Beziehung: Königskinder

Ein paar Tage später vibriert nachts um zwölf Karims Handy auf seinem Nachttisch. Er wird wach. "Mein Bett ist aus Metall und hat davon so komisch gewackelt", erinnert er sich. Lena ist am Apparat. "Ich muss mit dir reden, jetzt gleich", sagt sie. Karim, so erzählt er es später, macht sich auf den Weg, weil er denkt, vielleicht gehe es ihr nicht gut. Lena sitzt mit einem Freund auf dem Bordstein vor Lenas Haus, beide etwas angetrunken. Irgendwann verabschiedet sich der Freund, und es wird still zwischen Lena und Karim. So still, dass Lena Karims Armbanduhr ticken hört.

"Willst du mir was sagen?", fragt Karim.

"Nein", antwortet Lena.

Karim guckt sie direkt an, Lena weicht seinem Blick aus. Er denkt sich, wenn sie mir jetzt nicht sagt, dass sie mich gut findet, dann mache ich das.

"Darf ich dich küssen?", fragt er.

Lena dreht sich weg. "Nein."

Als Karim daraufhin aufsteht, um nach Hause zu gehen, bittet sie ihn zu bleiben. Schließlich umarmen sich die beiden.

"Ich hab dich lieb", sagt Karim.

"Ich dich auch", antwortet Lena.

Später sendet sie ihm eine Nachricht: Alter, ich hab dich nicht nur lieb, ich liebe dich.

Den Beginn ihrer Beziehung am 20. März 2016 feiern Lena und Karim auf Facebook mit einem Schwarz-Weiß-Foto von ihnen beiden, man sieht nur ihre aneinandergeschmiegten Rücken, er trägt ein Trikot mit dem Aufdruck "King 01" und sie mit "Queen 01". Lena und Karim sind beide Fußballfans. Sie hat jahrelang im Verein gespielt, das findet Karim toll. Wegen einer Verletzung musste sie aufhören, sie beschließen, jetzt öfter zusammen ins Fitnessstudio zu gehen.

Ein paar Tage später treffen sich die beiden nach der Schule. Karim erinnert sich noch an Lenas Blick, er habe sofort gemerkt, dass etwas nicht stimme.

Die nehmen dich mir weg, du wirst unsere Religion aufgeben!
Mutter

"Das wird nichts mit uns", sagt sie leise. "Meine Eltern sind dagegen. Wegen der Kulturunterschiede und so."

"Dann red doch mit ihnen!", sagt Karim.

"Ich kann so was nicht", sagt Lena.

"Dann werde ich morgen zu ihnen gehen", entgegnet Karim.

Er ist nervös und fragt sich, was er den Eltern sagen soll. Lena weiß es auch nicht. Karim ruft einen Freund an, der rät: Wenn dein Kopf leer ist, dann hör auf dein Herz. Lass es einfach raus.

Als er zu Lenas Haus geht, ist ihm schlecht. Lenas Mutter öffnet, der Vater ist nicht da. Er müsse mit ihr reden, sagt Karim. Lenas Mutter, erinnert sich Karim später, habe überrascht gewirkt, sie bittet ihn in die Küche, dort setzen sie sich hin. Lena verzieht sich in den Flur und lauscht von dort.

"Wie findest du es, dass ich mit Lena zusammen bin?", beginnt Karim das Gespräch.

"Na ja, eigentlich habe ich nichts dagegen", behauptet die Mutter. Karim sagt später, er habe gemerkt, dass das nicht stimme.

"Aber du hast Angst, weil ich Muslim bin", sagt Karim.

"Nein!", ruft die Mutter. "Aber das ist ja auch eine andere Kultur. Wird das nicht Probleme mit deinen Eltern geben? Das möchte ich Lena ersparen."

Die Mutter, eine jung gebliebene Frau in Jeans und T-Shirt, die am Wochenende gern mal auf Nineties-Partys zum Tanzen geht, weiß, dass Karims Familie anders lebt. Seine Mutter und seine Schwester tragen Kopftuch.

Karim merkt, wie seine Beine zu zittern beginnen, sein Kopf fühlt sich heiß und plötzlich sehr leer an, da ist nur noch ein Gedanke – dass er Lena nicht verlieren will. Er erinnert sich an den Satz seines Freundes und redet drauflos.

"Ja, ich bin Muslim, und ich verstehe deine Angst", sagt er zu Lenas Mutter, "ich hab ja auch Angst vor Radikalen." Er erzählt von seinem Onkel, der in Paris lebt und mit einer Christin verheiratet ist, damit habe niemand in seiner Familie ein Problem. "Wir sind nicht, wie du denkst", sagt er, "meine Eltern werden bestimmt nichts gegen Lena haben." Als ihm nichts mehr einfällt, sieht ihn Lenas Mutter an. "Oje, dein Kopf ist ja ganz rot", sagt sie. Dann steht sie auf und nimmt ihn in den Arm: "Viel Glück euch beiden."

Ein paar Tage später lädt Karim Lena und ihre Eltern zu seinem 18. Geburtstag ein. Seine Eltern haben nichts dagegen, schließlich sind die Familien Nachbarn. Dass Lena seine Freundin ist, sagt Karim nicht direkt, er denkt sich, die Eltern würden das schon merken. Die Familien essen zusammen Kuchen, wirklich miteinander reden können sie nicht, Karims Eltern haben gerade erst einen Deutschkurs begonnen. Sein Vater versucht sich mit Mimik und Gestik zu verständigen, Karim übersetzt den Rest. Nachdem Lena und ihre Eltern gegangen sind, ist Karim zufrieden. Er ist sich sicher, dass seine Eltern nichts dagegen haben, dass er mit Lena zusammen ist.

Nach einem Monat schlafen die beiden miteinander. Für sie ist es das erste Mal, für ihn nicht. Lena erinnert sich, dass sie sehr aufgeregt war. Aber es gefällt ihr gut. Karim sagt, er habe gespürt, dass Lena richtig Angst hatte, aber das sei vermutlich normal.

Kurz darauf hat Karim ganz andere Sorgen. "Ich habe Ärger mit meinen Eltern", sagt er. Lenas Familie hat ihn eingeladen, den Sommerurlaub in Spanien mit ihnen zu verbringen. Aber Karims Eltern wollen ihn nicht fahren lassen. Ihnen ist klar geworden, dass Karim und Lena ein Liebespaar sind. Als es zum Streit kommt, hält sich Karims Vater raus. "Er kann nicht streng sein", sagt Karim. "Aber meine Mutter hat total komische Ängste."

Seine Mutter ist Mitte 50 und gewohnt, eine große Familie zusammenzuhalten. Sie kümmert sich um alles, niemand muss sich bei ihr auch nur den Tee selbst kochen. Ihr Heim ist ihr Reich, hier herrscht sie in ihrem langen Hauskleid. Seitdem sie vor dem Krieg in Syrien fliehen musste, raucht sie. Selbst gedrehte Zigaretten, ohne Filter. Sieht sie die Familie und die Regeln, mit denen sie groß wurde, bedroht, wird sie emotional. "Die nehmen dich mir weg", ruft sie im Streit, "du wirst unsere Religion aufgeben!" – so jedenfalls erinnert es Karim.

"Das ist doch Unsinn", antwortet er.

"Wir verlieren dich!", schreit seine Mutter.

"Aber Onkel Yunis ist doch auch mit einer Christin verheiratet. Unsere Religion erlaubt das!", ruft Karim.

Dann, erinnert sich Karim, habe sich sein älterer Bruder Omar eingemischt, ein 34-jähriger großer und kräftiger Mann, der selten still sitzt und sich oft nervös durchs Haar fährt.

"Das Mädchen passt nicht zu dir", sagt der. "Aber du kennst sie doch gar nicht!", entgegnet Karim.

"Ihr könnt Freunde sein", sagt Omar. "Mehr nicht."

Erst später kapiert Karim, was sein Bruder damit wirklich meint: Ein Mädchen, dessen Eltern nichts dagegen haben, dass sie einen Freund hat und mit ihm sogar das Bett teilt, sei nichts für Karim. Da ist er wieder, der Graben, den andere sehen – aber Karim nicht. Er findet das Keuschheitsgebot vor der Ehe genauso wenig zeitgemäß wie das Alkoholverbot.

In den Tagen danach geht es Karim schlecht. "Ich habe niemanden, der mir einen Rat geben kann", sagt er. Mit Lena will er erst mal nicht darüber reden, weil sie das als Zurückweisung durch seine Familie verstehen würde. Außerdem hatte er ihr und ihrer Mutter ja gesagt, seine Eltern hätten kein Problem mit Lena. Er schämt sich, dass er sich getäuscht hat.

Das wird nichts mit uns. Meine Eltern sind dagegen. Wegen der Kulturunterschiede und so.
Lena

Seine Eltern sind im Moment nicht sein einziges Problem. Karim weiß nicht, ob er das Schuljahr im Gymnasium bestehen wird. Zwar hat er im Halbjahreszeugnis in Deutsch eine Vier bekommen, dafür hat er in Mathe so große Lücken, dass der Lehrer ihm nicht mal eine Note gab. "Früher war es so: Wenn ich etwas wirklich wollte, dann habe ich das auch geschafft", sagt Karim. Im Moment fühle er sich einfach nur lustlos. Er hat keine Lust zu lernen, keine Lust auf Fußball. Er kann sich nicht mal mehr aufraffen, in die Stadt zu gehen.

Karim überlegt, wo er sich Hilfe holen kann. Jemand hat ihm von einer arabischsprachigen Online-Therapie für Flüchtlinge erzählt. Am Abend beginnt er in seinem Zimmer den Fragebogen dazu auszufüllen, viele Dutzend Fragen, wie zum Beispiel: Stammen Sie aus einem Kriegsgebiet? Karim antwortet mit Ja. Waren Sie schon mal schwer verletzt? Nein. Wurden Sie gefoltert? Nein. Wurden Sie gegen Ihren Willen von Ihrer Familie getrennt? Ja. Leiden Sie öfter unter Kopfschmerzen? Ja. Irgendwann bricht Karim ab, er will später weitermachen.

An einem Abend Ende April, als Karim gerade im Fitnessstudio ist, bekommt er eine Nachricht von einem Freund: Er habe Lena gerade mit Paul gesehen. Paul ist der beste Freund von Lenas Ex-Freund. Karim ärgert sich, dass sie ihm nichts davon gesagt hat. Jetzt will er testen, ob etwas dahintersteckt.

Bist du allein?, schreibt Karim ihr auf WhatsApp.

Ja, antwortet Lena.

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