Beziehung: Königskinder

Er habe sich auch schon einen Plan ausgedacht, um seine Eltern auf seine Seite zu ziehen, sagt Karim am Nachmittag im Café: Er könnte ihnen sagen, dass Lena ihm Nachhilfe für die Schule gibt. Und wenn sie dann erst mal da wäre, würde seine Mutter sie bestimmt zum Essen einladen, dann würden sie sich besser kennenlernen, und die Eltern würden Lena ins Herz schließen. Das ist sein größter Wunsch.

Aber dazu müsste Lena erst mal kommen. Und sie will nicht.

"Ich kann das einfach nicht", sagt Lena.

"Aber ich glaube, es ist die einzige Möglichkeit, damit wir eine Zukunft haben", sagt Karim.

Lena antwortet nichts darauf, sie lässt den Haar-Vorhang vors Gesicht fallen und nippt an ihrer Cola.

Ein Abend im Januar, Lena und Karim sind jetzt seit zehn Monaten ein Paar. Lena war immer noch nicht bei ihm zu Hause. Sie sitzt in ihrem Zimmer auf dem Bett, vor einer blau gestrichenen Wand mit aufgemalten Palmen und Sandstrand. Ihr Bett steht unter einer Dachschräge, in eine Ecke geschmiegt, wie ein Nest. Ein Teddy, so groß wie ein Kleinkind, liegt darauf, Karim hat ihn ihr geschenkt. Sie hat Fotos von ihm auf dem Nachttisch stehen. Gegenüber hängt ein Boxsack, den ihr ihre Eltern geschenkt haben. Sie benutzt ihn schon länger nicht mehr.

Wegen der Verletzung vor vielen Jahren kann Lena ihren Arm nicht richtig anwinkeln. Sie war beim Trampolinspringen so unglücklich auf den Ellenbogen gefallen, dass sie mehrfach operiert werden musste, auch Fußballspielen wurde zu gefährlich. Lena hat jeden Tag Gelenkschmerzen, früher nahm sie Tabletten dagegen, wegen der Nebenwirkungen hat sie sie abgesetzt. Seitdem sie weniger Sport macht, fühlt sie sich mollig. Karim findet das nicht, aber um ihr zu helfen, hat er ihr einen Trainingsplan ausgearbeitet und ging eine Zeit lang mit ihr joggen.

Lena sagt, Karim tue viel für sie. Er gibt ihr Halt. Aber er mischt sich auch ein. Lena sagt, früher sei sie öfter abends in Kneipen in die Stadt gegangen, aber Karim wolle das nicht. Er sei dann eifersüchtig. "Das ist mittlerweile ein großes Problem. Keine Ahnung, ob wir in zwei Jahren noch zusammen sind", sagt Lena, "aber falls ja, dann weil wir uns halt lieben."

Und was ist Liebe?

"Keine Ahnung", antwortet sie.

Am nächsten Tag läuft Karim durch die Innenstadt des nahen Ortes. Er will sich neues Haargel kaufen. Alle paar Meter trifft er Leute, die er kennt. Ladenbesitzer, Jungs aus der Schule, einen Asylhelfer, jeder grüßt ihn.

Karim glaubt nicht, dass Lena seine Eifersucht stört. "Sie hat mir gesagt, dass sie damit klarkommt", sagt er. Außerdem ist er sich sicher, dass sie es auch nicht wollen würde, wenn ein Mädchen zu ihm nach Hause käme. Sie verhalte sich eben manchmal komisch. Abends habe sie ihm schon öfter geschrieben, sie lege sich schlafen. Er bemerkte dann, dass sie auf WhatsApp offline geht, aber auf Skype online. "Einmal hab ich auf ihrem Computer gesehen, dass sie dauernd mit einem Jungen skypt, den ich gar nicht kenne", erzählt Karim. Er habe Lena dann gefragt: Bin ich dir nicht genug? "Nee", sei ihre Antwort gewesen. Danach hätten sie sich wieder gestritten. "Mir geht es dann wirklich schlecht", sagt Karim. "Ich bin fast tot!" Lena zeige ihre Gefühle nicht, das verunsichere ihn. "Man kann mein Verhalten Kontrolle nennen, von mir aus, aber ich mache mir eben Sorgen, weil ich Lena wirklich will und sie mir nicht sagt, dass es bei ihr genauso ist."

Karim weiß, dass es Lena nicht gut geht. Da ist nicht nur das Ritzen, manchmal sei sie tagelang depressiv, er glaubt, dass sie Hilfe braucht. Mit ihren Eltern redet sie nicht darüber, die haben selbst Probleme, gerade ist ihr Vater ausgezogen. Deshalb hat Karim sie überredet, mit ihm zur Schulsozialarbeiterin zu gehen. Die meiste Zeit habe er für sie geredet, sagt Karim. Am Ende wollte die Sozialarbeiterin noch mit Lena allein sein. Sie riet ihr zu einer Therapie. Aber Lena will nicht. Der Besuch hat ihm zum ersten Mal etwas klargemacht: Er kann Lena zu nichts drängen, was sie nicht selbst will. Eine Erkenntnis, die er schon bald brauchen wird.

Es ist Februar 2017, Karims Auge ist blau unterlaufen, auf der Nase sieht man getrocknetes Blut, eine Hand und eine Schulter sind geschwollen. Vor ein paar Tagen haben ihn Jungs auf dem Schulhof zusammengeschlagen, syrische Flüchtlinge wie er. Vordergründig sei es um Geld gegangen, sagt Karim, einer der Jungs hatte ihn nicht für die Reparatur seines Handys bezahlt. Als Karim das Geld einforderte, brach ein Streit aus. Plötzlich seien die Freunde des Jungen dazugekommen. "Die denken, sie sind noch in Syrien und können die Dinge hier so regeln wie dort. Dann gingen alle auf mich los", erzählt er. Sie warfen ihn zu Boden und schlugen auf ihn ein, bis ein Lehrer kam. Einige der Jungs wurden von der Schule suspendiert. Karim hat sie außerdem angezeigt. Er ist sich sicher, dass sie ihm eine Lektion erteilen wollten. "Die mögen mich nicht und finden mich arrogant, weil ich schon länger hier bin als sie und so gut Deutsch spreche", sagt er. Unter seinen engen Freunden sind kaum Flüchtlinge. In der Hierarchie unter den Jugendlichen seines Ortes ist er eine Stufe höher geklettert: Die meisten Jungs, mit denen er seine Zeit verbringt, sind in Deutschland geboren, auch wenn ihre Familien aus Albanien, Serbien oder der Türkei stammen.

Fast genauso schlimm wie die Schlägerei in der Schule fand Karim Lenas Reaktion. Am Abend kam sie eine Stunde später als vereinbart. Und sie war nicht allein, sondern brachte noch Freunde mit. Sie redeten nicht viel über den Vorfall in der Schule, die meiste Zeit hätten sie und die Freunde Witze gerissen und gelacht. "Lena sagte dann noch zu mir, ich sei selbst schuld an dem, was passiert ist", erzählt Karim. Die beiden stritten sich, Lena ging.

Danach hat Karim sein Handy tagelang abgeschaltet, er will nicht mit Lena reden. "Ich verstehe einfach nicht, warum sie so eiskalt ist zu mir. Ich halte das nicht aus!", sagt er. "Mir ging es so schlecht an dem Abend, und sie verletzt mich noch zusätzlich."

Auf Umwegen nimmt Lena schließlich Kontakt zu ihm auf. Karim hat seine Dienste für Handyreparaturen auf eBay Kleinanzeigen inseriert. Eines Abends liest er dort folgende Nachricht:

Sehr geehrter Herr Deeb, ich hätte da mal eine Frage. Würde es sich lohnen, meine Beziehung zu reparieren? Oder soll ich mir eine neue besorgen? Mit freundlichen Grüßen, Ihre Nachbarin.

Die Nachricht findet er so gut, dass er am nächsten Tag beschließt, zu Lena rüberzugehen. Es ist Valentinstag, und Karim besorgt einen Strauß Rosen für Lena. Wieder versöhnen sie sich.

Sechs Wochen später, Ende März, feiert Karim seinen 19. Geburtstag. Es ist der Tag, an dem er die Einfahrt fegt, bis sich seine Wangen röten. Nachdem seine Freunde angekommen sind, setzen sich alle zusammen in den Schuppen. Karims Eltern und Lenas Mutter sind auch dabei. Es ist das erste Mal seit einem Jahr, dass Lena Karim besucht, während seine Eltern da sind. Karim schneidet die Torte an.

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