Beziehung: Königskinder

"Alter, ich hab dich nicht nur lieb, ich liebe dich", schreibt Lena an ihren neuen Freund Karim. Die beiden sind Nachbarn und gehen in die gleiche Schule. Er stammt aus Syrien, sie aus dem Dorf, in dem sie wohnen. Bald wird ihnen klar, dass ihre Eltern gegen die Beziehung sind. Ihre Mutter hat Angst vor der fremden Kultur, seine Mutter auch. Halten die beiden dem Druck stand? Von
ZEITmagazin Nr. 48/2017

Karim Deeb steht mit einem Besen in der Einfahrt seines Elternhauses und fegt, bis sich seine Wangen vor Anstrengung röten. Er fegt mit einer Wucht, als wolle er nicht nur die Blätter aus dem Weg räumen, sondern mit ihnen seine Zweifel: ob es wirklich eine gute Idee war, seine Freunde hierher einzuladen. Karim feiert seinen 19. Geburtstag – es ist die erste Party, die er zu Hause gibt. Alles soll ordentlich sein, nichts dem Zufall überlassen bleiben. Zuvor hat er ein Stromkabel in den Schuppen gelegt, damit sie dort Licht haben und ungestört Musik hören können. Einer seiner Freunde hat versprochen, den Alkohol in einer Sporttasche versteckt mitzubringen, das Bier und den Schnaps werden sie dann in weiße Plastikbecher füllen, sodass man von außen nicht sehen kann, was drin ist. Karims Eltern trinken keinen Alkohol wegen ihres Glaubens, sie sind Muslime. Aber was, wenn sie zwischendrin mal in den Schuppen kommen, fragt er sich. Werden sie den Alkohol nicht riechen?

Drinnen in der Küche hat sein Vater, ein grauhaariger Mann von Ende 50, die Spitzenvorhänge am Fenster ein wenig zur Seite geschoben, um Karim beobachten zu können. "Der hat noch nie die Einfahrt gefegt", sagt er schmunzelnd über seinen Sohn und dreht sich eine Zigarette. Der Vater ist kurz zuvor aus der Rehaklinik nach Hause zurückgekommen, er hatte Prostatakrebs. Seine Augen sind trüb und müde, auf seinem Kinn stehen weiße Bartspitzen, die aussehen wie ein Stoppelfeld im ersten Schnee. In Syrien besaß er ein Haus und eine Firma, beides ist verloren. Und doch hat er meist ein ironisches Lächeln auf den Lippen.

Um kurz vor acht sieht man durch das Küchenfenster, wie sich eine Gruppe junger Leute langsam auf das Haus zubewegt. Drei Mädchen mit langen blonden Haaren und drei Jungs mit ausrasierten Schläfen, die Haare am Oberkopf mit Gel nach oben gestellt wie Ausrufezeichen. Drinnen richtet sich der Vater in seinem Stuhl auf, sein älterer Sohn Ayham kommt nun auch dazu, um sich dieses Ereignis anzusehen. "Oh, là, là", sagt der Vater und lächelt, "hübsche Mädchen." Sein 26-jähriger Sohn ist weniger angetan von den Jugendlichen, die da im Anmarsch sind. Er hat die Mundwinkel nach unten gezogen und blickt auf die blonden Mädchen, als gehe eine unsichtbare Gefahr von ihnen aus. Seine Zweifel werden sich nicht so leicht aus dem Weg räumen lassen.

Eines der Mädchen ist Karims Freundin Lena, seit einem Jahr sind die beiden ein Paar. Sie haben sich kurz vor Karims 18. Geburtstag kennengelernt. Lena ist Karims erste feste Freundin. Sie wohnt auf der gegenüberliegenden Straßenseite, von der Waschküche der Familie Deeb aus kann man in Lenas Schlafzimmer blicken. Allzu genau sehen Karims Eltern lieber nicht dort hinein. Sie wissen, dass Lena die Freundin ihres Sohnes ist, aber sie reden nicht darüber. Sie tun so, als gäbe es die Liebesbeziehung nicht, sondern nur eine ganz normale Freundschaft zwischen Nachbarn. Karims Bruder sagt in der Küche leise, sodass der Vater es nicht hört: "Normalerweise würde mein Vater es verbieten, aber das geht in Deutschland nicht."

Es ist März 2017, hinter Karim und Lena liegt ein Jahr unter großem Druck, ein Jahr, in dem sie ihre Liebe gegen alle Widerstände aufrechterhalten haben. Wie haben sie das geschafft? Und hat sie überhaupt eine Zukunft, diese Beziehung über kulturelle Gräben hinweg, von denen viele glauben, dass sie nicht zu überwinden seien? Karim ist dabei, einige der Werte, mit denen er erzogen wurde, hinter sich zu lassen und als Erster in der Familie etwas Neues zu wagen. Einfach ist es nicht, das wird schon zu Beginn der Beziehung klar, mehr als einmal wird Karim verzweifeln und sich fragen, wer ihm helfen kann.

Alle Personen in diesem Text heißen in Wahrheit anders. Auch der Name des Dorfes in Westdeutschland, in dem sie wohnen, wird nicht genannt, weil Karim und Lena es so wollten.

Karim wohnt mit seinen Eltern und seinem Bruder Ayham im Erdgeschoss eines alten Bauernhauses, im Obergeschoss wohnt seine Schwester mit Mann und Kind, sein ältester Bruder Omar lebt mit seiner Familie in einer nahe gelegenen Kleinstadt. Das Haus gehörte einst dem Vater der Vermieterin, sie war froh, als die syrische Familie einzog, weil sie für das unrenovierte Haus nur schwer andere Mieter gefunden hätte. Und Familie Deeb war froh, weil alle dort Platz haben. Karims Brüder arbeiten in einer Firma in der Nähe, einer als Ingenieur, der andere als Schweißer. Karim geht noch zur Schule.

Er war knapp 16, als er im Sommer 2014 in Deutschland ankam, ohne seine Eltern, nur mit seinem ältesten Bruder Omar. Karim und seine Familie waren zunächst aus dem umkämpften Homs nach Ägypten geflohen. Als ihnen nach einem Jahr klar wurde, dass sie dort weder Arbeit noch Aufenthaltserlaubnis bekommen würden, machten sich Karim und sein Bruder auf einem Boot übers Mittelmeer nach Italien auf. Sieben Tage dauerte die Fahrt, am Ende hatten sie kein Wasser mehr und wären fast in einem Sturm gekentert – dann entdeckte ein Öltanker das Boot mit den Flüchtlingen und brachte sie nach Sizilien. Mit dem Zug fuhren sie durch Italien, Frankreich und landeten schließlich in Deutschland. Hier erhielten sie Flüchtlingsstatus, Karims Eltern und Geschwister kamen auf getrennten Wegen ein Jahr später nach, zum Teil durch Familiennachzug, zum Teil über Land und übers Meer.

"In dem Jahr ohne meine Eltern habe ich mich so einsam gefühlt", sagt Karim, "vor allem meine Mutter habe ich schrecklich vermisst." Sein großer Bruder ist in dieser Zeit kein Ersatz, er muss sich selbst zurechtfinden und sich um seine eigene Familie kümmern. Karim muss nicht nur lernen, in einem fremden Land zurechtzukommen, schon die Aufgabe, den Alltag allein zu bewältigen, ist eine Herausforderung für ihn. Zuvor wusste er nicht mal seine Kleidergröße, weil er immer mit seiner Mutter einkaufen war, kochen konnte er auch nicht. Jeden Tag telefoniert er jetzt mit ihr und holt sich Rat. Im Unterricht oder wenn er mit Freunden unterwegs ist, hat er manchmal Blackouts, plötzlich ist er für kurze Zeit abwesend und hört nicht, was um ihn herum passiert. Wenn ihn dann jemand laut anspricht, kommt er wieder zu sich.

Als seine Eltern schließlich in Deutschland sind, ist er überglücklich – und fast überfordert. Er ist zwar der Jüngste, aber derjenige, der am schnellsten Deutsch gelernt hat. Schon nach wenigen Monaten konnte er es fließend. Jetzt muss er für die Familie übersetzen, Anträge ausfüllen, Wohnungen besichtigen. "Manchmal redeten alle auf einmal auf mich ein, abends lag ich mit Kopfweh im Bett." Und in für ihn wichtigen Dingen sind seine Eltern keine Hilfe mehr. Wenn es um die Schule geht, seine Freunde, Mädchen. Die Eltern kennen Deutschland ja viel weniger als er.

Als er Lena im März 2016 kennenlernt, ist er 17 Jahre alt. Noch hat Karim den langen, schmalen Körper eines Jungen. Am liebsten trägt er weite T-Shirts und Jeans, die um seine dünnen Beine schlackern. "Ich muss kräftiger werden", sagt Karim und umfasst seinen Bizeps mit einer Hand. Neben dem Fußballtraining geht er ins Fitnessstudio, zu Hause trinkt er täglich eine braune, dicke Flüssigkeit, die aussieht wie Schokopudding – ein Proteindrink. Nach der Schule jobbt Karim als Übersetzer bei einer Wohlfahrtsorganisation und repariert Handys und Computer, er hat sich das in den letzten Jahren selbst beigebracht. Das Geld spart er für seinen Führerschein. Den Mädchen in seiner Klasse fällt der braunhaarige Junge mit den stahlblauen Augen gleich auf. Er hält ihnen die Tür auf und bietet an, sie nach Hause zu bringen, wenn sie nachmittags mal zusammen in der Stadt waren und es dunkel geworden ist. Er wirkt mit seinen guten Manieren ein wenig aus der Zeit gefallen. Aber offenbar gefällt das vielen Mädchen. Sie posten Nachrichten auf seiner Facebook-Seite, wie hübsch und nett er sei. Karim antwortet mit Herzchen, er postet auch gerne kleine Lebensweisheiten, wie man sie früher ins Poesiealbum geschrieben hat. Zerstöre nicht das Glück anderer, nur weil du selbst keines finden kannst, heißt sein Motto auf WhatsApp.

Eine Mülltonne ist schuld, dass Karim und Lena zusammenkommen. Karims Eltern haben aus Versehen die Mülltonne von Lenas Eltern zu sich gestellt. Karim bringt die Mülltonne zurück, als er bei Lenas Haus klingelt, öffnet die Mutter, eine schmale Frau von Mitte 40 mit heller, fast durchscheinender Haut. Sie bedankt sich freundlich und beginnt ein Gespräch. Karim erinnert sich, dass sie ihn fragte, wie es ihm im Dorf gefalle. Lenas Mutter ist hier aufgewachsen, auf dem Bauernhof ihrer Eltern. Dann fällt den beiden auf, dass Karim in eine Klasse mit ihrem jüngeren Sohn geht. Durch die offene Tür sieht er, wie Lena die Treppen hinunterkommt und kurz zu ihm herüberblickt. "Es war nur ein Moment. Aber ich sah etwas in ihrem Blick und dachte gleich, die findet mich gut", erinnert sich Karim. Er selbst fand sie auch gut, ihre langen blonden Haare, ihr etwas verzagtes Lächeln. Er weiß, dass sie zwei Klassen über ihm ist, sie ist mit ihren 18 Jahren erwachsener als die Mädchen in seiner Klasse, das findet er interessant. Lena erzählt später, dass sie das weitere Gespräch der Mutter mit Karim belauscht habe, "von der Stube aus".

Auch Lena ist dieser Junge schon in der Schule aufgefallen. Von nun an grüßen sie sich. Lena sei dabei immer ein bisschen rot geworden, sagt Karim. Von ihrem Bruder erfährt sie Karims Namen und schreibt ihm auf Facebook: Komm mich doch mal besuchen.

Als er dann zu ihr kommt, gehen sie in Lenas Zimmer, sie setzt sich aufs Bett, er auf den roten Sitzsack davor. "Mir fielen als Erstes ihre kleinen Füße auf", sagt Karim, "die fand ich so süß, dass ich sie fotografierte." Lena hingegen findet, dass Karims Füße ungewöhnlich groß sind. Sie lachen viel an diesem Nachmittag. Als Karim geht, ist er sich sicher: "Die will was von mir." Ihm geht es genauso, aber er sagt es nicht. "Ich wollte, dass sie das zuerst tut."

Ein paar Tage später vibriert nachts um zwölf Karims Handy auf seinem Nachttisch. Er wird wach. "Mein Bett ist aus Metall und hat davon so komisch gewackelt", erinnert er sich. Lena ist am Apparat. "Ich muss mit dir reden, jetzt gleich", sagt sie. Karim, so erzählt er es später, macht sich auf den Weg, weil er denkt, vielleicht gehe es ihr nicht gut. Lena sitzt mit einem Freund auf dem Bordstein vor Lenas Haus, beide etwas angetrunken. Irgendwann verabschiedet sich der Freund, und es wird still zwischen Lena und Karim. So still, dass Lena Karims Armbanduhr ticken hört.

"Willst du mir was sagen?", fragt Karim.

"Nein", antwortet Lena.

Karim guckt sie direkt an, Lena weicht seinem Blick aus. Er denkt sich, wenn sie mir jetzt nicht sagt, dass sie mich gut findet, dann mache ich das.

"Darf ich dich küssen?", fragt er.

Lena dreht sich weg. "Nein."

Als Karim daraufhin aufsteht, um nach Hause zu gehen, bittet sie ihn zu bleiben. Schließlich umarmen sich die beiden.

"Ich hab dich lieb", sagt Karim.

"Ich dich auch", antwortet Lena.

Später sendet sie ihm eine Nachricht: Alter, ich hab dich nicht nur lieb, ich liebe dich.

Den Beginn ihrer Beziehung am 20. März 2016 feiern Lena und Karim auf Facebook mit einem Schwarz-Weiß-Foto von ihnen beiden, man sieht nur ihre aneinandergeschmiegten Rücken, er trägt ein Trikot mit dem Aufdruck "King 01" und sie mit "Queen 01". Lena und Karim sind beide Fußballfans. Sie hat jahrelang im Verein gespielt, das findet Karim toll. Wegen einer Verletzung musste sie aufhören, sie beschließen, jetzt öfter zusammen ins Fitnessstudio zu gehen.

Ein paar Tage später treffen sich die beiden nach der Schule. Karim erinnert sich noch an Lenas Blick, er habe sofort gemerkt, dass etwas nicht stimme.

Die nehmen dich mir weg, du wirst unsere Religion aufgeben!
Mutter

"Das wird nichts mit uns", sagt sie leise. "Meine Eltern sind dagegen. Wegen der Kulturunterschiede und so."

"Dann red doch mit ihnen!", sagt Karim.

"Ich kann so was nicht", sagt Lena.

"Dann werde ich morgen zu ihnen gehen", entgegnet Karim.

Er ist nervös und fragt sich, was er den Eltern sagen soll. Lena weiß es auch nicht. Karim ruft einen Freund an, der rät: Wenn dein Kopf leer ist, dann hör auf dein Herz. Lass es einfach raus.

Als er zu Lenas Haus geht, ist ihm schlecht. Lenas Mutter öffnet, der Vater ist nicht da. Er müsse mit ihr reden, sagt Karim. Lenas Mutter, erinnert sich Karim später, habe überrascht gewirkt, sie bittet ihn in die Küche, dort setzen sie sich hin. Lena verzieht sich in den Flur und lauscht von dort.

"Wie findest du es, dass ich mit Lena zusammen bin?", beginnt Karim das Gespräch.

"Na ja, eigentlich habe ich nichts dagegen", behauptet die Mutter. Karim sagt später, er habe gemerkt, dass das nicht stimme.

"Aber du hast Angst, weil ich Muslim bin", sagt Karim.

"Nein!", ruft die Mutter. "Aber das ist ja auch eine andere Kultur. Wird das nicht Probleme mit deinen Eltern geben? Das möchte ich Lena ersparen."

Die Mutter, eine jung gebliebene Frau in Jeans und T-Shirt, die am Wochenende gern mal auf Nineties-Partys zum Tanzen geht, weiß, dass Karims Familie anders lebt. Seine Mutter und seine Schwester tragen Kopftuch.

Karim merkt, wie seine Beine zu zittern beginnen, sein Kopf fühlt sich heiß und plötzlich sehr leer an, da ist nur noch ein Gedanke – dass er Lena nicht verlieren will. Er erinnert sich an den Satz seines Freundes und redet drauflos.

"Ja, ich bin Muslim, und ich verstehe deine Angst", sagt er zu Lenas Mutter, "ich hab ja auch Angst vor Radikalen." Er erzählt von seinem Onkel, der in Paris lebt und mit einer Christin verheiratet ist, damit habe niemand in seiner Familie ein Problem. "Wir sind nicht, wie du denkst", sagt er, "meine Eltern werden bestimmt nichts gegen Lena haben." Als ihm nichts mehr einfällt, sieht ihn Lenas Mutter an. "Oje, dein Kopf ist ja ganz rot", sagt sie. Dann steht sie auf und nimmt ihn in den Arm: "Viel Glück euch beiden."

Ein paar Tage später lädt Karim Lena und ihre Eltern zu seinem 18. Geburtstag ein. Seine Eltern haben nichts dagegen, schließlich sind die Familien Nachbarn. Dass Lena seine Freundin ist, sagt Karim nicht direkt, er denkt sich, die Eltern würden das schon merken. Die Familien essen zusammen Kuchen, wirklich miteinander reden können sie nicht, Karims Eltern haben gerade erst einen Deutschkurs begonnen. Sein Vater versucht sich mit Mimik und Gestik zu verständigen, Karim übersetzt den Rest. Nachdem Lena und ihre Eltern gegangen sind, ist Karim zufrieden. Er ist sich sicher, dass seine Eltern nichts dagegen haben, dass er mit Lena zusammen ist.

Nach einem Monat schlafen die beiden miteinander. Für sie ist es das erste Mal, für ihn nicht. Lena erinnert sich, dass sie sehr aufgeregt war. Aber es gefällt ihr gut. Karim sagt, er habe gespürt, dass Lena richtig Angst hatte, aber das sei vermutlich normal.

Kurz darauf hat Karim ganz andere Sorgen. "Ich habe Ärger mit meinen Eltern", sagt er. Lenas Familie hat ihn eingeladen, den Sommerurlaub in Spanien mit ihnen zu verbringen. Aber Karims Eltern wollen ihn nicht fahren lassen. Ihnen ist klar geworden, dass Karim und Lena ein Liebespaar sind. Als es zum Streit kommt, hält sich Karims Vater raus. "Er kann nicht streng sein", sagt Karim. "Aber meine Mutter hat total komische Ängste."

Seine Mutter ist Mitte 50 und gewohnt, eine große Familie zusammenzuhalten. Sie kümmert sich um alles, niemand muss sich bei ihr auch nur den Tee selbst kochen. Ihr Heim ist ihr Reich, hier herrscht sie in ihrem langen Hauskleid. Seitdem sie vor dem Krieg in Syrien fliehen musste, raucht sie. Selbst gedrehte Zigaretten, ohne Filter. Sieht sie die Familie und die Regeln, mit denen sie groß wurde, bedroht, wird sie emotional. "Die nehmen dich mir weg", ruft sie im Streit, "du wirst unsere Religion aufgeben!" – so jedenfalls erinnert es Karim.

"Das ist doch Unsinn", antwortet er.

"Wir verlieren dich!", schreit seine Mutter.

"Aber Onkel Yunis ist doch auch mit einer Christin verheiratet. Unsere Religion erlaubt das!", ruft Karim.

Dann, erinnert sich Karim, habe sich sein älterer Bruder Omar eingemischt, ein 34-jähriger großer und kräftiger Mann, der selten still sitzt und sich oft nervös durchs Haar fährt.

"Das Mädchen passt nicht zu dir", sagt der. "Aber du kennst sie doch gar nicht!", entgegnet Karim.

"Ihr könnt Freunde sein", sagt Omar. "Mehr nicht."

Erst später kapiert Karim, was sein Bruder damit wirklich meint: Ein Mädchen, dessen Eltern nichts dagegen haben, dass sie einen Freund hat und mit ihm sogar das Bett teilt, sei nichts für Karim. Da ist er wieder, der Graben, den andere sehen – aber Karim nicht. Er findet das Keuschheitsgebot vor der Ehe genauso wenig zeitgemäß wie das Alkoholverbot.

In den Tagen danach geht es Karim schlecht. "Ich habe niemanden, der mir einen Rat geben kann", sagt er. Mit Lena will er erst mal nicht darüber reden, weil sie das als Zurückweisung durch seine Familie verstehen würde. Außerdem hatte er ihr und ihrer Mutter ja gesagt, seine Eltern hätten kein Problem mit Lena. Er schämt sich, dass er sich getäuscht hat.

Das wird nichts mit uns. Meine Eltern sind dagegen. Wegen der Kulturunterschiede und so.
Lena

Seine Eltern sind im Moment nicht sein einziges Problem. Karim weiß nicht, ob er das Schuljahr im Gymnasium bestehen wird. Zwar hat er im Halbjahreszeugnis in Deutsch eine Vier bekommen, dafür hat er in Mathe so große Lücken, dass der Lehrer ihm nicht mal eine Note gab. "Früher war es so: Wenn ich etwas wirklich wollte, dann habe ich das auch geschafft", sagt Karim. Im Moment fühle er sich einfach nur lustlos. Er hat keine Lust zu lernen, keine Lust auf Fußball. Er kann sich nicht mal mehr aufraffen, in die Stadt zu gehen.

Karim überlegt, wo er sich Hilfe holen kann. Jemand hat ihm von einer arabischsprachigen Online-Therapie für Flüchtlinge erzählt. Am Abend beginnt er in seinem Zimmer den Fragebogen dazu auszufüllen, viele Dutzend Fragen, wie zum Beispiel: Stammen Sie aus einem Kriegsgebiet? Karim antwortet mit Ja. Waren Sie schon mal schwer verletzt? Nein. Wurden Sie gefoltert? Nein. Wurden Sie gegen Ihren Willen von Ihrer Familie getrennt? Ja. Leiden Sie öfter unter Kopfschmerzen? Ja. Irgendwann bricht Karim ab, er will später weitermachen.

An einem Abend Ende April, als Karim gerade im Fitnessstudio ist, bekommt er eine Nachricht von einem Freund: Er habe Lena gerade mit Paul gesehen. Paul ist der beste Freund von Lenas Ex-Freund. Karim ärgert sich, dass sie ihm nichts davon gesagt hat. Jetzt will er testen, ob etwas dahintersteckt.

Bist du allein?, schreibt Karim ihr auf WhatsApp.

Ja, antwortet Lena.

Am Abend stellt Karim sie zur Rede, warum sie ihm nicht die Wahrheit gesagt habe. Lena verteidigt sich, sie habe keine große Diskussion gewollt, deshalb habe sie in dem Chat Paul nicht erwähnt. "Wir waren einfach nur bei ihm zu Hause, er ist mein bester Kumpel", sagt Lena. Karim glaubt ihr nicht, dass er nur ein Kumpel ist. "Lass das in Zukunft", sagt er, "ich will nicht, dass du zu Paul gehst." Lena fühlt sich zu Unrecht beschuldigt, es kommt zu einem heftigen Streit, schließlich geht Karim sauer nach Hause. Dann blockiert er Lena auf WhatsApp.

Länger als ein paar Tage hält er es nicht aus. Karim verabredet sich mit Lena. "Ich habe ihr gesagt, dass sie machen kann, was sie will", erzählt Karim, "aber dass ich es eben nicht mag, wenn sie bei Paul ist." Lena sagt daraufhin ihrem Kumpel, dass sie sich nicht mehr treffen könnten. "Ich will keinen Stress mit Karim", sagt Lena später über ihre Entscheidung. Paul habe das natürlich bescheuert gefunden. Trotzdem findet sie, dass es für Frauen doch normal sei, Kompromisse zu machen, um ihren Partner nicht zu verlieren. "Das hat nichts damit zu tun, dass Karim Syrer ist, ich kenne das genauso von deutschen Jungs." Aber manchmal wird ihr seine Eifersucht auch zu viel. Als er neulich auf ihrem Handy eine SMS lesen wollte, die ihr ein Freund geschrieben hatte, nahm sie ihm das Handy weg.

Im Mai fahren Karim und Lena zusammen für ein Wochenende nach Berlin. "Wir brauchen mal Zeit für uns", sagt Karim. Seinen Eltern hat er erzählt, er fahre mit einem Freund. Der Vater hat ihm vorher noch drei Regeln mit auf den Weg gegeben: Kein Alkohol, keine Mädchen, kein Hasch.

Nun sitzt Karim zusammen mit Lena auf einer Wiese am Landwehrkanal in Kreuzberg, jeder ein Bier in der Hand. "Zumindest rauche ich keinen Joint", sagt Karim und lacht. Es ist ein warmer Frühsommertag, in den Cafés am Kanal sind fast alle Plätze belegt. Er und Lena sitzen eng zusammengerückt Seite an Seite. Lenas goldblonde Haare rahmen ihr Gesicht wie Vorhänge ein. Wenn sie spricht, macht sie den Vorhang oft zu: Sie dreht ihren Kopf leicht zur Seite, lässt ihr Haar vors Gesicht fallen und versteckt sich dahinter. Lena trägt am liebsten weite Sweatshirts, sie ist kaum geschminkt. "Ich will nicht, dass mich jeder anstarrt", sagt sie. Karim findet es gut, dass sie sich so dezent kleidet.

Im Hotel muss Karim einen Meldebogen ausfüllen. In einer Zeile soll er seine Nationalität eintragen. Er zögert lange, dann notiert er: "syrisch". Nachdem er unterschrieben hat, streicht er die Nationalität wieder durch und gibt den Bogen so dem Rezeptionisten. Der kümmert sich nicht weiter darum. "Wenn die Leute wissen, dass ich aus Syrien bin, dann denken sie sich alles Mögliche", sagt Karim später. Selbst mit Lena redet er kaum über sein Heimatland und seine Flucht. Er will Syrien hinter sich lassen.

Am Abend bleiben die beiden im Hotel, sie genießen es, für sich zu sein. Die Stadt kann warten bis zum nächsten Morgen.

Anfang Juli fährt Lena mit ihren Eltern und Geschwistern nach Spanien – ohne Karim. Seit dem Wochenende in Berlin geht es ihm besser. Das Formular für die Online-Therapie hat er nun doch nicht fertig ausgefüllt. Die Beziehung zu Lena ist kompliziert, aber sie gibt ihm auch Kraft.

Lena hat ihm neulich erzählt, dass sie sich manchmal die Unterarme mit den Fingernägeln aufritzt, er hat die Narben gesehen. Karim ist noch immer fassungslos darüber. "Wie kann man so was tun?", fragt er sich. Wo er herkommt, verletzen und töten sich Menschen gegenseitig. Davor ist er geflohen. Und dann trifft er in Deutschland auf ein Mädchen, das sich selbst verletzt. Ihm ist seither klar, dass nicht nur er für seine 18 Jahre sehr viel erlebt hat.

An einem Samstag in den Sommerferien, während Lena in Spanien ist, kommt Karims Bruder Omar in sein Zimmer. Er ist gerade zu Besuch.

"Ich will, dass du mit Lena Schluss machst. Ich geb dir eine Woche Zeit", sagt Omar.

Karim erinnert sich, wie überrascht er in dem Moment war.

"Du kannst mir das nicht befehlen, ich bin 18!", sagt Karim.

"Aber wir sind deine Familie", sagt sein Bruder.

"Ich kann Lena nicht aufgeben", entgegnet Karim.

Der Bruder bleibt dabei, Lena sei nicht die Richtige für ihn. Er solle die Beziehung zur Familie nicht aufs Spiel setzen. Der Vater sage ihm das nur nicht selbst, weil er ein zu großes Herz habe. Dann geht Omar wieder.

Karim ist verzweifelt. Er überlegt, was er tun soll. Soll er seiner Familie sagen, dass er Schluss gemacht hat, und Lena weiter heimlich treffen? Aber sie wohnt gleich gegenüber, wie soll das gehen? "Wenn ich mich gegen meinen Bruder wehre und ihm sage, dass ich bei Lena bleibe, wird er sicher was Schlimmes mit mir machen. Vielleicht wird meine Familie mich verstoßen." Omar, der lange im arabischen Ausland als Ingenieur arbeitete und die Familie während des Krieges und der Flucht finanziert hat, ist ein zupackender Typ. Er ist es gewohnt, den Ton anzugeben.

Karim überlegt, was er tun soll. Vorübergehend zu Lena ziehen? Was würden ihre Eltern dazu sagen? In einem Jahr wird Lena ihr Abitur haben, vielleicht geht sie dann in eine andere Stadt, um zu studieren. Dann würde er mit ihr gehen, bis dahin müsste er durchhalten. Karim hat Angst. "Ich will mich nicht entscheiden zwischen meiner Familie auf der einen Seite und Lena auf der anderen. Ich liebe beide, ich will keinen verlieren."

Ein paar Tage später kommt Lena aus dem Urlaub zurück. Karim und sie gehen spazieren, er erzählt ihr von dem Ultimatum seines Bruders. Er sagt ihr, dass er sich seinem Bruder, falls es zum Äußersten kommt, nicht beugen werde. Lena habe nur auf den Boden gestarrt, erinnern sich beide.

"Das geht nicht mehr mit uns", sagt sie dann. Sie, die schon überfordert ist vom Gespräch mit der eigenen Mutter, glaubt nicht, die Kraft zu haben, sich gegen seine Familie zu stellen. "Doch", sagt Karim und merkt, wie ihm schlecht wird bei dem Gedanken, dass Lena ihn jetzt fallen lassen könnte. "Aber ich schaffe das nicht allein, Lena, wir müssen zusammenhalten."

Es geht noch eine Weile hin und her zwischen den beiden, dann sagt Lena, sie müsse jetzt los.

Am Abend blockiert sie ihn auf WhatsApp. "Ich war zerstört", sagt Karim. Er besorgt ein paar Flaschen Whisky-Mixgetränk und trifft sich mit seinen Freunden in der Stadt. Er trinkt und heult, den ganzen Abend lang. Irgendwann schreit ein Freund ihn an: "Hör jetzt auf damit! Sie wird von alleine wiederkommen. Und wenn nicht, dann hat sie dich nicht verdient!" Nachts um drei bringen ihn seine Freunde nach Hause, Karim ist so betrunken, dass er vergessen hat, wo sein Fahrrad steht.

Nach den Sommerferien geht Karim auf die Höhere Handelsschule. Er hat selbst nicht mehr geglaubt, dass er das Gymnasium schaffen würde, nun kann er immerhin die mittlere Reife machen. Karim sieht kräftiger aus als vor einem halben Jahr, sein Gesicht ist kantiger geworden. Mit Lena ist er noch immer zusammen. Zwei Tage nach dem Streit meldete sie sich wieder bei ihm und bat um Verzeihung, sie versöhnten sich, zum zweiten Mal. Das Ultimatum seines Bruders verstrich, ohne dass er es noch einmal erwähnte, Karim kann sich nicht erklären, warum.

Karim und Lena sehen sich gerade nur ein- bis zweimal die Woche, sie muss fürs Abitur lernen. Wenn Karim sie besucht, sagt er seinen Eltern, er gehe zu einem Freund oder ins Fitnessstudio. "Ich glaube, die wissen, dass ich zu Lena gehe. Aber die wollen nicht die Wahrheit hören", meint Karim. "So ist das auch mit dem Alkohol. Sie ahnen, dass ich welchen trinke, wir reden nur nicht darüber." Aber die Stimmung zu Hause ist nicht gut. Karims Eltern ignorieren ihn oft, sie essen, ohne ihn aus seinem Zimmer zu holen. Zu seinem Vater sagte er neulich, irgendwann werde er vielleicht gar nicht mehr heimkommen. "Nur zu", habe der Vater geantwortet. Für ein paar Tage schläft Karim daraufhin bei einem Freund, dann bei Lena.

Als er wieder nach Hause kommt, hört er vom Flur aus ein Gespräch zwischen seinem Bruder Omar und seinen Eltern in der Küche mit. "Wenn ihr euren Sohn nicht verlieren wollt", sagt Omar, "dann lasst die beiden. Wenn er Lena liebt, könnt ihr nichts machen." Karim ist erleichtert, dass Omar offenbar die Seiten gewechselt hat. Jetzt weiß er auch, warum sein Bruder das Ultimatum nicht mehr erwähnt hat – er hält es für sinnlos.

An einem Freitag einige Wochen später holt Karim Lena von der Schule ab. Sie gehen Hand in Hand in ein Café in der Fußgängerzone. Er erzählt, dass sich die Lage bei ihm zu Hause entspannt habe. Seine Eltern nähmen seine Beziehung zu Lena stillschweigend hin. Neulich, als Karim mit seinem Vater im Garten gearbeitet hat, habe der sogar mit ihm gescherzt. Sie sahen Lenas Vater in dessen Garten und grüßten ihn nett. "Dein Schwiegervater", sagte sein Vater danach zu ihm und lachte.

Eigentlich will der Vater, dass sein Sohn keusch in die Ehe geht, und er will nicht, dass er Alkohol trinkt. Aber wenn man ihn darauf anspricht, gibt er sich tolerant, zu allem fällt ihm ein Scherz ein. "Ach, den Wein in Paris habe ich früher geliebt", sagt er, und natürlich habe man als Junge in Syrien auch Freundinnen vor der Ehe. Vielleicht sind ihm die Regeln seiner Religion jetzt, da er alles verloren hat, wichtiger als je zuvor. Sie sind das letzte Stück Identität. Gleichzeitig weiß er, dass er sich anpassen muss. "Wir werden so schnell nicht nach Homs zurückkehren können", sagt der Vater. Sein neues Leben in Deutschland ist ein ständiges Ausloten, selten hat er sicheren Grund unter den Füßen.

Karim ist noch nicht zufrieden. Er will, dass Lena wie ein Teil der Familie aufgenommen wird. "Wenn meine Eltern Lena erst mal richtig kennenlernen würden, dann würden sie sie auch mögen", sagt er. Sie war seit seinem 18. Geburtstag vor sieben Monaten nicht mehr bei ihm, außer ein- oder zweimal, als seine Eltern nicht zu Hause waren.

Er habe sich auch schon einen Plan ausgedacht, um seine Eltern auf seine Seite zu ziehen, sagt Karim am Nachmittag im Café: Er könnte ihnen sagen, dass Lena ihm Nachhilfe für die Schule gibt. Und wenn sie dann erst mal da wäre, würde seine Mutter sie bestimmt zum Essen einladen, dann würden sie sich besser kennenlernen, und die Eltern würden Lena ins Herz schließen. Das ist sein größter Wunsch.

Aber dazu müsste Lena erst mal kommen. Und sie will nicht.

"Ich kann das einfach nicht", sagt Lena.

"Aber ich glaube, es ist die einzige Möglichkeit, damit wir eine Zukunft haben", sagt Karim.

Lena antwortet nichts darauf, sie lässt den Haar-Vorhang vors Gesicht fallen und nippt an ihrer Cola.

Ein Abend im Januar, Lena und Karim sind jetzt seit zehn Monaten ein Paar. Lena war immer noch nicht bei ihm zu Hause. Sie sitzt in ihrem Zimmer auf dem Bett, vor einer blau gestrichenen Wand mit aufgemalten Palmen und Sandstrand. Ihr Bett steht unter einer Dachschräge, in eine Ecke geschmiegt, wie ein Nest. Ein Teddy, so groß wie ein Kleinkind, liegt darauf, Karim hat ihn ihr geschenkt. Sie hat Fotos von ihm auf dem Nachttisch stehen. Gegenüber hängt ein Boxsack, den ihr ihre Eltern geschenkt haben. Sie benutzt ihn schon länger nicht mehr.

Wegen der Verletzung vor vielen Jahren kann Lena ihren Arm nicht richtig anwinkeln. Sie war beim Trampolinspringen so unglücklich auf den Ellenbogen gefallen, dass sie mehrfach operiert werden musste, auch Fußballspielen wurde zu gefährlich. Lena hat jeden Tag Gelenkschmerzen, früher nahm sie Tabletten dagegen, wegen der Nebenwirkungen hat sie sie abgesetzt. Seitdem sie weniger Sport macht, fühlt sie sich mollig. Karim findet das nicht, aber um ihr zu helfen, hat er ihr einen Trainingsplan ausgearbeitet und ging eine Zeit lang mit ihr joggen.

Lena sagt, Karim tue viel für sie. Er gibt ihr Halt. Aber er mischt sich auch ein. Lena sagt, früher sei sie öfter abends in Kneipen in die Stadt gegangen, aber Karim wolle das nicht. Er sei dann eifersüchtig. "Das ist mittlerweile ein großes Problem. Keine Ahnung, ob wir in zwei Jahren noch zusammen sind", sagt Lena, "aber falls ja, dann weil wir uns halt lieben."

Und was ist Liebe?

"Keine Ahnung", antwortet sie.

Am nächsten Tag läuft Karim durch die Innenstadt des nahen Ortes. Er will sich neues Haargel kaufen. Alle paar Meter trifft er Leute, die er kennt. Ladenbesitzer, Jungs aus der Schule, einen Asylhelfer, jeder grüßt ihn.

Karim glaubt nicht, dass Lena seine Eifersucht stört. "Sie hat mir gesagt, dass sie damit klarkommt", sagt er. Außerdem ist er sich sicher, dass sie es auch nicht wollen würde, wenn ein Mädchen zu ihm nach Hause käme. Sie verhalte sich eben manchmal komisch. Abends habe sie ihm schon öfter geschrieben, sie lege sich schlafen. Er bemerkte dann, dass sie auf WhatsApp offline geht, aber auf Skype online. "Einmal hab ich auf ihrem Computer gesehen, dass sie dauernd mit einem Jungen skypt, den ich gar nicht kenne", erzählt Karim. Er habe Lena dann gefragt: Bin ich dir nicht genug? "Nee", sei ihre Antwort gewesen. Danach hätten sie sich wieder gestritten. "Mir geht es dann wirklich schlecht", sagt Karim. "Ich bin fast tot!" Lena zeige ihre Gefühle nicht, das verunsichere ihn. "Man kann mein Verhalten Kontrolle nennen, von mir aus, aber ich mache mir eben Sorgen, weil ich Lena wirklich will und sie mir nicht sagt, dass es bei ihr genauso ist."

Karim weiß, dass es Lena nicht gut geht. Da ist nicht nur das Ritzen, manchmal sei sie tagelang depressiv, er glaubt, dass sie Hilfe braucht. Mit ihren Eltern redet sie nicht darüber, die haben selbst Probleme, gerade ist ihr Vater ausgezogen. Deshalb hat Karim sie überredet, mit ihm zur Schulsozialarbeiterin zu gehen. Die meiste Zeit habe er für sie geredet, sagt Karim. Am Ende wollte die Sozialarbeiterin noch mit Lena allein sein. Sie riet ihr zu einer Therapie. Aber Lena will nicht. Der Besuch hat ihm zum ersten Mal etwas klargemacht: Er kann Lena zu nichts drängen, was sie nicht selbst will. Eine Erkenntnis, die er schon bald brauchen wird.

Es ist Februar 2017, Karims Auge ist blau unterlaufen, auf der Nase sieht man getrocknetes Blut, eine Hand und eine Schulter sind geschwollen. Vor ein paar Tagen haben ihn Jungs auf dem Schulhof zusammengeschlagen, syrische Flüchtlinge wie er. Vordergründig sei es um Geld gegangen, sagt Karim, einer der Jungs hatte ihn nicht für die Reparatur seines Handys bezahlt. Als Karim das Geld einforderte, brach ein Streit aus. Plötzlich seien die Freunde des Jungen dazugekommen. "Die denken, sie sind noch in Syrien und können die Dinge hier so regeln wie dort. Dann gingen alle auf mich los", erzählt er. Sie warfen ihn zu Boden und schlugen auf ihn ein, bis ein Lehrer kam. Einige der Jungs wurden von der Schule suspendiert. Karim hat sie außerdem angezeigt. Er ist sich sicher, dass sie ihm eine Lektion erteilen wollten. "Die mögen mich nicht und finden mich arrogant, weil ich schon länger hier bin als sie und so gut Deutsch spreche", sagt er. Unter seinen engen Freunden sind kaum Flüchtlinge. In der Hierarchie unter den Jugendlichen seines Ortes ist er eine Stufe höher geklettert: Die meisten Jungs, mit denen er seine Zeit verbringt, sind in Deutschland geboren, auch wenn ihre Familien aus Albanien, Serbien oder der Türkei stammen.

Fast genauso schlimm wie die Schlägerei in der Schule fand Karim Lenas Reaktion. Am Abend kam sie eine Stunde später als vereinbart. Und sie war nicht allein, sondern brachte noch Freunde mit. Sie redeten nicht viel über den Vorfall in der Schule, die meiste Zeit hätten sie und die Freunde Witze gerissen und gelacht. "Lena sagte dann noch zu mir, ich sei selbst schuld an dem, was passiert ist", erzählt Karim. Die beiden stritten sich, Lena ging.

Danach hat Karim sein Handy tagelang abgeschaltet, er will nicht mit Lena reden. "Ich verstehe einfach nicht, warum sie so eiskalt ist zu mir. Ich halte das nicht aus!", sagt er. "Mir ging es so schlecht an dem Abend, und sie verletzt mich noch zusätzlich."

Auf Umwegen nimmt Lena schließlich Kontakt zu ihm auf. Karim hat seine Dienste für Handyreparaturen auf eBay Kleinanzeigen inseriert. Eines Abends liest er dort folgende Nachricht:

Sehr geehrter Herr Deeb, ich hätte da mal eine Frage. Würde es sich lohnen, meine Beziehung zu reparieren? Oder soll ich mir eine neue besorgen? Mit freundlichen Grüßen, Ihre Nachbarin.

Die Nachricht findet er so gut, dass er am nächsten Tag beschließt, zu Lena rüberzugehen. Es ist Valentinstag, und Karim besorgt einen Strauß Rosen für Lena. Wieder versöhnen sie sich.

Sechs Wochen später, Ende März, feiert Karim seinen 19. Geburtstag. Es ist der Tag, an dem er die Einfahrt fegt, bis sich seine Wangen röten. Nachdem seine Freunde angekommen sind, setzen sich alle zusammen in den Schuppen. Karims Eltern und Lenas Mutter sind auch dabei. Es ist das erste Mal seit einem Jahr, dass Lena Karim besucht, während seine Eltern da sind. Karim schneidet die Torte an.

"Ihr nehmt euch einfach, wenn ihr wollt. Ihr braucht nicht zu fragen!", sagt er zu seinen Gästen.

"Danke, Bruder", sagt einer seiner Freunde.

Der Tisch sieht aus wie bei einem Kindergeburtstag: Außer der Torte gibt es Salzstangen, Limo und Cola. Solange Karims Eltern da sind, bleibt der Alkohol in der Sporttasche unter dem Tisch. Karims Vater ist ein charmanter Gastgeber. Er versucht sich mit Lenas Mutter zu unterhalten, mit ein paar Brocken Deutsch, manchmal muss Karim für ihn übersetzen.

"Wenn Sie immer nur kommen, wenn Karim Geburtstag hat, dann sollten wir öfter feiern", sagt er lächelnd zu Lenas Mutter.

Lenas Mutter errötet leicht. "Dann komme ich eben auch mal so", sagt sie.

Als alle ihren Kuchen aufgegessen haben, verabschieden sich die Eltern. Karim und seine Freunde überlegen, ob sie jetzt schon im Schuppen Alkohol trinken sollen. Sie beschließen, lieber erst mal zum Sportplatz zu gehen.

Es ist schon dunkel, aber das Tor zum Gelände ist noch auf.

"Ist das nicht trotzdem Hausfriedensbruch?", fragt einer.

"Nicht dass die Bullen kommen", meint ein anderer.

Es beginnt zu nieseln, und die Geburtstagsgäste nehmen auf der überdachten Trainerbank Platz. Dann öffnen sie die Sporttasche: Es gibt Wodka, Chantré, Sekt und zwei Sixpacks mit Bier. Alle prosten sich zu.

Nach einer Stunde gehen sie zurück in den Schuppen und trinken heimlich weiter aus den Plastikbechern. Seine Eltern sind sicher längst im Bett, denkt Karim, es ist bald Mitternacht. Lena beteiligt sich kaum an den Gesprächen, starrt zu Boden oder sitzt einfach nur da. Eines der anderen Mädchen spricht sie an, was los sei, schließlich sei heute doch der Geburtstags ihres Freundes.

Um drei Uhr morgens gehen alle heim. Karim umarmt Lena zum Abschied, ihr Gesicht sieht angespannt aus. Er räumt noch den Schuppen auf und stopft die Plastikbecher ganz unten in die Mülltonne, dann geht er ins Haus. Er erschrickt, als er seinen Vater noch in der Küche sitzen sieht. Der lächelt seinen Sohn an.

"Was war denn eben los mit Lena?", fragt der Vater.

Karim ist es peinlich, dass sein Vater die Umarmung beobachtet hat. "Nichts Besonderes", nuschelt Karim. Er geht schnell in sein Zimmer. Und so bleiben Vater und Sohn wieder stumm. Die Sprachlosigkeit ist ihre Art der Kommunikation.

Zwei Wochen später trennen sich Karim und Lena.

Am Telefon erzählt Karim, wie es dazu kam. "Ich war mir schon nach meinem Geburtstag nicht sicher, ob das noch lange hält", sagt er. Erst dachte er, Lenas schlechte Laune komme daher, dass sie fast nur noch zu Hause sitzt und fürs Abitur lernt. Als er sie bei einem Spaziergang darauf ansprach, erzählt Karim, habe sie zuerst nicht mit ihm darüber reden wollen. Auf einmal sei sie richtig abweisend geworden, und sie stritten sich. "Sie sagte mir, dass ich ihr auf die Nerven gehe und dass sie ihre Freiheit will, dass sie mit ihren Freunden rausgehen will, so wie es ihr passt. Sie sagte, für sie wäre es schon seit Wochen vorbei, aber sie hat mich gebraucht." Wenn man Lena fragt, sagt sie etwas Ähnliches: "Diese Eifersucht. Ich habe ihn nicht mehr ausgehalten."

Karim fühlt sich ausgenutzt. Er ist so verletzt, dass er sich drei Tage lang zu Hause verkriecht und für niemanden erreichbar ist. Ein paar Tage später erzählen ihm seine Freunde, sie hätten Lena in der Disco gesehen, mit einem Jungen, den keiner kannte. Karim ist sich jetzt sicher, dass die Trennung richtig war.

Trost bekommt er ausgerechnet von seinem Bruder Omar. "Ich habe ihm erzählt, wie schlecht es mir geht", sagt Karim. "Mein Bruder hat den Arm auf meine Schulter gelegt und gesagt: 'Ich weiß, es ist schwer, aber vergiss sie. Geh raus mit deinen Freunden, lern andere Mädchen kennen, du bist noch jung'." Karim ist überrascht, dass Omar ihm diesen Rat gibt. Omar erklärt ihm, dass er noch vor ein paar Monaten Angst gehabt habe um Karim, dass er etwas Falsches tun könnte und Lena zum Beispiel schwanger würde. Jetzt wisse er, dass Karim ein korrekter Junge sei. "Am Ende sind wir Brüder, und ich stehe zu dir", habe Omar gesagt.

Fünf Monate vergehen, in denen Karim und Lena keinen Kontakt haben. Karim macht jetzt eine Ausbildung zum IT-System-Elektroniker an einer Schule. Fast jeden Tag geht er ins Fitnessstudio, sein Oberkörper hat mittlerweile die Form eines V, breite Schultern, schmale Taille. Er jobbt mehrmals die Woche in einer Fast-Food-Kette an der Kasse. Auf WhatsApp hat er sein Motto geändert: You don’t always get what you wish for, but you always get what you work for.

An einem Wochenende Mitte September beschließt Karim, Lena zu kontaktieren. Er fühlt sich nicht wohl mit diesem totalen Kontaktabbruch. "Ich würde einfach gerne wissen, wie es ihr geht", sagt er. "Wir waren so eng, da kann man doch nicht so tun, als kenne man sich nicht mehr." Er überlegt, ob er bei ihr klingeln soll. Auf WhatsApp und Facebook hat Lena ihn ja blockiert. Schließlich schreibt er Lena eine SMS: Wie geht es dir? Was machst du so? Ich habe dich schon lange nicht mehr gesehen. Meld dich mal, wenn du Zeit hast. Dein Nachbar.

Lena antwortet sofort und macht ihm Vorwürfe, warum er sich nie gemeldet habe. Karim versteht das nicht, schließlich hat sie ihm doch selbst gesagt, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Sie treffen sich zu einem Spaziergang. Lena erzählt von ihrer Arbeit in einem Kindergarten, sie macht gerade ein Soziales Jahr. Karim erzählt von seiner Ausbildung. Danach sehen sie sich wieder öfter.

Karim sagt, es fühle sich gut an. Irgendwie so vertraut, niemand verstehe ihn so gut wie Lena. "Im Nachhinein war meine Eifersucht richtig dumm, ich hätte ihr vertrauen sollen", sagt er. Er fragt sich, was Lena jetzt von ihm will. Freunde bleiben? Oder doch wieder ein Paar sein? "Mein Herz will das, aber mein Kopf nicht", gibt Lena ihm zur Antwort. Karim weiß nicht, was er damit anfangen soll. Er hat Angst, sich wieder in sie zu verlieben: "Wenn es ihr dann nicht genauso geht – das halte ich nicht noch mal aus." Aber was will er denn von ihr? Das weiß er selbst nicht. "Eigentlich habe ich keine Zeit für eine Beziehung", sagt Karim. Er klingt so, als überlasse er ihr die Entscheidung.

An einem Abend im Oktober gehen sie mal wieder zusammen ins Fitnessstudio. Bevor jeder in seiner Umkleide verschwindet, so erzählt es Karim später, drehen sie ihre Köpfe zueinander. Genau wie sie es früher immer getan haben, in einem alten, monatelang praktizierten Ritual, gehen ihre Lippen aufeinander zu, berühren sich fast. Dann schrecken beide hoch, als seien sie aus einem Traum erwacht. Karim legt den Arm um Lena und sagt: "Bis gleich."

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