Kathryn Bigelow Action Hero

Mit Filmen über den Irakkrieg und die Jagd auf Osama bin Laden wurde Kathryn Bigelow die erfolgreichste Frau Hollywoods. Warum gelingt der Regisseurin, woran andere scheitern? Von
ZEITmagazin Nr. 46/2017

Der Abend des 7. März 2010 schien der Beginn einer neuen Zeitrechnung in Hollywood zu sein. James Cameron war mit Avatar für den Oscar nominiert, dem kommerziell erfolgreichsten Film aller Zeiten. Gegen ihn trat die Außenseiterin Kathryn Bigelow mit Tödliches Kommando – The Hurt Locker an. In der Presse hieß es, der Irakkriegsfilm wäre, wenn er gewänne, der kommerziell erfolgloseste Oscar-Gewinner aller Zeiten. Außerdem ist Bigelow Camerons Ex-Frau.

Barbra Streisand öffnete auf der Bühne den Umschlag und sagte, dass nun endlich die Zeit gekommen sei. Mit dem Oscar in der Hand und zitternder Stimme hielt Bigelow ihre Dankesrede, sie sagte: "Das ist der Moment meines Lebens." Sie war die erste Frau in der 81-jährigen Oscar-Geschichte, die den Regiepreis gewann. Kathryn Bigelow wurde als Erlöserin gefeiert, die das Jahrzehnt der Frauen in Hollywood einläute. Noch ahnte niemand, dass dies zwar der Auftakt für Bigelows Jahrzehnt war, nicht aber für das der Frauen.

Sieben Jahre später echauffieren sich alle über die sexuellen Übergriffe Harvey Weinsteins, die plötzlich ans Licht kommen. Der Filmproduzent hat Dutzende Frauen, die in der Filmindustrie Karriere machen wollten, begrapscht, genötigt, manche wohl auch vergewaltigt. Sehr viele geben zu, von Weinsteins Taten gewusst und dennoch geschwiegen zu haben. Nie zuvor wurde deutlicher, wie schlecht Hollywood mit Frauen umgeht. Als Frau dort Karriere zu machen ist schwierig. Einer Studie der University of Southern California zufolge waren zwischen 2007 und 2016 unter den Regisseuren der 1.000 erfolgreichsten Spielfilme nur 45 Frauen, also viereinhalb Prozent. Bei Dokumentationen und Kurzfilmen liegt die Frauenquote bei 30 Prozent. Doch sobald die Budgets größer werden, vergeben die großen Hollywood-Studios die Chefjobs praktisch nur noch an Männer.

Bigelow, die Aufsteigerin in Hollywood. Schon der Gedanke, dass auch sie als Regisseurin sich mal auf einer Art Besetzungscouch wiedergefunden haben könnte, erscheint absurd. Warum folgen Bigelow so wenige Frauen nach? Warum gelingt ihr, woran andere scheitern?

Um all das mit ihr zu besprechen, treffen wir uns zu einem Interview in London. Kathryn Bigelow sitzt in einem Hotelzimmer und trägt einen schwarzen, eng anliegenden Wollpullover und Jeans. Ihre Uniform, wie die Schauspielerin Jamie Lee Curtis einmal sagte. Bigelow ist 65 Jahre alt und 1,82 Meter groß. Die Zeit seit der Oscar-Verleihung ist äußerlich spurlos an ihr vorübergegangen. "Könntest du mir einen anderen Stuhl bringen, in diesem gepolsterten versinke ich", bittet Bigelow ihre Assistentin. Sie möchte nicht tiefer sitzen als ihr Gesprächspartner. Bigelow wirkt kontrolliert, ihre Stimme ist leise.

Aufgewachsen ist Kathryn Bigelow in San Carlos, einer Stadt im Norden Kaliforniens. Sie ist ein ungewöhnliches Kind, sitzt in der Schule mit Zahnspange und kurzen Haaren still in der letzten Reihe und malt den ganzen Tag Bilder. Anders sein zu können als die anderen und dazu zu stehen wird ihr vorgelebt: Ihr Vater, der Manager einer Farbenfabrik, zeichnet seiner Tochter beinahe täglich Karikaturen von sich selbst mit comichaft übertriebenen Gesichtszügen. Bigelows Mutter arbeitet in einer Bibliothek und unterrichtet lernbehinderte Kinder. "Meine Eltern waren sehr liberale Menschen, ich würde sie als radikale Demokraten bezeichnen. In meiner Teenagerzeit diskutierten wir am Esstisch immer nur über Politik und den Vietnamkrieg", sagt Bigelow. Es sieht so aus, als spreche sie gerne über ihre Kindheit und Jugend, als verbinde sie damit gute Erinnerungen.

Nach der Highschool studiert sie Kunst in San Francisco und zieht danach als Stipendiatin des New Yorker Whitney-Museums nach New York. Bigelow will Malerin werden. Sie wird schnell Teil der Kunstszene von New York, "was aber auch leicht ging damals, weil man sich sehr schnell kennenlernte", sagt Bigelow. Die kreative Leiterin ihrer Stipendiatenklasse ist die weltbekannte Intellektuelle Susan Sontag. Mit dem Komponisten Philip Glass renoviert Bigelow ehemalige Druckereien im damals noch heruntergekommenen und gefährlichen Stadtteil Soho, um Künstlerlofts daraus zu machen. Glass kümmert sich um die Klempneraufgaben, Bigelow saniert mit Sandstrahlern die Böden und zieht Rigipswände ein.

Die prägendste Figur dieser Jahre ist für Bigelow Lawrence Weiner, der als Pionier der Konzeptkunst gilt. Seine Theorie: Es braucht keine Gemälde auf Leinwänden mehr. Wenn man sich das Kunstwerk vorstellen kann, muss man es nicht herstellen. An den Wänden von New Yorker Galerien hängen nun Blätter, auf denen die Werke mit Worten beschrieben werden. Weiner stellt die Kunst grundlegend infrage. Mit ihm bewegt Bigelow sich erstmals weg von der Malerei. Die beiden drehen Kurzfilme. Bigelow erlebt in der New Yorker Kunstszene, wie es ist, als Frau mit vielen Männern zusammenzuarbeiten – eine gute Vorbereitung für ihre Ausnahmerolle in Hollywood?

"Es war eine sehr prägende Zeit", sagt Bigelow. "Auch dafür, wie ich meine Rolle als Frau einschätze. Ich sehe mich bis heute nicht als weiblichen Regisseur, sondern einfach als Regisseur. In der New Yorker Kunstwelt war es schlichtweg egal, welches Geschlecht man hatte."

Weiner und Bigelow sind bis heute eng befreundet. Ruft man Weiner an und fragt ihn, ob es damals für Männer wie ihn tatsächlich egal war, ob sie mit einer Frau oder einem Mann arbeiteten, antwortet Weiner: "Es war wirklich kein Thema. Es ging nicht um Frau oder Mann. Wir waren alle Außenseiter. Das war das Entscheidende." Was war Bigelow für ein Mensch? "Sie ist sehr gebildet und intelligent. Und politisch höchst interessiert. Wir haben stundenlang über Menschlichkeit gesprochen, über Mitgefühl und das Unrecht auf der Welt."

Ende der siebziger Jahre studiert Bigelow an der Columbia-Universität in New York Film und dreht erste eigene Kurzfilme. Zum Beispiel The Set-Up, in dem sich zwei Männer minutenlang prügeln. "Sie war auf eine intellektuelle Weise fasziniert von Gewalt", sagt Lawrence Weiner.

Nachdem sie eine Vorstellung der Wooster Group gesehen hat, einer Theatergruppe in Soho, geht sie hinter die Bühne, um einen der Schauspieler zu fragen, ob er mit ihr einen Film drehen wolle. Es wird Bigelows erster Spielfilm, Die Lieblosen. Der junge Mann, den sie fragte, ist Willem Dafoe.

Sie reist mit ihm nach Georgia, um Die Lieblosen zu drehen, einen in den Fünfzigern spielenden Motorradgang-Film. In einem Interview vor wenigen Jahren sagte Willem Dafoe über Bigelow: "Die Kathryn von damals ist dieselbe Kathryn von heute. Sie interessiert sich intuitiv für etwas und fängt dann ganz intensiv zu recherchieren an. In den späten Siebzigern interessierte sie sich für die Outlaw-Kultur der fünfziger Jahre. Sie wollte alles wissen über den Slang und die Rituale dieser Welt, zu der sie nicht gehörte. Im Grunde macht sie es heute genauso. Man braucht sich nur die Titel ihrer Filme anzusehen: Tödliches KommandoThe Hurt Locker oder Zero Dark Thirty. Das ist Codesprache, und sie will den Code knacken." Beide Titel stammen aus der Militärsprache: hurt locker bedeutet so viel wie: die Zone, in der Menschen verletzt werden, wenn eine Bombe hochgeht. Zero Dark Thirty, der Titel ihres Films über die Jagd auf Bin Laden, steht für 0.30 Uhr. Zu dieser Uhrzeit hatte ein Spezialkommando Bin Ladens Haus in Abbottabad gestürmt. Bigelows Stoffe spielen fast alle in Männerwelten. Sie ist eine Frau, die die Männer verstehen will und auf diese Weise in deren Welt reüssiert.

Ende der Achtziger – Bigelow lebt mittlerweile in Los Angeles – dreht sie den Vampirfilm Near Dark – Die Nacht hat ihren Preis. Der einflussreiche Regisseur Oliver Stone wird auf Bigelow aufmerksam. "Ich war überrascht, wie gewaltvoll und maskulin die Drehbücher waren, mit denen sie arbeitete", erinnert sich Stone in einer Fernsehdokumentation. Die Themenwahl hilft ihrer Karriere. Da bis heute nur sehr wenige Regisseurinnen auf Action setzen, schafft Bigelow sich so ein Alleinstellungsmerkmal: Sie ist die Frau, die harte Filme macht, die Männern gefallen. Oliver Stone beschließt, bei ihrem nächsten Film, dem Polizei-Thriller Blue Steel mit Jamie Lee Curtis in der Hauptrolle als Produzent einzusteigen. "Ich glaube schon, dass mein Name geholfen hat, den Film zu finanzieren", sagt Stone.

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