Elefanten Groß und wehrlos

Alle 20 Minuten wird ein Elefant getötet. Ihr Elfenbein ist in Asien begehrt. Doch ausgerechnet aus China gibt es jetzt ein Zeichen der Hoffnung. Von
ZEITmagazin Nr. 45/2017

Bald könnte es keine Elefanten mehr geben

Wenn die Nacht über der kenianischen Savanne liegt und die Sonne noch nicht aufgegangen ist, steigen die Ranger in ihre Uniformen, kochen Tee und ziehen in den Krieg. Es ist ein Krieg um eines der faszinierendsten Tiere der Erde. Er tobt seit Jahren, und er fordert Opfer: Alle 20 Minuten wird ein Elefant von Wilderern getötet.

Der niederländische Fotograf Vincent van de Wijngaard ist mit der von Spenden finanzierten Organisation Save The Elephants in dieses Kriegsgebiet gefahren, um den Kampf zu dokumentieren, den sich Ranger und Naturschützer mit Wilderern und Schmugglern in Kenia liefern. Er wird mit Drohnen, Flugzeugen und Helikoptern auf der einen, mit Maschinengewehren, Bestechungsgeldern und vergifteten Pfeilen auf der anderen Seite geführt. Gewinnen ihn die Naturschützer nicht, könnten Elefanten in wenigen Jahrzehnten ausgestorben sein – unwahrscheinlich ist dieses Szenario nicht.

Van de Wijngaard, der zwei Wochen lang in Kenia fotografierte, begleitete die Ranger durch den Busch: "Die Männer waren sehr ernst. Als wir loszogen, wurde kaum geredet." Die Wilderer jagen in kleinen Gruppen, sie sind häufig mit alten Kalaschnikows bewaffnet. Damit schießen sie die Tiere nieder, auch Jungtiere und trächtige Muttertiere. Sind die Elefanten tot, spalten die Wilderer ihre Schädel und hacken mit einer Axt das Elfenbein aus den Kiefern. Meist verstecken sie ihre Beute in der Nähe der Kadaver und holen die Stoßzähne erst im Schutz der Nacht.

Die Wilderer sind das Fußvolk dieses Krieges. Sie sind arm, oft kommen sie aus den gleichen Dörfern wie die Ranger. Begegnen sich Mitglieder der beiden Gruppen, gibt es nicht selten Tote. "Die Ranger erzählten mir, dass sie kürzlich drei Wilderer stellten, als diese die Stoßzähne aus den Elefanten entfernten. Die Wilderer flohen, die Ranger folgten ihnen und erschossen sie. Es passiert selten, dass sie Verdächtige festnehmen", sagt van de Wijngaard. Für die Ranger gehe es um mehr als nur einen Job. Immer wieder würden Kollegen bei Schießereien sterben.

Der Kampf um das Überleben der Elefanten fordert Opfer in der Savanne, doch er wird längst darüber hinaus geführt. Frank Pope, der Chef von Save The Elephants, engagiert sich seit Jahren für die Tiere: "Wir müssen den Druck im Feld aufrechterhalten. Sobald wir aufhören, wachsam zu sein, merken die Wilderer das." Diese Strategie hat Erfolg, etwa im Samburu-Nationalreservat im Norden des Landes. Dort, wo noch vor zwölf Jahren Elefanten abgeschlachtet wurden, begleitete Vincent van de Wijngaard die Ranger. Heute haben die Naturschützer die Lage einigermaßen unter Kontrolle. "Es gibt Gegenden, in denen wir vorsichtig optimistisch sind, dass wir die Wilderei zurückdrängen können. Aber um den Kampf zu gewinnen, müssen wir mehr tun", sagt Frank Pope.

An der Küste Kenias liegt die Hafenstadt Mombasa. Von keiner anderen Stadt der Welt aus werden mehr Elefanten-Stoßzähne exportiert als von hier. Fast alles gelangt nach AsienChina ist der wichtigste Markt, doch auch in Hongkong oder Vietnam gilt Elfenbein als ultimatives Statussymbol. Die Stoßzähne werden als kunstvolle Schnitzereien für über hunderttausend Dollar verkauft – oder sie werden zu Essstäbchen verarbeitet.

Van de Wijngaard besuchte auf seiner Reise auch den Containerterminal von Mombasa: "Die Hürden, mit denen die Zöllner hier zu kämpfen haben, sind groß und machen eine effektive Verfolgung schwierig. Und selbst wenn ein Schmuggler gefasst wird, behandeln viele Richter die Straftaten wie eine Bagatelle." Bei einer Verhandlung in Kenias Hauptstadt Nairobi erlebte der Fotograf, wie ernst manche Beamten Wildtierkriminalität nehmen: Der zuständige Richter erschien betrunken zur Verhandlung und konnte die Notizen seines Vorgängers nicht lesen.

Die größte Hoffnung im Kampf gegen Wilderer ist im Moment jedoch nicht eine effektivere Strafverfolgung in Afrika, sondern ausgerechnet eine Entscheidung Chinas. Das Land gab vor einigen Monaten bekannt, seine legalen Elfenbein-Märkte bis zum Beginn des nächsten Jahres zu schließen. Dann soll dort kein frisches Elfenbein mehr verkauft werden dürfen. "Noch spüren wir deswegen keine Entspannung beim Kampf gegen die Wilderei", sagt Frank Pope, "aber der Preis in China ist schon um zwei Drittel gefallen. Das ist ein gutes Zeichen."

In Kenia tritt der Kampf gegen die Wilderer nun in eine neue Phase. Neben der traditionellen Arbeit der Ranger mit ihren Patrouillen wollen sich die Naturschützer in Zukunft stärker darauf konzentrieren, die Hintermänner des Handels zu stellen. "Die Wilderer sind häufig arme Schlucker, die wenig andere Chancen sehen, ihre Familien zu ernähren", sagt van de Wijngaard. Save The Elephants hat deshalb einen Fonds eingerichtet, den Elephant Crisis Fund, aus dem kleine, lokale Organisationen unterstützt werden, die fest in den Dörfern und Gemeinschaften rund um die Nationalparks verankert sind.

Die größten Gewinne beim Handel mit Elfenbein machen nicht die Wilderer, sondern die Schmuggler. Sie verfügen über Arsenale an Kriegswaffen, bestechen Beamte und agieren global, also nicht viel anders als Drogenkartelle. Diese organisierten Syndikate erfolgreich zu bekämpfen ist momentan die wichtigste Aufgabe.

Korruption, nachlässige Strafverfolgung, die Bekämpfung von Armut der lokalen Bevölkerung, all das sind Herausforderungen, vor denen die Artenschützer stehen. Sie sind Symptome eines Systems, das an entscheidenden Stellen versagt. Um die andauernde Wilderei langfristig eindämmen zu können, sind Ranger mit Gewehren zwar wichtig, aber nur ein Teil im Krieg gegen das Aussterben der Elefanten. Alle 20 Minuten wird es schwieriger, ihn zu gewinnen.

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