Stil Verpackungskunst

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 46/2017

Von Frauen wird gern behauptet, sie seien süchtig nach ihren Taschen. Doch viele Männer waren lange Zeit noch abhängiger. Während Frauen sich seit je mit einer Tasche schmücken, war diese für Männer häufig ein Symbol ihres Berufsstands: Ärzten genossen mit dem Arztkoffer in der Hand den Nimbus des Lebensretters, Beamte demonstrierten ihre informelle Macht mit einer Aktentasche voll mutmaßlich bedeutender Dokumente. Dies führte dazu, dass manche Männer früher ein geradezu fetischisiertes Verhältnis zu ihrer Tasche hatten: Sie trennten sich nie von ihr und gaben das abgeschabte Stück Leder erst aus der Hand, wenn sie es aus Altersgründen nicht mehr halten konnten.

Nun ist es aber so, dass sich die Berufswelt sehr verändert hat. Die meisten Berufe sind nicht mehr Männern vorbehalten – und auch die Arbeitsmittel sind andere. So unterschiedlich die Jobs auch sein mögen, die ein DJ und ein Kommunalbeamter ausüben, ihr Handwerkzeug ist ein Computer. Der bleibt heute meist nicht mehr auf dem Schreibtisch stehen, sondern wird gern umhergetragen. Einst waren Laptops so schwer, dass sie eine Tasche mit Tragriemen erforderten, mittlerweile sind sie geradezu Leichtgewichte. Im Grunde müssten nun alle Männer (und auch Frauen) mit Laptoptaschen unterwegs sein. Die Laptoptasche könnte einen Teil zur Identitätsfindung beitragen. Aber sie wird nicht geliebt. Frauen versenken den Computer gern in einer geräumigen Handtasche, Männer stecken ihn oft in einen Rucksack.

Dabei wäre eine eigens für den Laptop entworfene Tasche viel nützlicher, in der das Gerät vor Staub und Stößen geschützt ist und in der das Netzkabel sowie verschiedene Speichermedien ihren Platz haben. Doch solche Taschen sieht man immer seltener. Wahrscheinlich liegt es nicht daran, dass so wenige schöne Laptoptaschen hergestellt werden, es liegt am Widerwillen der Benutzer: Die möchten heute nicht mehr eindeutig als Arbeitende zu erkennen sein. War man einst stolz darauf, einer bestimmten Berufsgruppe zugeordnet zu werden, stellt die Laptoptasche keine Auszeichnung mehr dar. Mancher fürchtet vielleicht, damit wie ein braver Angestellter auszusehen. Lieber möchte man wie jemand wirken, der eben mal zufällig im Büro vorbeischaut. Schade nur, dass der Computer vermutlich schneller seinen Geist aufgibt, wenn man ihn nachlässig verstaut mit sich herumschleppt. Die in jedem Laptop steckenden Prozessoren jedenfalls würden sich über ein Comeback der Laptoptasche freuen. Falls Computer einmal in der Lage sein werden, selbstständig einzukaufen, dürfte die Tasche das Erste sein, was sie bestellen.

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