Matthias Platzeck: Der Umarmer

Anfang Juli am Flughafen Berlin-Tegel, Platzeck ist auf dem Weg nach Krasnodar in Südrussland zur Städtepartnerkonferenz. Noch drei Monate sind es bis zur Bundestagswahl. Die SPD liegt im Osten bei zwölf Prozent. Platzeck würde gern auch im Wahlkampf über Russland sprechen. Aber: "Martin will nicht", sagt er über seinen Parteichef. Er soll lieber über unverfänglichere Themen wie Gesundheit oder Rente reden. Am Abfluggate wartet auch Sawsan Chebli, eine junge, schmale Frau, SPD-Staatssekretärin für Internationales beim Berliner Senat, sie wird den Berliner Bürgermeister auf der Konferenz vertreten. Chebli spricht Platzeck auf die Talkshow an, in der Julian Reichelt behauptete, Platzeck sei vielleicht von den Russen bezahlt. Das ist einer der seltenen Augenblicke, in denen Platzecks Lächeln erlischt. "Eine Frechheit", sagt er. "Aber man kann es ja mal probieren, etwas bleibt immer hängen."

Das Deutsch-Russische Forum wurde 1993 von Alexandra Gräfin Lambsdorff nach dem Vorbild der Atlantik-Brücke oder der Deutsch-Britischen Gesellschaft gegründet. Es hat fast 350 Mitglieder, darunter einflussreiche Persönlichkeiten aus Politik und Wissenschaft, die Hälfte der Dax-30-Unternehmen sind vertreten. Finanziert wird es durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und die Ausrichtung von Konferenzen. Platzeck arbeitet dort ehrenamtlich, auch er zahlt ein. Aber Reichelts Vorwurf zielt auf etwas anderes ab. Der Altkanzler und SPD-Parteifreund Gerhard Schröder verdient Geld als Vorsitzender des Aktionsausschusses der Nord Stream AG, die zur Mehrheit Gazprom gehört. Platzeck würde es nie so sagen, aber Schröders Aktivitäten bestimmen das Bild in der Öffentlichkeit: Jeder, der um eine Verständigung mit Russland ringt, erscheint nun verdächtig, von den Russen gekauft worden zu sein. Schröder folgt Platzeck in diesen Monaten stets wie ein unheilvoller Geist.

Nach der Zwischenlandung in Wien geht für die nächsten drei Stunden nichts mehr. Warnstreik. Sawsan Chebli entdeckt, dass sie kein Visum für Russland dabeihat, sie besitzt mehrere Pässe und hat den falschen eingesteckt. Platzeck telefoniert sogleich los. Um ihn herum warten Bürgermeister verschiedener deutscher Städte, die nach Krasnodar wollen. Manche hatten sich zuvor bei Platzeck erkundigt, ob Partnerschaften mit russischen Städten überhaupt noch erwünscht seien. Die Bürgermeister fürchten um ihren Ruf. Vielleicht kann eine Städtepartnerschaft sie schon gefährlich in Putins Nähe rücken?

Platzeck fotografiert mit seinem Handy den Pass von Chebli ab, bemüht sich, ihr innerhalb der nächsten Stunden ein neues Visum zu besorgen. Dabei beobachten ihn drei ältere Damen. "Ich bewundere Sie seit hundert Jahren", sagt eine von ihnen. "Nein, so alt sehen Sie nicht aus", antwortet Platzeck und lächelt. Das ist ein typischer Platzeck-Satz. Er gibt den Menschen um sich herum ein gutes Gefühl, oft berührt er sie im Gespräch oder umarmt sie gleich. Er erscheint immer ansprechbar, immer verfügbar. Als er Ende der neunziger Jahre noch Oberbürgermeister von Potsdam war, passten ihn manchmal Menschen auf der Straße ab, bei ihnen im Hausflur sei das Licht kaputt – ob er nicht einmal vorbeischauen könnte? Platzeck schildert das etwas belustigt, aber er klingt dabei nicht unzufrieden.

Alle, mit denen man für dieses Porträt spricht, sagen, es falle ihm schwer, etwas abzulehnen. Also protestierte er nicht, als ihm seine morgendliche Laufstunde als Ministerpräsident aus Zeitnot gestrichen wurde. Kurz nach dem Schlaganfall bestellte sich Platzeck dann im Krankenhaus bereits wieder Rotwein auf die Station. Er will weiter das Leben genießen. Noch schlimmer, als überfordert zu sein, ist es für ihn anscheinend, wenn es langweilig wird.

Auf dem Wiener Flughafen beginnt er, zwei Geschichten zu erzählen, die viel über ihn aussagen und auch ein wenig erklären, warum er sich für gute Beziehungen zu Russland einsetzt. Platzeck war in der DDR-Opposition, engagierte sich in der Umweltbewegung. Ende der achtziger Jahre glichen selbst die Weihnachtsfeste heiklen Vermittlungsrunden, wenn bei Platzecks Eltern auch seine Schwäger, beide Parteimitglied, mit unterm Baum saßen. Platzeck stritt für Reformen, die Schwäger hielten dagegen. Platzeck hat stets weitergeredet, wo andere eher aufgegeben, geschwiegen oder sich abgewandt hätten.

Kurz nach dem Mauerfall wurde er in die letzte Volkskammer gewählt, später war er Umweltminister in Brandenburg. Ihm gegenüber im Landtag saß Heinz Vietze von der PDS. Der war 1989 Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung in Potsdam gewesen und hatte Platzecks Namen noch auf eine Liste der zu internierenden DDR-Oppositionellen gesetzt. "Das hat mich doch getroffen", sagt Platzeck. Jahrelang hatten sich die beiden nichts zu sagen. Irgendwann redeten sie zum ersten Mal miteinander. Bald erzählte Vietze Platzeck seine Lebensgeschichte. Auch wenn Platzeck ihm nicht alles abnahm: "Ich glaube daran, dass Menschen sich ändern können. Diese Chance sollte jeder haben." Schließlich hielt Platzeck auf Vietzes 65. Geburtstag die Festrede.

Platzeck geht weiter als die meisten. Er verzeiht nicht nur, er umarmt den anderen gleich. Manchmal so fest, dass der kaum noch Luft kriegt. 2009 formte Platzeck dann eine Koalition mit den Linken in Brandenburg. "Ich wollte sie in der Verantwortung haben." Dafür wurde er besonders von seinen früheren Bürgerrechtler-Freunden stark angegriffen. "Ab und zu muss man Dinge auch aushalten." Ähnlich sieht er seinen Einsatz für das deutsch-russische Verhältnis. Als menschliche und politische Notwendigkeit. Versöhnen statt spalten. Immer wiederholt er, dass es keine Marktlücke bei der Russlandkritik gebe, die sei breit besetzt. "Das Wichtigste ist die Erhaltung des Friedens."

Ein Mann wie Platzeck, bei dem die Staatssicherheit vor der Tür stand und drohte, ihm die Töchter wegzunehmen, ist eher unverdächtig, repressive Regime oder einen Autokraten wie Putin mild zu beurteilen. Vielleicht würde einer wie er, ein ehemaliger Bürgerrechtler, heute in Russland als "ausländischer Agent" verfolgt werden? Verteidigt Matthias Platzeck jetzt manchmal Dinge, die er früher nicht verteidigt hätte? Wenn man Platzeck diese Frage stellt, blickt er einen schweigend an. Letztlich kann er sie nicht ganz beantworten.

Offenbar kann man aus seiner Biografie sehr unterschiedliche Schlüsse ziehen. Joachim Gauck, ehemaliger Bürgerrechtler und Bundespräsident, dessen Vater vom sowjetischen Geheimdienst in ein sibirisches Lager verschleppt wurde, ist während seiner Amtszeit nie nach Russland gefahren. Wegen des Völkerrechtsbruches und der Menschenrechtssituation im Land, er empfing stattdessen russische Bürgerrechtler.

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