Harald Martenstein Über eine besondere Zirkusfamilie

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 45/2017

Im Dorf stand ein Zirkuszelt. Ich bin mit meinem kleinen Sohn hingegangen. Im Zelt saßen etwa 60 Leute, der Eintritt kostete für uns beide 22 Euro, weil wir keinen Rabattgutschein hatten, viele Besucher hatten einen. Zu Beginn der Vorstellung gingen die Scheinwerfer aus, die Musik verstummte, und das Mikro streikte, der Jongleur verpatzte fast jede Nummer. Der Chef, ein kräftiger Mann mit Tatarenschnurrbart, verließ das Zelt. Draußen stand eine Gruppe von Jugendlichen, die sich damit amüsierten, immer wieder den Stecker herauszuziehen, deshalb gab es keinen Strom. Der Direktor lud die Jungs ein, sich kostenlos die Vorstellung anzusehen, ein paar gingen darauf ein, die anderen machten weiter. Die Zirkusleute gaben nicht auf, irgendwie zogen sie das durch.

Der Zirkus bestand aus einer Familie, acht Personen. Die Eltern, Natalie und Renaldo, waren wohl in den frühen Vierzigern, ihre sechs Kinder waren 18, 17, 9, 7 und 6 Jahre alt, dazu ein Baby – drei Jungen und drei Mädchen. Sie hatten drei Wohnwagen. Die Tiernummer bestritt ein zerstrubbelter Mischlingshund, die Tierschau bestand aus Kaninchen und Meerschweinchen und dem zweiten Hund. Der erste Hund war schon etwas älter, er war dabei, seinen ähnlich zerstrubbelten Nachfolger einzulernen. Jedes Kind hatte seinen Auftritt, nur das Baby nicht. Während des Programms musste sich hinter der Manege immer jemand aus der Familie um das Baby kümmern. Sie waren nicht gut genug, um in Monte Carlo aufzutreten, aber schlecht waren sie auch nicht. Einmal trat der Vater mit seinen drei jüngeren Kindern auf, er wirbelte sie durch die Luft, ließ sie auf seinen Armen Handstand machen und stellte sie auf seinen Kopf, die Kinder und der Vater sahen stolz und glücklich aus. Diese Familie macht das wohl seit hundert Jahren so, in der vierten Generation, sie waren ein paar Jahre in Bayern unterwegs, jetzt sind sie in Meckpomm und Brandenburg. Ihre Heimat ist ihre Arbeit.

Danach standen die erwachsenen Besucher noch mit den Zirkusleuten herum, während die Kinder mit den Meerschweinchen spielten. Der 17-jährige Jongleur trug, das sah ich erst jetzt, eine Metallschiene an einem Finger, er war verletzt, deshalb war sein Auftritt so schlecht gelaufen, Jonglage mit neun Fingern. Das war ihm peinlich. Er erzählte, wie hart es ist, morgens das schwere Zelt abzubauen, nur zwei Männer, er und sein Vater, dann weiter ins nächste Dorf, Aufbau, zwei Vorstellungen, wieder weiter. Für ein längeres Gastspiel gibt es oft nicht genug Publikum. Der Platz kostet 250 Euro, plus 75 pro Tag, der Stromanschluss, ohne den Verbrauch, kostet 150. In jedem Dorf komme ein Inspektor, um zu überprüfen, ob alle Vorschriften eingehalten werden, 200 Euro koste die Überprüfung. Die Versicherungen würden immer teurer, und es kämen immer neue Vorschriften dazu, allein schon die Versicherung für die Kinderhüpfburg verschlinge eine Menge. Die erste Vorstellung deckt die Kosten, aber nur, falls es gut läuft, die zweite könnte vielleicht ein bisschen Gewinn bringen. Sie hätten keine Kraft mehr für dieses Leben, obwohl es ein tolles Leben sei. An der Küste würden sie gern eine Art Schullandheim mit Zirkus aufbauen, sesshaft werden, aber das sei kompliziert, die Formulare verstehe man nicht.

Ich hatte lange nichts so Anrührendes gesehen wie diese Vorstellung und diese hart arbeitende Artistenfamilie, und ich ärgerte mich darüber, dass der Staat ihnen die Freiheit so schwer macht. Falls der Zirkus Aragon wieder mal in der Nähe ist, gehe ich hin.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Ich möchte Ihnen auch ganz herzlich danke für diesen Artikel sagen. Vor einigen Monaten habe ich die Zirkuschefin des Classic Circus Ideal kennengelernt. Ich habe mich spontan dort zu einem Kaffee in den Wohnwagen eingeladen und eine herzliche sympathische und sehr ordentliche Familie mit vielen Problemen angetroffen.
Ich habe die Familie seitdem etwas unterstützt und konnte manchmal bereits mit kleinen Telefonaten einiges bewirken.
Ich plane eine Webseite mit Berichten über die Zirkusfamilie und hoffe, dass ich dann Ihren Artikel dort auch verlinken darf.