Beziehung: Königskinder

Am Abend stellt Karim sie zur Rede, warum sie ihm nicht die Wahrheit gesagt habe. Lena verteidigt sich, sie habe keine große Diskussion gewollt, deshalb habe sie in dem Chat Paul nicht erwähnt. "Wir waren einfach nur bei ihm zu Hause, er ist mein bester Kumpel", sagt Lena. Karim glaubt ihr nicht, dass er nur ein Kumpel ist. "Lass das in Zukunft", sagt er, "ich will nicht, dass du zu Paul gehst." Lena fühlt sich zu Unrecht beschuldigt, es kommt zu einem heftigen Streit, schließlich geht Karim sauer nach Hause. Dann blockiert er Lena auf WhatsApp.

Länger als ein paar Tage hält er es nicht aus. Karim verabredet sich mit Lena. "Ich habe ihr gesagt, dass sie machen kann, was sie will", erzählt Karim, "aber dass ich es eben nicht mag, wenn sie bei Paul ist." Lena sagt daraufhin ihrem Kumpel, dass sie sich nicht mehr treffen könnten. "Ich will keinen Stress mit Karim", sagt Lena später über ihre Entscheidung. Paul habe das natürlich bescheuert gefunden. Trotzdem findet sie, dass es für Frauen doch normal sei, Kompromisse zu machen, um ihren Partner nicht zu verlieren. "Das hat nichts damit zu tun, dass Karim Syrer ist, ich kenne das genauso von deutschen Jungs." Aber manchmal wird ihr seine Eifersucht auch zu viel. Als er neulich auf ihrem Handy eine SMS lesen wollte, die ihr ein Freund geschrieben hatte, nahm sie ihm das Handy weg.

Im Mai fahren Karim und Lena zusammen für ein Wochenende nach Berlin. "Wir brauchen mal Zeit für uns", sagt Karim. Seinen Eltern hat er erzählt, er fahre mit einem Freund. Der Vater hat ihm vorher noch drei Regeln mit auf den Weg gegeben: Kein Alkohol, keine Mädchen, kein Hasch.

Nun sitzt Karim zusammen mit Lena auf einer Wiese am Landwehrkanal in Kreuzberg, jeder ein Bier in der Hand. "Zumindest rauche ich keinen Joint", sagt Karim und lacht. Es ist ein warmer Frühsommertag, in den Cafés am Kanal sind fast alle Plätze belegt. Er und Lena sitzen eng zusammengerückt Seite an Seite. Lenas goldblonde Haare rahmen ihr Gesicht wie Vorhänge ein. Wenn sie spricht, macht sie den Vorhang oft zu: Sie dreht ihren Kopf leicht zur Seite, lässt ihr Haar vors Gesicht fallen und versteckt sich dahinter. Lena trägt am liebsten weite Sweatshirts, sie ist kaum geschminkt. "Ich will nicht, dass mich jeder anstarrt", sagt sie. Karim findet es gut, dass sie sich so dezent kleidet.

Im Hotel muss Karim einen Meldebogen ausfüllen. In einer Zeile soll er seine Nationalität eintragen. Er zögert lange, dann notiert er: "syrisch". Nachdem er unterschrieben hat, streicht er die Nationalität wieder durch und gibt den Bogen so dem Rezeptionisten. Der kümmert sich nicht weiter darum. "Wenn die Leute wissen, dass ich aus Syrien bin, dann denken sie sich alles Mögliche", sagt Karim später. Selbst mit Lena redet er kaum über sein Heimatland und seine Flucht. Er will Syrien hinter sich lassen.

Am Abend bleiben die beiden im Hotel, sie genießen es, für sich zu sein. Die Stadt kann warten bis zum nächsten Morgen.

Anfang Juli fährt Lena mit ihren Eltern und Geschwistern nach Spanien – ohne Karim. Seit dem Wochenende in Berlin geht es ihm besser. Das Formular für die Online-Therapie hat er nun doch nicht fertig ausgefüllt. Die Beziehung zu Lena ist kompliziert, aber sie gibt ihm auch Kraft.

Lena hat ihm neulich erzählt, dass sie sich manchmal die Unterarme mit den Fingernägeln aufritzt, er hat die Narben gesehen. Karim ist noch immer fassungslos darüber. "Wie kann man so was tun?", fragt er sich. Wo er herkommt, verletzen und töten sich Menschen gegenseitig. Davor ist er geflohen. Und dann trifft er in Deutschland auf ein Mädchen, das sich selbst verletzt. Ihm ist seither klar, dass nicht nur er für seine 18 Jahre sehr viel erlebt hat.

An einem Samstag in den Sommerferien, während Lena in Spanien ist, kommt Karims Bruder Omar in sein Zimmer. Er ist gerade zu Besuch.

"Ich will, dass du mit Lena Schluss machst. Ich geb dir eine Woche Zeit", sagt Omar.

Karim erinnert sich, wie überrascht er in dem Moment war.

"Du kannst mir das nicht befehlen, ich bin 18!", sagt Karim.

"Aber wir sind deine Familie", sagt sein Bruder.

"Ich kann Lena nicht aufgeben", entgegnet Karim.

Der Bruder bleibt dabei, Lena sei nicht die Richtige für ihn. Er solle die Beziehung zur Familie nicht aufs Spiel setzen. Der Vater sage ihm das nur nicht selbst, weil er ein zu großes Herz habe. Dann geht Omar wieder.

Karim ist verzweifelt. Er überlegt, was er tun soll. Soll er seiner Familie sagen, dass er Schluss gemacht hat, und Lena weiter heimlich treffen? Aber sie wohnt gleich gegenüber, wie soll das gehen? "Wenn ich mich gegen meinen Bruder wehre und ihm sage, dass ich bei Lena bleibe, wird er sicher was Schlimmes mit mir machen. Vielleicht wird meine Familie mich verstoßen." Omar, der lange im arabischen Ausland als Ingenieur arbeitete und die Familie während des Krieges und der Flucht finanziert hat, ist ein zupackender Typ. Er ist es gewohnt, den Ton anzugeben.

Karim überlegt, was er tun soll. Vorübergehend zu Lena ziehen? Was würden ihre Eltern dazu sagen? In einem Jahr wird Lena ihr Abitur haben, vielleicht geht sie dann in eine andere Stadt, um zu studieren. Dann würde er mit ihr gehen, bis dahin müsste er durchhalten. Karim hat Angst. "Ich will mich nicht entscheiden zwischen meiner Familie auf der einen Seite und Lena auf der anderen. Ich liebe beide, ich will keinen verlieren."

Ein paar Tage später kommt Lena aus dem Urlaub zurück. Karim und sie gehen spazieren, er erzählt ihr von dem Ultimatum seines Bruders. Er sagt ihr, dass er sich seinem Bruder, falls es zum Äußersten kommt, nicht beugen werde. Lena habe nur auf den Boden gestarrt, erinnern sich beide.

"Das geht nicht mehr mit uns", sagt sie dann. Sie, die schon überfordert ist vom Gespräch mit der eigenen Mutter, glaubt nicht, die Kraft zu haben, sich gegen seine Familie zu stellen. "Doch", sagt Karim und merkt, wie ihm schlecht wird bei dem Gedanken, dass Lena ihn jetzt fallen lassen könnte. "Aber ich schaffe das nicht allein, Lena, wir müssen zusammenhalten."

Es geht noch eine Weile hin und her zwischen den beiden, dann sagt Lena, sie müsse jetzt los.

Am Abend blockiert sie ihn auf WhatsApp. "Ich war zerstört", sagt Karim. Er besorgt ein paar Flaschen Whisky-Mixgetränk und trifft sich mit seinen Freunden in der Stadt. Er trinkt und heult, den ganzen Abend lang. Irgendwann schreit ein Freund ihn an: "Hör jetzt auf damit! Sie wird von alleine wiederkommen. Und wenn nicht, dann hat sie dich nicht verdient!" Nachts um drei bringen ihn seine Freunde nach Hause, Karim ist so betrunken, dass er vergessen hat, wo sein Fahrrad steht.

Nach den Sommerferien geht Karim auf die Höhere Handelsschule. Er hat selbst nicht mehr geglaubt, dass er das Gymnasium schaffen würde, nun kann er immerhin die mittlere Reife machen. Karim sieht kräftiger aus als vor einem halben Jahr, sein Gesicht ist kantiger geworden. Mit Lena ist er noch immer zusammen. Zwei Tage nach dem Streit meldete sie sich wieder bei ihm und bat um Verzeihung, sie versöhnten sich, zum zweiten Mal. Das Ultimatum seines Bruders verstrich, ohne dass er es noch einmal erwähnte, Karim kann sich nicht erklären, warum.

Karim und Lena sehen sich gerade nur ein- bis zweimal die Woche, sie muss fürs Abitur lernen. Wenn Karim sie besucht, sagt er seinen Eltern, er gehe zu einem Freund oder ins Fitnessstudio. "Ich glaube, die wissen, dass ich zu Lena gehe. Aber die wollen nicht die Wahrheit hören", meint Karim. "So ist das auch mit dem Alkohol. Sie ahnen, dass ich welchen trinke, wir reden nur nicht darüber." Aber die Stimmung zu Hause ist nicht gut. Karims Eltern ignorieren ihn oft, sie essen, ohne ihn aus seinem Zimmer zu holen. Zu seinem Vater sagte er neulich, irgendwann werde er vielleicht gar nicht mehr heimkommen. "Nur zu", habe der Vater geantwortet. Für ein paar Tage schläft Karim daraufhin bei einem Freund, dann bei Lena.

Als er wieder nach Hause kommt, hört er vom Flur aus ein Gespräch zwischen seinem Bruder Omar und seinen Eltern in der Küche mit. "Wenn ihr euren Sohn nicht verlieren wollt", sagt Omar, "dann lasst die beiden. Wenn er Lena liebt, könnt ihr nichts machen." Karim ist erleichtert, dass Omar offenbar die Seiten gewechselt hat. Jetzt weiß er auch, warum sein Bruder das Ultimatum nicht mehr erwähnt hat – er hält es für sinnlos.

An einem Freitag einige Wochen später holt Karim Lena von der Schule ab. Sie gehen Hand in Hand in ein Café in der Fußgängerzone. Er erzählt, dass sich die Lage bei ihm zu Hause entspannt habe. Seine Eltern nähmen seine Beziehung zu Lena stillschweigend hin. Neulich, als Karim mit seinem Vater im Garten gearbeitet hat, habe der sogar mit ihm gescherzt. Sie sahen Lenas Vater in dessen Garten und grüßten ihn nett. "Dein Schwiegervater", sagte sein Vater danach zu ihm und lachte.

Eigentlich will der Vater, dass sein Sohn keusch in die Ehe geht, und er will nicht, dass er Alkohol trinkt. Aber wenn man ihn darauf anspricht, gibt er sich tolerant, zu allem fällt ihm ein Scherz ein. "Ach, den Wein in Paris habe ich früher geliebt", sagt er, und natürlich habe man als Junge in Syrien auch Freundinnen vor der Ehe. Vielleicht sind ihm die Regeln seiner Religion jetzt, da er alles verloren hat, wichtiger als je zuvor. Sie sind das letzte Stück Identität. Gleichzeitig weiß er, dass er sich anpassen muss. "Wir werden so schnell nicht nach Homs zurückkehren können", sagt der Vater. Sein neues Leben in Deutschland ist ein ständiges Ausloten, selten hat er sicheren Grund unter den Füßen.

Karim ist noch nicht zufrieden. Er will, dass Lena wie ein Teil der Familie aufgenommen wird. "Wenn meine Eltern Lena erst mal richtig kennenlernen würden, dann würden sie sie auch mögen", sagt er. Sie war seit seinem 18. Geburtstag vor sieben Monaten nicht mehr bei ihm, außer ein- oder zweimal, als seine Eltern nicht zu Hause waren.

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