Ich habe einen Traum Christian Brückner

"Als ich Robert De Niro begegnet bin, muss das auch für ihn etwas seltsam gewesen sein"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 45/2017

Träume sind wohl unvermeidbar und nicht immer gut. Der letzte, an den ich mich erinnern kann, war seltsam. Ich begegnete einem alten Freund, von dem ich mich schon vor langer Zeit getrennt habe. Es war keine Trennung im Zorn, aber die Freundschaft war nicht mehr zu reparieren. Diesem ehemaligen Freund begegnete ich also im Traum und rief ihm laut zu: "Geh bitte! Jetzt!" Das habe ich sogar wirklich geschrien, so laut, dass meine Frau davon aufgewacht ist.

Im Traum habe ich auch Menschen aus meinem Leben getroffen, die gerade gestorben waren. Unmittelbar nach dem Tod meines Vaters träumte ich von ihm. Da ging er im Traum auf mich zu, war aber stumm. Er schaute mich an, drehte sich dann aber wortlos um und ging wieder weg. Es war eine seltsame körperliche Erfahrung, die auf mich allerdings nicht unheimlich oder gespenstisch wirkte, sondern wie ein besonderer Abschied. Dass er gestorben war, erfuhr ich erst einen Tag nach diesem Traum.

Wichtig sind für mich auch Tagträume. Sie haben oft damit zu tun, was übrig geblieben ist an Dingen, die ich im Leben und in meiner Arbeit gern noch machen würde. Meine Arbeit betrachte ich als ein Geschenk, mit dem ich nie gerechnet habe. In ihr finden auch viele meiner Träume statt, denn durch meine Arbeit wird immer wieder meine Fantasie losgetreten. Meine Arbeit ist wie ein Roman von Balzac: Die ganze Welt kommt darin vor, alle Charaktere, alle Farben, die Liebe, die Bösartigkeit, das Verbrechen. Es ist eine Welt, in der ich mich bewegen kann, wie ich will. Darüber hinaus habe ich natürlich die Aufgabe, andere Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass da in diesen Texten etwas Spannendes ist. Diese Sehnsucht nach vollendeter Vermittlung, also danach, andere Menschen mit bestimmten Inhalten zu konfrontieren, das fühlt sich für mich auch an wie ein Traum.

Zu begreifen, dass ich eine besondere Stimme habe, hat bei mir Jahrzehnte gedauert. Ich hatte meine Stimme schon für hunderttausend Dinge eingesetzt, ehe ich bemerkte, wie sehr meine Arbeitgeber mit genau dieser Stimme planten. Was das Geschenk meiner Stimme angeht, bewegte ich mich lange in einer mir heute unverständlichen Unschuld. Ich habe einfach gearbeitet, ohne weiter darüber nachzudenken.

Bei einem Casting wählte Martin Scorsese dann einmal meine Stimme für die deutsche Synchronisation von Robert De Niro aus. Als ich De Niro später ein- oder zweimal begegnet bin, muss das auch für ihn etwas seltsam gewesen sein. Die Figuren, die ich in Filmen spreche, begegnen mir aber in meinen Träumen nie.

Vor einiger Zeit habe ich mir mit meiner Familie einen ganz großen Traum erfüllt und bin für zwei Jahre nach New York gezogen. Es war ein Traum, weil die Realität in New York nichts mit dem Alltag zu tun hatte, den wir aus Deutschland kannten. Eigentlich war dieser Umzug damals der helle Wahnsinn, und er hat uns weit weg geführt von allem, was wir kannten. Aber dort verschmolzen für mich Traum und Realität.

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Kommentare

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Auf den Spuren Balzacs (2)

"Meine Arbeit ist wie ein Roman von Balzac: Die ganze Welt kommt darin vor, alle Charaktere, alle Farben, die Liebe, die Bösartigkeit, das Verbrechen."

Das stimmt. Und es ist ein guter Ansatz,
denn Balzac wollte sich den Menschen nicht überlegen fühlen, sondern sie verstehen.

"Aber dort verschmolzen für mich Traum und Realität."

Wenn so etwas nicht zu einem Albtraum wird, sondern zu etwas Gutem gelingt,
dann herzlichen Glückwunsch!