beschreiben den alltäglichen Wahnsinn dieser Metropole und ihre Unzulänglichkeiten, die nicht selten das Ergebnis von organisierter Unzuständigkeit sind. Hier dauert es drei Jahre, einen Zebrastreifen auf die Straße zu pinseln. Vier Jahre, die Statik einer Ampel zu berechnen. Sieben Jahre, eine Oper zu sanieren. Auch die Pergamonbaustelle auf der Museumsinsel wird zur Permanentbaustelle, ein Monument ihrer selbst, mit vier Jahren Verzug und der obligatorischen Kostenverdoppelung. Schuld sein soll ein historisches Pumpwerk, das der unterirdischen Arbeit im Wege steht. Seit elf Jahren versucht man hier, einen Flughafen zu bauen. Vor fünf Jahren platzte die geplante Eröffnung, wir haben unsere Einladungskarten zur Party noch. Jetzt heißt es: 2019 könnte es klappen – wenn alles gut geht! Doch wann geht hier etwas gut?

Dass die Stadt Probleme hat, einen Flughafen zu bauen oder eine Oper zu sanieren, wäre erträglich – funktionierten wenigstens die tausend kleinen Dinge des Alltags, etwa die Anmeldung eines neuen Pkw. So was kann viele Wochen in Anspruch nehmen. Die Autohändler bekommen die verkauften Modelle nicht vom Hof, die Käufer wissen nicht, wohin damit.

Der Neubau von Wohnungen, dringend nötig, verläuft ähnlich schleppend wie das Flughafenprojekt, obwohl guter Wille vorhanden zu sein scheint. Nirgendwo sonst sind die Wartezeiten beim Bürgeramt länger, die Schulen maroder, die Baustellen chaotischer, die Verantwortlichkeiten verworrener als bei uns in der Bundeshauptstadt. Hebammen warnen Hochschwangere vor Berlinbesuchen, im Ernstfall gibt es keine Betten und Ärzte. Wohnungsangebote finden sich kaum, aber regelmäßig ertönen Bannflüche der Berliner Politiker gegen die Profitgier privater Investoren. Die Bausenatorin sagt: "Wir leben bis zum Hals im Kapitalismus. Das ist das Problem." Aber im Sozialismus war’s hier auch nicht so doll. Und jetzt? Die FDP hat den Senat gefragt, ob er die Meinung der Senatorin zum Kapitalismus teilt. Die Antwort lautet: "Der Senat hat sich zu diesem Grundproblem noch keine abschließende Meinung gebildet." Wir werden uns also auch hier gedulden müssen.

Viele Berliner haben den Eindruck, dass sie und ihre profanen Bedürfnisse von den Regierenden regelrecht verachtet werden. Denen geht es offenbar um höhere Ziele als Geburtsurkunden oder Mülleimer. Aber welche Ziele das sein könnten, weiß auch niemand. "Kiffen und den Verfassungsschutz abschaffen", sagt der Innensenator, als er glaubt, dass ihm niemand zuhört.

Die Verachtung ist mittlerweile gegenseitig. An der Potsdamer Brücke wurde im Sommer wegen Bauarbeiten die Abbiegespur gesperrt, nur Busse durften durch. Alle anderen mussten einen lästigen Umweg in Kauf nehmen. Viele Autofahrer ignorierten das Verbot einfach, Verkehrsschilder haben in Berlin allenfalls dekorative Funktion. Einerseits ist die Polizei infolge Personalausdünnung zu entkräftet, um sich derlei Dingen mit der gebotenen Sorgfalt zu widmen. Andererseits wächst der Volkszorn, weil es in Berlin eine Koordination der zahllosen Baustellen nicht mehr zu geben scheint. Verschwörungstheorien grassieren: Sind Sadisten am Werk oder die Grünen oder beide? Um das Abbiegeverbot, nach etlichen schweren Unfällen, durchzusetzen, wurde die Kreuzung an der Brücke von bewaffneten Polizisten daraufhin rund um die Uhr verteidigt wie Fort Alamo. Das Verbot, auf Bürgersteigen Rad zu fahren, war hingegen nicht zu halten, es existiert nur noch auf dem Papier. Für das Verbot, sein Auto auf Radwegen abzustellen, gilt das leider auch. Einem genervten Radfahrer, der rücksichtslos parkende Autofahrer anzeigte, warf das Ordnungsamt "eine systematische und damit rechtlich unzulässige Verkehrsüberwachung" vor. Anzeigen von "Hilfssheriffs" werde man "nicht als Anzeige werten". Dies sei "Staatsaufgabe". Aber wo ist der Staat?

Vor ein paar Monaten eröffnete der wunderschöne Pierre-Boulez-Saal in der Barenboim-Said-Akademie. Seitdem herrscht an Veranstaltungsabenden in der Französischen Straße wegen wild parkender Autos ein gefährliches Chaos. Akademie-Direktor Michael Naumann beantragte deshalb dringend eine Halteverbotszone, doch der Antrag des Ex-Kulturstaatsministers wurde erst mal abgeschmettert: Die Sachbearbeiterin teilte mit, ihr sei es "auf Grund anderer termingebundener Aufgaben nicht möglich, kurzfristig Anträge zu prüfen", und: "Schon allein das Prüfverfahren nimmt einige Monate in Anspruch." Auf die Beschwerde Naumanns meldet sich nun ein anderer Sachbearbeiter mit folgendem Hinweis: "Eine Anordnung von Halteverboten wird kaum dazu führen, dass das Auftreten von Falschparkvorgängen verhindert werden kann." Dass solche Verbote in Berlin ernst genommen würden, halte er ohnehin "aus jahrelanger Beobachtung heraus für sehr unwahrscheinlich". Die Kapitulationserklärung endet mit der üblichen Maßregelung: "Das von Ihnen beobachtete Fehlverhalten der Verkehrsteilnehmer legen Sie bitte nicht der Straßenverkehrsbehörde zur Last." Vor diesem Hintergrund kann der auswärtige Beobachter vielleicht verstehen, warum die amtliche Mitteilung "Berlin geht fünf Tage gegen Falschparker vor" den lokalen Zeitungen eine Meldung wert ist.

"Raserhauptstadt" ist Berlin übrigens nicht, diesen Titel trägt wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge Hamburg. Rasen ist aufgrund des Verkehrsaufkommens bei uns auch nur in sehr frühen Morgenstunden möglich. Doch was Aggression und Anarchie angeht, lässt sich Berlin nicht lumpen. Eine Lehrerin schreibt: "Wir mussten heute aus Sicherheitsgründen unsere Schülerlotsen abziehen. Die zuständige Polizeibeamtin will und kann die Verantwortung für die Kinder nicht mehr übernehmen."

Seit einiger Zeit kann man beim Ordnungsamt Meldungen auch online einreichen. Den Bearbeitungsstand markiert eine digitale Ampel, meist steht sie auf Gelb, oft noch Wochen später. "Beschwerde über Feuerwerke im Bereich des Osthafens", gemeldet Ende August, Status Ende September: "In Bearbeitung". Bis Silvester hat sich die Sache erledigt. Andere nutzen das Tool offen zur Denunziation – so ist bei Nennung von Name und Adresse zu lesen, bei welcher Familie in Lichtenberg "seit mindestens 5 Jahren ein Hund mit dem Namen Atze" lebt, "welcher nicht angemeldet ist! Außerdem bekommt der Hund viel zu wenig Auslauf." Das Amt meldet ausnahmsweise: "Erledigt" – der Fall wurde an die Steuerbehörde weitergereicht.

Meist aber wird Müll gemeldet, sehr viel Müll. Den stellen die Leute hier einfach auf die Straße, das ist zwar verboten, aber: egal. Schauen Sie mal, was an einem ganz normalen Tag allein in Neukölln neu auf die Liste kommt, jeweils mit genauer Adresse: Sperrmüll, Staubsaugerteile, Glas, Einkaufswagen, Couch, Pflastersteine, Metall, Bauschutt, Hausmüll, Dämmwolle, Schilderfuß, Monitor, Couch, Plastik, Farbeimer, Verpackungsmaterial, Mikrowelle, Matratze, Klappliege, Holzteile, Waschmaschine, Kleinmobiliar, Kleidungsstücke, Dämmplatten, Kühlschrank, Teppiche, Kisten, Kartons, Autoreifen, Babybadewanne, Styroporplatten, Wäscheständer, Stuhlteile, Elektroteile, Tasche, Holzregal, Müllsäcke, Standfüße, Holzplatten, Sofa, Schrank, Bettgestell, Schreibtisch, Mülltüten, Elektroschrott, Bretterstapel ... es hört gar nicht mehr auf.

Und das ist nur das, was gemeldet wird. Neuköllns Bürgermeisterin bekämpft die Lawine jetzt mit Schildern, auf denen zur Überraschung der Anwohner "Müllablagerung verboten" steht. Sie sagt, der Bezirk prüfe eben "alle realistischen Möglichkeiten", das Problem in den Griff zu kriegen.

Vielerorts findet sich die Politik mit den Unzulänglichkeiten nicht mehr nur ab, sondern definiert sie zum Ereignis um. Die Stadt bekommt den Drogenhandel im Görlitzer Park nicht in den Griff – also teilt sie politisch korrekt mit: "Wir werden uns auf die Weiterexistenz des Handels einstellen müssen. Keine Gruppe soll als Problemverursacher gesehen werden. Menschen, die derzeit den Park nutzen, sollen nicht verdrängt werden." Die Dealer sind jetzt also Teil des offiziellen Erholungsprogramms. Sie halten Radfahrer auf den Parkwegen an und ermahnen sie, umsichtig zu fahren, und von besonders jung aussehenden Kunden verlangen sie den Ausweis. In Berliner "Spätis", den Rund-um-die-Uhr-Kiosken, werden extralange Blättchen für den original Kreuzberger Joint "Görlitzer Park" verkauft. Immerhin funktioniert hier die heimische Wertschöpfungskette: Produziert werden sie von einer Firma in Pankow.

Wer über den Zusammenbruch der Berliner Staatlichkeit schreibt, darf, der Fairness halber, zwei Tatsachen nicht unerwähnt lassen.

Erstens: Fast jedes Problem, das in Berlin zu beobachten ist, gibt es auch in anderen großen Städten. Die Hamburger Elbphilharmonie hat ebenfalls eine ganze Weile gebraucht und deutlich mehr gekostet als geplant. Der Bau des Stuttgarter Bahnhofs wurde von Juchtenkäfern ausgebremst, die kamen bestimmt nicht aus Berlin. Die Kölner haben beim U-Bahn-Bau aus Versehen ihr Stadtarchiv in die Erde versenkt. In Berlin gibt es allerdings alle Probleme gleichzeitig und verschärft, und das mit steigender Tendenz.

Zweitens: Schuldzuweisungen an bestimmte Parteien oder einzelne Politiker führen nicht weit. Egal wer in Berlin regiert hat, und das waren einige, richtig besser wurde es nie. Ein wenig erinnert Berlin an eine WG, wo sich der Abwasch in der Spüle bis an die Decke stapelt und man sich jeden Abend ergebnislos über die Schuldfrage streitet. Aber niemand spült ab.

Und doch strömen sie alle hierher, zu uns nach Berlin: die Jungen, die Schönen, die Abenteurer, die Bunten, die Touristen, die Start-up-Unternehmer, die Glücksritter und die Ruheständler. Berlin ist die Heimat der Heimatlosen. Die Attraktivität der Stadt ruht auf stabilen Fundamenten, die nicht leicht kaputtzukriegen sind: das einmalige Kulturangebot, die Seen und das zauberhafte Umland, die wunderbaren Altbauwohnungen, inzwischen teuer, aber immer noch billiger als in Paris oder London, das Nachtleben, die intellektuelle Offenheit, das Flair aus ganz Europa, die Aura. Die Aura stirbt zuletzt, wie bei einem alten Schauspieler. Nacht für Nacht ziehen abenteuerlustige Touristen durch die Kneipenviertel, die britischen Junggesellenabschiede sind legendär, der Alkohol ist für diese Klientel unfassbar billig.

Überhaupt sind Touristen ein "erheblicher Wirtschaftsfaktor", in Berlin heißt das: Man mag sie nicht. Zur Auflösung der Touristenballungen hat sich die Senatsverwaltung für Wirtschaft eine echt berlinische Problemlösung einfallen lassen: die App "Going local". Sie soll die Touristen von den touristischen Highlights und Kneipenmeilen fernhalten und in die Außenbezirke locken, Spandau vielleicht oder Marzahn. Ein Sprecher sagt: "Berlin hat so viel zu bieten, es müssen nicht immer alle zur gleichen Zeit an die gleichen Orte kommen." Das muss man sich mal für Paris vorstellen – die Idee, man könnte die Touristen mithilfe einer App überreden, nicht den Eiffelturm und Saint Germain zu besuchen, sondern mit der Metro in die Banlieue zu fahren.

In Berlin heißt die Banlieue Hellersdorf. Hier wurde ein neuer Lehrer gerade von den Kollegen mit den aufmunternden Worten begrüßt: "Ihre Schüler werden zum Großteil kriminell, arbeitslos oder landen auf der Straße." Auf den Straßen hinterlassen sie dann die Zeugnisse des Berliner Bildungssystems: An eine Charlottenburger Mauer sprayten sie "All Cops are Basdarts", das ist nicht etwa eine Anspielung auf die von der Polizei bevorzugte Pfeilsportart, sondern ein Ergebnis des Berliner Englischunterrichts. Der Ordnungsstadtrat weigert sich übrigens, das Graffito beseitigen zu lassen. Seine Begründung, per Mail an einen Bürger geschickt: "Da der von Ihnen zitierte Schriftzug sehr allgemein gehalten ist und keine Person namentlich beleidigt wird, liegt hier wahrscheinlich keine Notwendigkeit vor, tätig werden zu müssen." Tätig werden zu müssen ist in den Behörden offenbar eine Horrorvorstellung.

Seit elf Jahren gibt es an der Freien Universität das "Institut für Schulqualität", dort wurden allerhand Methoden zur Evaluation entwickelt. Trotzdem landet Berlin im deutschen Bildungsmonitor zuverlässig auf dem letzten Platz. Nirgendwo in Deutschland kann der durchschnittliche Grundschüler so schlecht schreiben und rechnen, brechen so viele Jugendliche die Schule ab, macht die soziale Herkunft eines Schülers sich so stark beim Schulerfolg bemerkbar. Auch die Zahl der ausgefallenen Stunden ist in Berlin rekordverdächtig, Tausende Kinder lassen sich sowieso nur noch gelegentlich in der Schule blicken. Schulpflicht? In Berlin ist das, wie so vieles, nur schöne Theorie. Gleichzeitig werden, wie durch Zauberei, die Noten der Schüler immer besser. Da hat die Politik durch permanentes Absenken der Anforderungen allerdings nachgeholfen.

Was die Bausubstanz der Schulen betrifft, hilft niemand nach. Das sieht mittlerweile nicht nur hässlich aus, sondern ist auch gefährlich. Aus dem Prüfprotokoll der "Begehung" einer Pankower Schule: Nach 2006 fielen beide gesetzlich vorgeschriebenen Brandschauen aus, es gibt weder einen ersten noch einen zweiten Fluchtweg, die unteren Stockwerke haben keine Rauchmelder. Die gibt es nur im Dachgeschoss, aber das ist aus Brandschutzgründen gesperrt. Es fehlen erforderliche Trennwände, die Treppenaufgänge sind für eine schnelle Evakuierung zu schmal. Der Baustadtrat will jetzt "kompensatorische Maßnahmen" einleiten – in Berlin ein Synonym für "heiße Luft".

Die Bezirke sagen: Der Senat ist schuld, es gibt zu wenig Personal. Der Senat sagt: Die Bezirke können halt nicht mit Geld umgehen. Einig ist man sich nur darin: Man ist nicht zuständig. Eigentlich wäre in Berlin etwas Pragmatismus bitter nötig. Andererseits gilt Professionalität als verdächtig. Ein Baustadtrat der Grünen gab auf, nachdem seine Fraktion ihm vorgeworfen hatte, "zu sehr fach- und sachgerecht zu arbeiten". Das macht der Innensenator offenbar besser, denn der Polizeipräsident lobt ihn: "Er mischt sich nicht in fachliche Dinge ein."

Dabei wäre sachlich und fachlich einiges zu tun. Berlin bekommt knapp vier Milliarden Euro aus dem Länderfinanzausgleich, einerseits. Andererseits hat Berlin – mit circa 59 Milliarden Euro verschuldet – in den vergangenen fünf Jahren 2,2 Milliarden "Außenstände" nicht eingetrieben: Nicht bezahlte Bußgelder, Gebühren, Rechnungen und Steuerforderungen wurden von der Finanzverwaltung zum Teil "vorläufig abgeschrieben", zum Teil auch "endgültig". Immerhin ist klar, woran das liegt: Es gibt erstens in den verschiedenen Verwaltungen kein einheitlich funktionierendes "Forderungsmanagement", zweitens keine einheitliche Software (wenn sie überhaupt mal funktioniert), drittens hat niemand einen vollständigen Überblick über den Stand der Verfahren, und viertens ist nicht einmal bekannt, wie viele Mitarbeiter mit dem Eintreiben von Außenständen beschäftigt sind (oder eben nicht).

Wozu die organisierte Unzuständigkeit führt, lässt sich auf der Straße sehen. Als im Sommer 2016 nach einem längeren Regenguss der Gleimtunnel überflutet war, durchquerten ihn die Anwohner schwimmend oder im Kanu. Als es kurz darauf hieß, jetzt wird erst mal saniert, suchten sie im Keller nach den Schlittschuhen. Tatsächlich war der Tunnel auch im Dezember noch dicht: Der Stadtrat von Pankow wartete zur Freigabe der neuen Verkehrsführung auf eine förmliche Anordnung vom Bezirksamt Mitte, das Bezirksamt Mitte verwies auf die Zuständigkeit der Verkehrslenkung des Senats, der Senatsverwaltung war die Straßenbeleuchtung zu dunkel, und sie gab die Sache zurück an den Stadtrat von Pankow. Aber der wartete ja, wie gesagt, noch auf die Anordnung vom Bezirksamt Mitte. Bei der neuen Verkehrsführung handelt es sich übrigens um einen Kreisverkehr.

Was ist bloß los mit Berlin? Wenn Menschen über unsere Stadt nachdenken, dann landen sie beim berühmtesten Satz, der jemals über Berlin geschrieben wurde: "Berlin ist dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein." Ein Lob drückt dieser Satz nicht gerade aus. Verdammtes Berlin? Verdammt von wem und warum?

Das Zitat ist nicht aktuell, es stammt aus dem Jahr 1910 und ist der Schlusssatz des Buches Berlin, ein Stadtschicksal von Karl Scheffler. Sein Autor wurde 1869 in Hamburg geboren. Mit Anfang zwanzig zog er in die Hauptstadt, er hielt es wie viele der heutigen Berliner, er wollte unbedingt in dieser Stadt leben, nirgendwo sonst. Scheffler wurde einer der einflussreichsten Kunstkritiker Berlins, er schrieb für die Vossische Zeitung und war Chefredakteur der Fachzeitschrift Kunst und Künstler. Den Impressionismus verteidigte er leidenschaftlich gegen die Konservativen, die Avantgarde der Weimarer Republik mochte er nicht. Als die Nazis an die Macht kamen, wurde er als unverbesserliches bürgerliches Element kaltgestellt, er zog sich an den Bodensee und ins Schweigen zurück. Nach dem Krieg schrieb er wieder.

Schefflers Berlinbuch ist keine angenehme Lektüre für den Berliner. Es übertrifft an Hass und Häme so ziemlich alles, was aktuelle Autoren (zum Beispiel wir) über Berlin zu schreiben wagen. Scheffler konnte auch sehr persönlich werden: "Es ist Einem zuweilen, als bestände die ganze männliche Einwohnerschaft nur aus Bauunternehmern und deren Gehilfen. Eine unendlich dilettantische und fahrige Kommunalpolitik hat nie frei und groß gewollt, sondern immer nur gemusst. Ein Haufen profitgieriger, geistig verblödeter und roher Spekulanten hat die Stadt angelegt, unwirtlich, anmaßend und hässlich." Und so weiter. Aber Scheffler lebte gern hier.

Die Stadt lässt einen eben nicht mehr los, oft lebenslang und zuweilen auch darüber hinaus. Das Berliner Traditionsunternehmen Gasag versicherte einem Toten dieser Tage per Brief: "Auch an Ihrem neuen Wohnort sind wir gerne für Sie da." Die Familie hatte dessen Vertrag unter Vorlage der Sterbeurkunde gekündigt. Wer in Berlin wohnt, weiß, dass offizielle Öffnungszeiten allenfalls Annäherungswerte sind. Typisch sind Hinweise auf verschlossenen Türen wie "Aufgrund eines Heizungsausfalls bleibt das Amtsgericht geschlossen" oder "Leider haben wir heute genug Umsatz". Wenn eine U-Bahn-Linie wegen notwendiger Reparaturen lahmgelegt ist, wird mit einiger Wahrscheinlichkeit die Straße, über die der Schienenersatzverkehr rollen soll, zur gleichen Zeit aufgerissen. Die Verkehrsbetriebe warnen dann ihre Kunden: "Die BVG empfiehlt, die Ersatzbusse zu meiden."

Am U-Bahnhof Brandenburger Tor ist die Rolltreppe offiziellen Angaben zufolge seit Eröffnung 2008 in jedem Jahr sechs Monate lang Stehtreppe. Die BVG erklärt dazu: "Die Fahrtreppengetriebe erreichen derzeit nicht die geforderten Ansprüche an Belastbarkeit und Verschleißfestigkeit", mit anderen Worten: Sie ist kaputt, weil sie kaputt ist. Andere Fahrtreppen und Aufzüge sind jahrelang ganz außer Betrieb. Ab und zu wird das Schild ausgewechselt, auf dem ein lustiger Maulwurf den angepeilten Fertigstellungstermin verkündet. Wer nachfragt, hört: "Im Zuge des Aufzugsaustausches gab es zunächst Planungsschwierigkeiten. Zusätzlich kamen weitere technische Klärungsbedarfe und Mängel hinzu."

Legendär auch der hohe Krankenstand in der Berliner Verwaltung: Auf 34 Fehltage pro Jahr kommen sie durchschnittlich in Neukölln, in Marzahn-Hellersdorf sogar auf mehr als 42. Außerhalb der Verwaltung sind es nur zehn. Wenn eine alleinerziehende Mutter nach dem Schicksal ihres drei Monate alten Antrags auf Unterhaltsvorschuss fragt, bekommt sie zu hören: "Hier sind alle krank. Wenn’s Ihnen nich’ schnell genug geht, könn’ Se ja aushelfen kommen."

Was sind das für Menschen, die sich das tagtäglich antun? Wer sind sie, diese Berliner? Der Ex-Taxifahrer und Außenminister a. D. Joseph Martin Fischer sagt: "Die Berliner Verwaltung ist etwas, an das man sich eigentlich nicht gewöhnen kann. Berlin als Stadt aber ist unglaublich, ich will hier nicht weg." So geht es den meisten. Und wenn der Regierende Bürgermeister Müller meint: "Die Stadt funktioniert in weiten Teilen sehr gut", sagen seine Bürger: "Also, Humor hat er ja."

Ein herrlicher Indikator für das Berliner Selbstbild ist die Komparsenbörse: "Für ein Nachmittagsmagazin eines namhaften Senders sind wir auf der Suche nach einer hässlichen Familie" – die Firma konnte sich vor Bewerbern kaum retten, die Anzeige war schon nach wenigen Stunden wieder gelöscht. Auch die Rekrutierung von "Freaks und Punks" und "markanten, ausgefallenen, gelebten Typen" sowie "auffällig tätowierten Frauen & Männern und Babys" für einen Film über den Weltuntergang war rasch abgeschlossen. Apropos – ihren Stolz bewahren sich die geplagten Stadtbewohner durch Selbstironie und Schlagzeilen wie diese: "Berliner Wissenschaftler entwickeln Superwaffe gegen den Weltuntergang." Was ist dagegen ein funktionierender Flughafen?

Dabei gibt es "den Berliner" oder "die Berlinerin" natürlich gar nicht. Grob gesagt leben hier zwei Gruppen: Da sind jene, die auf keinen Fall auffallen wollen, die nennen ihre Kinder Alexander oder Marie, das sind zurzeit die häufigsten Vornamen in der Stadt. Und dann gibt es jene, die um jeden Preis auffallen wollen. Wie ein Blick in die Registratur zeigt, nennen sie ihre Jungs Heavenly, Beloved, Sunday, Winono, Prince-Glorieux, Wealth, Lord, Desire, Good, Excellent, Wildwind, Sturmius, Rebelle, Sittich, Sturmhart, Ulysses, Legolas, Rochus und Evidence. Die Mädchen müssen mit den Namen Summer-Juli, Himmelblau, Shaked, Cinderella, Peace, Neumann, Dudu, Parfaite, Poppy, Anmut, Goodness, Gala, Berlin, Aphrodite, Purity, Victory, Arielle, Karma, Oceania oder Rocket durchs Leben gehen. Alles beantragt, genehmigt und eingetragen. Für den Nachschub an Exzentrikern ist gesorgt. Und wo kommen die her?

Berlin, so Schefflers Kernthese, ist eine Kolonistenstadt. Damit meint er: In diese Stadt kommen seit Jahrhunderten Menschen, um dort ihr Glück zu suchen. Sie sind Goldgräber, Eroberer und Pioniere, sie benutzen die Stadt, sind vielleicht von ihr fasziniert, aber sie lieben Berlin nicht. Berlin ist ihr Mittel zum Zweck. Berlin bringt Arbeit, vielleicht Ruhm und Reichtum. Aber Berlin hat keine innere Mitte, keine Identität, kein sicheres Bewusstsein seiner selbst, wie Paris oder London oder sogar München es haben. Es kommen, so Scheffler, "energische, willensstarke, beutehungrige und freiheitsdurstige Menschen, erblose Söhne, Unterdrückte, Besitzlose und Solche, die zu Hause nicht im besten Ruf standen. Und dann der große Haufen Vertriebener." Nicht die schon jemand sind, rücken an, sondern jene, die etwas werden wollen. Der klassische Neuberliner will Fuß fassen, er kämpft für sich und seine Zukunft, die Stadt ist nur sein Spielfeld. Er tut nichts für sie.

Solche Urteile sind immer ungerecht, sie treffen nicht in jedem Fall zu. Aber wer Scheffler liest, der erkennt das Bindeglied zwischen den Türken, die in den sechziger und siebziger Jahren kamen, den Juden und den Hugenotten, den Arbeitern aus Polen, denen, die sich zu Mauerzeiten vor der Bundeswehr drückten, den Vietnamesen von Ost-Berlin, den Alternativen und den linken Rebellen aus Süddeutschland, den Start-up-Unternehmern, den jungen Amerikanern, Briten und Spaniern, Künstlern, Musikern und Lebenskünstlern, den Flüchtlingen neuerer Zeit, den Flüchtlingen aus Russland oder Schlesien und den ehemaligen Bonner Regierungsbeamten. Sie alle waren und sind, auf die eine oder andere Art, Kolonisten. Im Lauf der Zeit könnten sie vielleicht zu etwas Neuem, Selbstbewusstem zusammenwachsen, zu einer Stadtgesellschaft. Aber so viel Zeit hat Berlin nie gehabt.

Die Ostberliner sind die größte Kolonistenkohorte. Sie leben zwar schon immer hier, sie sind nicht zugereist wie die Schwaben oder die jungen Amerikaner. Aber auch von ihnen haben viele das Gefühl, heimatlos zu sein. Die Idee, vom Westen überrannt und kolonisiert worden zu sein, ist auch bei den Jüngeren erstaunlich oft anzutreffen, sie wird vererbt wie das türkische Brauchtum bei den Zuwanderern aus Anatolien. Die Linke tut viel dafür, diese Idee am Leben zu halten. Der Satz "Ich bin aus dem Osten" gehört zu den Standards im ersten Gespräch mit einer neuen Bekanntschaft. 1910 hätte man gesagt: "Ich bin aus Schlesien." Wer sieht sich wirklich, in erster Linie, als Berliner an?

Na ja, die Busfahrer haben den Ruf, echte Berliner zu sein. Wenn jemand fragt: "Fahren Sie Steglitz?", brummen sie: "Nein, ich fahr Bus." Und wenn einer wissen will: "Sind Sie Tegel?", lautet die Antwort: "Nein, ich bin der Busfahrer." Und wehe dem, der versucht, sein Ticket mit einem 5-Euro-Schein zu bezahlen: "Kann ick nich’ rausjeben, ick bin doch keene Sparkasse." Auch Müllwerker sind oft echte Berliner. Wer auf einem Betriebshof der Stadtreinigung nach der Abwurfstelle für Elektroschrott fragt, kriegt zu hören: "Sie haben Glück, wir haben Bauch-Beine-Po-Wochen. Einmal die Treppe zum Container hoch und rein damit." Echte Berliner gibt’s auch auf dem Flohmarkt. Die Frage nach dem Preis einer Axt wird dort mit einer Gegenfrage gekontert: "Woll’n Se damit Ihren Mann erschlagen? 16 Euro, dit sollte Ihnen die Sache doch wert sein." Leider ist bei den Berlinern oft nicht ganz klar, wo der Spaß aufhört. Deshalb steht in Stellenausschreibungen des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg unter "Voraussetzungen" schon mal warnend: "Für diese Tätigkeit ist eine ausgeprägte Konfliktfähigkeit unabdingbar."

Auch bei der Polizei gibt es noch echte Berliner. Dass diese etwas speziell sind, hat sich seit der Aufwärmparty unserer Einsatzkräfte vor dem G20-Gipfel in Hamburg herumgesprochen. In der betroffenen Einheit kursieren inzwischen offiziös wirkende Wappen, die zwei kopulierende Bären mit Bierflasche in der Hand und Polizeimütze auf dem Kopf zeigen. Disziplinarverfahren gab es übrigens keine. Und auch dem Polizeischüler, der zur Freude seiner Kollegen als Darsteller im Film Pimmel Bingo 8 Ganzkörpereinsatz zeigte, bekam von seinem Dienstherrn bescheinigt: "Hat dem Ansehen des Berufsbeamtentums nicht geschadet." Offenbar machte er seine Sache gut.

Oft ist gesagt worden, dass Berlin kein selbstbewusstes Bürgertum mehr besitze, diese Schicht, die das Selbstbewusstsein anderer Weltstädte prägte, wie etwa die hanseatischen Familiendynastien in Hamburg. Die Berliner Juden und die meisten Intellektuellen wurden von den Nazis ermordet oder vertrieben. Danach wurde es schwierig für die Unternehmer im Osten wegen der Kommunisten, im Westen wegen der wirtschaftlich unergiebigen Insellage. Wenn Schefflers Analyse stimmt, hat es ein Bürgertum nie oder höchstens in Ansätzen gegeben. Heimat war immer anderswo. Berlin war nur der Ort, wo einen das Leben hingespült hat.

In anderen Städten war es mitunter die Religion, die eine Stadtgesellschaft über Jahrhunderte zusammenschmiedete, und dieser Kitt funktioniert auch dann, wenn der Glaube nachlässt. Berlin war immer religiös indifferent, das war einer der Gründe für seine Anziehungskraft auf Kolonisten. Diese Leerstelle wurde, glaubt Scheffler, vom Preußisch-Soldatischen gefüllt, vom Drill. Rituale stiftete hier das Militär mit seinen Paraden. In Preußen wurde die allgemeine Wehrpflicht erfunden, jeder Mann ein Soldat, die ganze Stadt eine Garnison. Nach 1945 war diese Idee diskreditiert, das fiel also ebenfalls weg, die Volksarmee der DDR war nie ein Identifikationsobjekt. Berlin hatte kein nennenswertes Patriziat, keine Kaufmannsdynastien, auch der Adel war weniger selbstbewusst als anderswo, die preußischen Könige ließen das nicht zu. Wer also hielt die Stadt zusammen?

Berlin war eine Beamtenstadt. Die Fürsten brauchten fleißige und gehorsame Beamte, diesen Typus und diese Mentalität hat Berlin tatsächlich mit großem Erfolg hervorgebracht. Der preußische Beamte tat, was ihm gesagt wurde. Er hasste es, selbst Verantwortung zu tragen. Aber einen klaren Befehl konnte er, ohne selbst groß nachzudenken, akribisch befolgen – ideale Voraussetzungen für die Nazis, später auch für die SED. Trotzdem sollte man den preußischen Beamten nicht unrecht tun. Eine funktionierende, pflichtbewusste Verwaltung ist eine wunderbare Sache, solange es nicht Mörder oder Ideologen sind, von denen die Anweisungen kommen. Anweisungen allerdings braucht der Beamte. Die Mentalität der kleinen Beamten scheint das zu sein, was alle historischen Katastrophen in Berlin am besten überstanden hat – diese Mentalität lebt und regiert. Man spürt sie, wenn inmitten des Berliner Chaos das Ordnungsamt ausrückt und nachmisst, ob irgendwo ein Kneipentisch fünf Zentimeter zu weit in die Straße ragt. Man spürt sie auch im Kongresszentrum ICC, einem Koloss, der seit Jahren leer steht und seit vielen Jahren mit jährlich fünf Millionen Euro am Leben erhalten wird wie ein hirntoter Patient. Das funktioniert vorbildlich, die Teppichböden werden regelmäßig gesaugt. Aber niemand ist in der Lage, eine Entscheidung zu treffen oder sie gar durchzusetzen. Die Stadt hat kein Geld für eine Sanierung und keine Idee, was damit anzufangen wäre. Ein Beratungsunternehmen hat eine Analyse erstellt und rät zu einem privaten Investor. Die SPD ist gegen den Investor, was absehbar war. Was tun? Nun, der Senat möchte erneut "die Interessenlage" ausloten, Kosten: fünf Millionen, um einen Investor zu finden, den die SPD dann ablehnt. Die Beamten sind ratlos. Jemand müsste kommen und eine Anweisung geben, aber der König ist nicht mehr da – und Gott schweigt, wie immer.

Man spürt diese Mentalität auch am Flughafen BER, wenn wieder eine Katastrophenmeldung von der Baustelle eintrifft. Alle ducken sich routiniert weg. Von Zeit zu Zeit wird einer gefeuert, geholfen hat das bisher nicht. Es ist schwer zu sagen, wer letztlich die Verantwortung für dieses Desaster trägt, alle verstecken sich hinter den Akten und deuten auf den Nachbarn. Der Flughafenbau – Ende ungewiss – wird in Berlin mittlerweile als eine Art Naturkatastrophe angesehen. Da kannste nix machen. Irgendwann wird der Flughafen wahrscheinlich doch fertig, aber das dürfte eher zufällig passieren. Wenn man tausend Jahre baut, dann ist man halt irgendwann fertig, sogar in Berlin.

Neulich reiste der Regierende mit großer Delegation nach Los Angeles. Anlass war die Amerika-Premiere von Babylon Berlin, einer viel gelobten TV-Serie von Tom Tykwer, die wieder mal das Berlin der zwanziger Jahre hochleben lässt, den guten alten Mythos. Müller hielt im legendären Universal-Theater eine kurze, spontane Rede: "I hope you become a taste of Berlin!", rief er, die Leute applaudierten, es war nicht perfekt, aber es wirkte sympathisch. Am nächsten Tag flog er zurück, Landung in Tegel, auf jenem Flughafen also, den der Senat schließen will, wenn der BER eröffnet, obwohl ihn eine Mehrheit in der Stadt behalten will. Tegel gilt als eine der wenigen Berliner Institutionen, die halbwegs funktionieren, wie gesagt: halbwegs. Müller stand fast eine Stunde am Band, bevor die ersten Koffer anrollten. Die mit "Priority-Badge" kamen selbstverständlich als Allerletzte. Müller became a taste of Berlin.

Auch die öffentlichen Toiletten gehören zu den letzten Restbeständen des einst funktionierenden Berlins. Nur 24 Prozent der Klos sind defekt, eine, für Berlin, echt gute Quote. Betreiber von 170 behindertengerechten Hightech-WCs ist seit 25 Jahren die Firma Wall, sie finanziert das vor allem durch Werbung. Kosten für die Stadt: fast null. Nun aber wurde der Vertrag gekündigt, weil sich herausgestellt hat, dass Wall eine kapitalistische Firma ist und Gewinne macht. Dieses Geld will Berlin selbst einstreichen und gleichzeitig eine neue Ära emanzipativer Toilettenpolitik einläuten. Die Verwaltung arbeitet an einem "Toilettenkonzept", vermutlich fieberhaft. Die neuen Klos sollen geschlechtergerecht sein, das heißt, auch Frauen sollen endlich im Stehen ihr Geschäft verrichten können, an der Anschaffung neuartiger Unisex-Urinale wird gearbeitet. Die Uhr tickt: Ende 2018 wird Wall seine Klohäuschen abbauen müssen. Wenn es läuft wie immer und wie alle erwarten, ist Berlin ab 2019 eine europäische Metropole ohne öffentliche Toiletten, doch mit einwandfreier Gesinnung.

Trotzdem ist Berlin natürlich großartig – eine Weltstadt, die einzige, in der Deutsch die häufigste Sprache ist, ein Ort, an dem jede Person ihr Ding machen kann, wie immer dieses Ding aussieht, eine Stadt der Künste, der Freiräume und des Vergnügens, das klingt jetzt alles ein bisschen abgedroschen, aber es stimmt doch. Berlin lebt von seiner Substanz und von seinem Mythos, etwas Neues ist allerdings schon länger nicht mehr dazugekommen. Ein irgendwie gearteter Ehrgeiz ist nicht erkennbar. Und wenn tatsächlich etwas passiert oder passieren soll, dann steckt immer private Initiative dahinter. Eigentlich ein gutes Zeichen. Bürgersinn hatte Scheffler am alten Berlin schmerzlich vermisst.

Eine Bürgergruppe will die Spree in ein Badegewässer verwandeln, die ganze Stadt eine Strandbar, das Stadtschloss wird nach langem Kampf des Berlin-verliebten Wilhelm von Boddien als Ort der Weltkulturen wiederaufgebaut, jede Woche eröffnet ein interessantes Restaurant, eine Galerie, ein schräges Unternehmen, das gibt es. Doch Initiativen sind hier auch immer umstritten, immer bekommen sie Gegenwind, sie stoßen auf antikapitalistisches Misstrauen oder auf Desinteresse. Begeisterung für das Neue hat die von sich selbst und dem Alltag erschöpfte Stadt längst verlernt. Alles soll bleiben, wie es ist, aber auch das will nicht mehr gelingen.

Das, was dauerhaft funktioniert – und sogar bestens –, sind die großen Erzählungen aus der Vergangenheit. Der Mauerfall, die Blockade. 1968, Kennedy, "Ich bin ein Berliner". Sven Regeners West-Berlin, Weizenbier mit Herrn Lehmann. Und natürlich die Mutter aller Mythen, die Zwanziger, Babylon Berlin: jetzt im Fernsehen. Das beliebteste Sprachbild für diese Ära heißt "Tanz auf dem Vulkan". Heute tanzt Berlin auf Müllsäcken und Anträgen. Eines steht fest: Der Bau eines babylonischen Turms würde hier schon im Vorfeld scheitern, am Brandschutz.

Das Institut der deutschen Wirtschaft hat kürzlich den "Wohlstandseffekt" europäischer Hauptstädte für die jeweiligen Länder berechnet: Striche man Athen aus dem griechischen Bruttoinlandsprodukt weg, wäre jeder Grieche um 20 Prozent ärmer. Frankreich ohne Paris: minus 15 Prozent. Das Gleiche gilt für Tschechien ohne Prag. Sogar das von Dauerkrisen geschüttelte Rom brächte, trotz der Konkurrenz von Mailand und Turin, den Italienern ein Minus von fast zwei Prozent. Bloß Berlin ist anders: Es ist die einzige europäische Hauptstadt, deren Verschwinden das Bruttoinlandsprodukt ihres Landes steigern würde.

Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Alles ist war, nichts ist übertrieben!
Leider muss ich das als Hauptstadtbewohner jeden Tag am eigenen Leib erleben.
Ich bin schon gespannt darauf, wer sich als Mann und Frau eintragen muss, wenn mein Freund und ich diesen Monat noch unsere Heirat anmelden werden. Die Software der berliner Standesämter kennt immer noch keine gleichgeschlechtlichen Eheschließungen.
Ein kleines Detail, aber es macht verdrießlich.
Berlin zermürbt auf Dauer.