Die großen Fragen der Liebe Kann sie aus ihm einen vorsichtigeren Radfahrer machen?

Jede Woche beantwortet unser Paartherapeut eine große Frage der Liebe. Diesmal: Ist sein Verhältnis zu Disziplin und Rücksichtnahme gestört? Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 46/2017

Die Frage: Angelika unterstellt ihrem Ehemann Sebastian, er habe zu lange in Süditalien gelebt; er hat in Neapel studiert. Seither sei sein Verhältnis zu Disziplin und Rücksichtnahme gestört. Angelika stellt sich in einer Schlange hinten an, Sebastian dagegen versucht, einen Platz weiter vorne zu ergattern. Bei gemeinsamen Fahrrad-Ausflügen fährt Angelika strikt auf der rechten Seite des Weges; Sebastian will neben ihr fahren – oder vorneweg. Immer wieder beschwert sich Angelika dann laut von hinten. "Warum schreist du mich an?", fragt Sebastian am Ende der Tour. "Weil ich finde, dass du riskant fährst, irgendwann rammt dich jemand!" – "Kannst du es bitte lassen, an mir herumzuerziehen?" – "Ich will dich doch beschützen!"

Wolfgang Schmidbauer antwortet:  Ähnliche Konflikte spielen sich häufig im Auto zwischen Fahrer und Beifahrerin ab – der Fahrer glaubt, dass er sicher fährt, die Beifahrerin findet das nicht. Sie hofft, durch ihre Kritik dazu beizutragen, dass sie heil ans Ziel kommen. Solche Streitigkeiten können so heftig werden, dass sich Paare über Jahre hinweg jeweils im eigenen Auto auf den Weg in den Urlaub machen. Angelikas Kritik an Sebastians Radfahrstil ließe sich leicht aus der Welt schaffen: Sie könnte vorneweg fahren. Dann sähe sie nicht, wie er fährt. Außerdem wird kein Fahrer durch Ordnungsrufe sicherer. Ungelöst bleibt, ob Angelikas grundsätzlicher Einwand gegen Sebastians anarchischen Egoismus Folgen haben kann. Wird er sich durch Vorwürfe verändern? Wahrscheinlich nicht. Mehr Erfolg verspricht der Hauch von Humor, der in Angelikas Hinweis auf seine Zeit in Neapel steckt.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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