Die großen Fragen der Liebe Warum misst er mit zweierlei Maß?

Jede Woche beantwortet unser Paartherapeut eine große Frage der Liebe. Diesmal: Warum ist er so eifersüchtig? Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 45/2017

Die Frage: Vincent ist sehr eifersüchtig. Wenn sich seine Freundin Tanja verspätet, kommt sofort eine Textbotschaft, wo sie bleibe – und wenn Tanja nicht sogleich einen plausiblen Grund anführt, wird sie verdächtigt, sich mit einem anderen Mann getroffen zu haben. Tanja findet das nervig, aber da Vincent auch viele gute Seiten hat, trägt sie es ihm nicht nach, wenn er sie wieder einmal mit Verhören quält, obwohl sie ihm nicht den geringsten Anlass gegeben hat. Vincent behauptet auch, Tanja viel mehr zu begehren als umgekehrt sie ihn – im Gegensatz zu ihr erkenne er jede kleine Einladung zum Sex und nehme sie war. So ist Tanja mehr als verblüfft, als sie eines Abends früher als sonst nach Hause kommt und Vincent auf dem Wohnzimmersofa mit einer Nachbarin in flagranti erwischt.

Wolfgang Schmidbauer antwortet:  Solche Widersprüche zur goldenen Ethik-Regel ("Wie du mir ...") sind im Reich der Liebe häufig. Sigmund Freud hat vor knapp hundert Jahren übersteigerte Eifersucht mit unterdrückten Wünschen der Eifersüchtigen verknüpft. Vincent klammert sich kontrollierend an Tanja und steigert dadurch seine Ängste, sie zu verlieren. Er glaubt, selbst abhängiger von ihr zu sein, als sie es von ihm ist. Wenn er nun selbst genau das praktiziert, was er Tanja unterstellt, kann er ihr zuvorkommen, die Scharte in seinem Selbstwertgefühl vorbeugend auswetzen und sich beweisen, dass er – falls sie ihm verloren geht – schnell Ersatz finden würde. Solche krummen Lösungen verstärken natürlich die Probleme: nicht nur weil Vincent jede Glaubwürdigkeit verliert, sondern auch weil er sich selbst nicht mehr glauben kann, dass er es wert ist, ihm treu zu bleiben.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

Haben Sie auch eine "große Frage der Liebe"? Schicken Sie eine Mail an liebeskolumne@zeit.de.

Kommentare

0 Kommentare Kommentieren