Beziehung: Königskinder

"Ihr nehmt euch einfach, wenn ihr wollt. Ihr braucht nicht zu fragen!", sagt er zu seinen Gästen.

"Danke, Bruder", sagt einer seiner Freunde.

Der Tisch sieht aus wie bei einem Kindergeburtstag: Außer der Torte gibt es Salzstangen, Limo und Cola. Solange Karims Eltern da sind, bleibt der Alkohol in der Sporttasche unter dem Tisch. Karims Vater ist ein charmanter Gastgeber. Er versucht sich mit Lenas Mutter zu unterhalten, mit ein paar Brocken Deutsch, manchmal muss Karim für ihn übersetzen.

"Wenn Sie immer nur kommen, wenn Karim Geburtstag hat, dann sollten wir öfter feiern", sagt er lächelnd zu Lenas Mutter.

Lenas Mutter errötet leicht. "Dann komme ich eben auch mal so", sagt sie.

Als alle ihren Kuchen aufgegessen haben, verabschieden sich die Eltern. Karim und seine Freunde überlegen, ob sie jetzt schon im Schuppen Alkohol trinken sollen. Sie beschließen, lieber erst mal zum Sportplatz zu gehen.

Es ist schon dunkel, aber das Tor zum Gelände ist noch auf.

"Ist das nicht trotzdem Hausfriedensbruch?", fragt einer.

"Nicht dass die Bullen kommen", meint ein anderer.

Es beginnt zu nieseln, und die Geburtstagsgäste nehmen auf der überdachten Trainerbank Platz. Dann öffnen sie die Sporttasche: Es gibt Wodka, Chantré, Sekt und zwei Sixpacks mit Bier. Alle prosten sich zu.

Nach einer Stunde gehen sie zurück in den Schuppen und trinken heimlich weiter aus den Plastikbechern. Seine Eltern sind sicher längst im Bett, denkt Karim, es ist bald Mitternacht. Lena beteiligt sich kaum an den Gesprächen, starrt zu Boden oder sitzt einfach nur da. Eines der anderen Mädchen spricht sie an, was los sei, schließlich sei heute doch der Geburtstags ihres Freundes.

Um drei Uhr morgens gehen alle heim. Karim umarmt Lena zum Abschied, ihr Gesicht sieht angespannt aus. Er räumt noch den Schuppen auf und stopft die Plastikbecher ganz unten in die Mülltonne, dann geht er ins Haus. Er erschrickt, als er seinen Vater noch in der Küche sitzen sieht. Der lächelt seinen Sohn an.

"Was war denn eben los mit Lena?", fragt der Vater.

Karim ist es peinlich, dass sein Vater die Umarmung beobachtet hat. "Nichts Besonderes", nuschelt Karim. Er geht schnell in sein Zimmer. Und so bleiben Vater und Sohn wieder stumm. Die Sprachlosigkeit ist ihre Art der Kommunikation.

Zwei Wochen später trennen sich Karim und Lena.

Am Telefon erzählt Karim, wie es dazu kam. "Ich war mir schon nach meinem Geburtstag nicht sicher, ob das noch lange hält", sagt er. Erst dachte er, Lenas schlechte Laune komme daher, dass sie fast nur noch zu Hause sitzt und fürs Abitur lernt. Als er sie bei einem Spaziergang darauf ansprach, erzählt Karim, habe sie zuerst nicht mit ihm darüber reden wollen. Auf einmal sei sie richtig abweisend geworden, und sie stritten sich. "Sie sagte mir, dass ich ihr auf die Nerven gehe und dass sie ihre Freiheit will, dass sie mit ihren Freunden rausgehen will, so wie es ihr passt. Sie sagte, für sie wäre es schon seit Wochen vorbei, aber sie hat mich gebraucht." Wenn man Lena fragt, sagt sie etwas Ähnliches: "Diese Eifersucht. Ich habe ihn nicht mehr ausgehalten."

Karim fühlt sich ausgenutzt. Er ist so verletzt, dass er sich drei Tage lang zu Hause verkriecht und für niemanden erreichbar ist. Ein paar Tage später erzählen ihm seine Freunde, sie hätten Lena in der Disco gesehen, mit einem Jungen, den keiner kannte. Karim ist sich jetzt sicher, dass die Trennung richtig war.

Trost bekommt er ausgerechnet von seinem Bruder Omar. "Ich habe ihm erzählt, wie schlecht es mir geht", sagt Karim. "Mein Bruder hat den Arm auf meine Schulter gelegt und gesagt: 'Ich weiß, es ist schwer, aber vergiss sie. Geh raus mit deinen Freunden, lern andere Mädchen kennen, du bist noch jung'." Karim ist überrascht, dass Omar ihm diesen Rat gibt. Omar erklärt ihm, dass er noch vor ein paar Monaten Angst gehabt habe um Karim, dass er etwas Falsches tun könnte und Lena zum Beispiel schwanger würde. Jetzt wisse er, dass Karim ein korrekter Junge sei. "Am Ende sind wir Brüder, und ich stehe zu dir", habe Omar gesagt.

Fünf Monate vergehen, in denen Karim und Lena keinen Kontakt haben. Karim macht jetzt eine Ausbildung zum IT-System-Elektroniker an einer Schule. Fast jeden Tag geht er ins Fitnessstudio, sein Oberkörper hat mittlerweile die Form eines V, breite Schultern, schmale Taille. Er jobbt mehrmals die Woche in einer Fast-Food-Kette an der Kasse. Auf WhatsApp hat er sein Motto geändert: You don’t always get what you wish for, but you always get what you work for.

An einem Wochenende Mitte September beschließt Karim, Lena zu kontaktieren. Er fühlt sich nicht wohl mit diesem totalen Kontaktabbruch. "Ich würde einfach gerne wissen, wie es ihr geht", sagt er. "Wir waren so eng, da kann man doch nicht so tun, als kenne man sich nicht mehr." Er überlegt, ob er bei ihr klingeln soll. Auf WhatsApp und Facebook hat Lena ihn ja blockiert. Schließlich schreibt er Lena eine SMS: Wie geht es dir? Was machst du so? Ich habe dich schon lange nicht mehr gesehen. Meld dich mal, wenn du Zeit hast. Dein Nachbar.

Lena antwortet sofort und macht ihm Vorwürfe, warum er sich nie gemeldet habe. Karim versteht das nicht, schließlich hat sie ihm doch selbst gesagt, sie wolle ihn nicht mehr sehen. Sie treffen sich zu einem Spaziergang. Lena erzählt von ihrer Arbeit in einem Kindergarten, sie macht gerade ein Soziales Jahr. Karim erzählt von seiner Ausbildung. Danach sehen sie sich wieder öfter.

Karim sagt, es fühle sich gut an. Irgendwie so vertraut, niemand verstehe ihn so gut wie Lena. "Im Nachhinein war meine Eifersucht richtig dumm, ich hätte ihr vertrauen sollen", sagt er. Er fragt sich, was Lena jetzt von ihm will. Freunde bleiben? Oder doch wieder ein Paar sein? "Mein Herz will das, aber mein Kopf nicht", gibt Lena ihm zur Antwort. Karim weiß nicht, was er damit anfangen soll. Er hat Angst, sich wieder in sie zu verlieben: "Wenn es ihr dann nicht genauso geht – das halte ich nicht noch mal aus." Aber was will er denn von ihr? Das weiß er selbst nicht. "Eigentlich habe ich keine Zeit für eine Beziehung", sagt Karim. Er klingt so, als überlasse er ihr die Entscheidung.

An einem Abend im Oktober gehen sie mal wieder zusammen ins Fitnessstudio. Bevor jeder in seiner Umkleide verschwindet, so erzählt es Karim später, drehen sie ihre Köpfe zueinander. Genau wie sie es früher immer getan haben, in einem alten, monatelang praktizierten Ritual, gehen ihre Lippen aufeinander zu, berühren sich fast. Dann schrecken beide hoch, als seien sie aus einem Traum erwacht. Karim legt den Arm um Lena und sagt: "Bis gleich."

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