Beziehung: Königskinder

"Alter, ich hab dich nicht nur lieb, ich liebe dich", schreibt Lena an ihren neuen Freund Karim. Die beiden sind Nachbarn und gehen in die gleiche Schule. Er stammt aus Syrien, sie aus dem Dorf, in dem sie wohnen. Bald wird ihnen klar, dass ihre Eltern gegen die Beziehung sind. Ihre Mutter hat Angst vor der fremden Kultur, seine Mutter auch. Halten die beiden dem Druck stand? Von
ZEITmagazin Nr. 48/2017

Karim Deeb steht mit einem Besen in der Einfahrt seines Elternhauses und fegt, bis sich seine Wangen vor Anstrengung röten. Er fegt mit einer Wucht, als wolle er nicht nur die Blätter aus dem Weg räumen, sondern mit ihnen seine Zweifel: ob es wirklich eine gute Idee war, seine Freunde hierher einzuladen. Karim feiert seinen 19. Geburtstag – es ist die erste Party, die er zu Hause gibt. Alles soll ordentlich sein, nichts dem Zufall überlassen bleiben. Zuvor hat er ein Stromkabel in den Schuppen gelegt, damit sie dort Licht haben und ungestört Musik hören können. Einer seiner Freunde hat versprochen, den Alkohol in einer Sporttasche versteckt mitzubringen, das Bier und den Schnaps werden sie dann in weiße Plastikbecher füllen, sodass man von außen nicht sehen kann, was drin ist. Karims Eltern trinken keinen Alkohol wegen ihres Glaubens, sie sind Muslime. Aber was, wenn sie zwischendrin mal in den Schuppen kommen, fragt er sich. Werden sie den Alkohol nicht riechen?

Drinnen in der Küche hat sein Vater, ein grauhaariger Mann von Ende 50, die Spitzenvorhänge am Fenster ein wenig zur Seite geschoben, um Karim beobachten zu können. "Der hat noch nie die Einfahrt gefegt", sagt er schmunzelnd über seinen Sohn und dreht sich eine Zigarette. Der Vater ist kurz zuvor aus der Rehaklinik nach Hause zurückgekommen, er hatte Prostatakrebs. Seine Augen sind trüb und müde, auf seinem Kinn stehen weiße Bartspitzen, die aussehen wie ein Stoppelfeld im ersten Schnee. In Syrien besaß er ein Haus und eine Firma, beides ist verloren. Und doch hat er meist ein ironisches Lächeln auf den Lippen.

Um kurz vor acht sieht man durch das Küchenfenster, wie sich eine Gruppe junger Leute langsam auf das Haus zubewegt. Drei Mädchen mit langen blonden Haaren und drei Jungs mit ausrasierten Schläfen, die Haare am Oberkopf mit Gel nach oben gestellt wie Ausrufezeichen. Drinnen richtet sich der Vater in seinem Stuhl auf, sein älterer Sohn Ayham kommt nun auch dazu, um sich dieses Ereignis anzusehen. "Oh, là, là", sagt der Vater und lächelt, "hübsche Mädchen." Sein 26-jähriger Sohn ist weniger angetan von den Jugendlichen, die da im Anmarsch sind. Er hat die Mundwinkel nach unten gezogen und blickt auf die blonden Mädchen, als gehe eine unsichtbare Gefahr von ihnen aus. Seine Zweifel werden sich nicht so leicht aus dem Weg räumen lassen.

Eines der Mädchen ist Karims Freundin Lena, seit einem Jahr sind die beiden ein Paar. Sie haben sich kurz vor Karims 18. Geburtstag kennengelernt. Lena ist Karims erste feste Freundin. Sie wohnt auf der gegenüberliegenden Straßenseite, von der Waschküche der Familie Deeb aus kann man in Lenas Schlafzimmer blicken. Allzu genau sehen Karims Eltern lieber nicht dort hinein. Sie wissen, dass Lena die Freundin ihres Sohnes ist, aber sie reden nicht darüber. Sie tun so, als gäbe es die Liebesbeziehung nicht, sondern nur eine ganz normale Freundschaft zwischen Nachbarn. Karims Bruder sagt in der Küche leise, sodass der Vater es nicht hört: "Normalerweise würde mein Vater es verbieten, aber das geht in Deutschland nicht."

Es ist März 2017, hinter Karim und Lena liegt ein Jahr unter großem Druck, ein Jahr, in dem sie ihre Liebe gegen alle Widerstände aufrechterhalten haben. Wie haben sie das geschafft? Und hat sie überhaupt eine Zukunft, diese Beziehung über kulturelle Gräben hinweg, von denen viele glauben, dass sie nicht zu überwinden seien? Karim ist dabei, einige der Werte, mit denen er erzogen wurde, hinter sich zu lassen und als Erster in der Familie etwas Neues zu wagen. Einfach ist es nicht, das wird schon zu Beginn der Beziehung klar, mehr als einmal wird Karim verzweifeln und sich fragen, wer ihm helfen kann.

Alle Personen in diesem Text heißen in Wahrheit anders. Auch der Name des Dorfes in Westdeutschland, in dem sie wohnen, wird nicht genannt, weil Karim und Lena es so wollten.

Karim wohnt mit seinen Eltern und seinem Bruder Ayham im Erdgeschoss eines alten Bauernhauses, im Obergeschoss wohnt seine Schwester mit Mann und Kind, sein ältester Bruder Omar lebt mit seiner Familie in einer nahe gelegenen Kleinstadt. Das Haus gehörte einst dem Vater der Vermieterin, sie war froh, als die syrische Familie einzog, weil sie für das unrenovierte Haus nur schwer andere Mieter gefunden hätte. Und Familie Deeb war froh, weil alle dort Platz haben. Karims Brüder arbeiten in einer Firma in der Nähe, einer als Ingenieur, der andere als Schweißer. Karim geht noch zur Schule.

Er war knapp 16, als er im Sommer 2014 in Deutschland ankam, ohne seine Eltern, nur mit seinem ältesten Bruder Omar. Karim und seine Familie waren zunächst aus dem umkämpften Homs nach Ägypten geflohen. Als ihnen nach einem Jahr klar wurde, dass sie dort weder Arbeit noch Aufenthaltserlaubnis bekommen würden, machten sich Karim und sein Bruder auf einem Boot übers Mittelmeer nach Italien auf. Sieben Tage dauerte die Fahrt, am Ende hatten sie kein Wasser mehr und wären fast in einem Sturm gekentert – dann entdeckte ein Öltanker das Boot mit den Flüchtlingen und brachte sie nach Sizilien. Mit dem Zug fuhren sie durch Italien, Frankreich und landeten schließlich in Deutschland. Hier erhielten sie Flüchtlingsstatus, Karims Eltern und Geschwister kamen auf getrennten Wegen ein Jahr später nach, zum Teil durch Familiennachzug, zum Teil über Land und übers Meer.

"In dem Jahr ohne meine Eltern habe ich mich so einsam gefühlt", sagt Karim, "vor allem meine Mutter habe ich schrecklich vermisst." Sein großer Bruder ist in dieser Zeit kein Ersatz, er muss sich selbst zurechtfinden und sich um seine eigene Familie kümmern. Karim muss nicht nur lernen, in einem fremden Land zurechtzukommen, schon die Aufgabe, den Alltag allein zu bewältigen, ist eine Herausforderung für ihn. Zuvor wusste er nicht mal seine Kleidergröße, weil er immer mit seiner Mutter einkaufen war, kochen konnte er auch nicht. Jeden Tag telefoniert er jetzt mit ihr und holt sich Rat. Im Unterricht oder wenn er mit Freunden unterwegs ist, hat er manchmal Blackouts, plötzlich ist er für kurze Zeit abwesend und hört nicht, was um ihn herum passiert. Wenn ihn dann jemand laut anspricht, kommt er wieder zu sich.

Als seine Eltern schließlich in Deutschland sind, ist er überglücklich – und fast überfordert. Er ist zwar der Jüngste, aber derjenige, der am schnellsten Deutsch gelernt hat. Schon nach wenigen Monaten konnte er es fließend. Jetzt muss er für die Familie übersetzen, Anträge ausfüllen, Wohnungen besichtigen. "Manchmal redeten alle auf einmal auf mich ein, abends lag ich mit Kopfweh im Bett." Und in für ihn wichtigen Dingen sind seine Eltern keine Hilfe mehr. Wenn es um die Schule geht, seine Freunde, Mädchen. Die Eltern kennen Deutschland ja viel weniger als er.

Als er Lena im März 2016 kennenlernt, ist er 17 Jahre alt. Noch hat Karim den langen, schmalen Körper eines Jungen. Am liebsten trägt er weite T-Shirts und Jeans, die um seine dünnen Beine schlackern. "Ich muss kräftiger werden", sagt Karim und umfasst seinen Bizeps mit einer Hand. Neben dem Fußballtraining geht er ins Fitnessstudio, zu Hause trinkt er täglich eine braune, dicke Flüssigkeit, die aussieht wie Schokopudding – ein Proteindrink. Nach der Schule jobbt Karim als Übersetzer bei einer Wohlfahrtsorganisation und repariert Handys und Computer, er hat sich das in den letzten Jahren selbst beigebracht. Das Geld spart er für seinen Führerschein. Den Mädchen in seiner Klasse fällt der braunhaarige Junge mit den stahlblauen Augen gleich auf. Er hält ihnen die Tür auf und bietet an, sie nach Hause zu bringen, wenn sie nachmittags mal zusammen in der Stadt waren und es dunkel geworden ist. Er wirkt mit seinen guten Manieren ein wenig aus der Zeit gefallen. Aber offenbar gefällt das vielen Mädchen. Sie posten Nachrichten auf seiner Facebook-Seite, wie hübsch und nett er sei. Karim antwortet mit Herzchen, er postet auch gerne kleine Lebensweisheiten, wie man sie früher ins Poesiealbum geschrieben hat. Zerstöre nicht das Glück anderer, nur weil du selbst keines finden kannst, heißt sein Motto auf WhatsApp.

Eine Mülltonne ist schuld, dass Karim und Lena zusammenkommen. Karims Eltern haben aus Versehen die Mülltonne von Lenas Eltern zu sich gestellt. Karim bringt die Mülltonne zurück, als er bei Lenas Haus klingelt, öffnet die Mutter, eine schmale Frau von Mitte 40 mit heller, fast durchscheinender Haut. Sie bedankt sich freundlich und beginnt ein Gespräch. Karim erinnert sich, dass sie ihn fragte, wie es ihm im Dorf gefalle. Lenas Mutter ist hier aufgewachsen, auf dem Bauernhof ihrer Eltern. Dann fällt den beiden auf, dass Karim in eine Klasse mit ihrem jüngeren Sohn geht. Durch die offene Tür sieht er, wie Lena die Treppen hinunterkommt und kurz zu ihm herüberblickt. "Es war nur ein Moment. Aber ich sah etwas in ihrem Blick und dachte gleich, die findet mich gut", erinnert sich Karim. Er selbst fand sie auch gut, ihre langen blonden Haare, ihr etwas verzagtes Lächeln. Er weiß, dass sie zwei Klassen über ihm ist, sie ist mit ihren 18 Jahren erwachsener als die Mädchen in seiner Klasse, das findet er interessant. Lena erzählt später, dass sie das weitere Gespräch der Mutter mit Karim belauscht habe, "von der Stube aus".

Auch Lena ist dieser Junge schon in der Schule aufgefallen. Von nun an grüßen sie sich. Lena sei dabei immer ein bisschen rot geworden, sagt Karim. Von ihrem Bruder erfährt sie Karims Namen und schreibt ihm auf Facebook: Komm mich doch mal besuchen.

Als er dann zu ihr kommt, gehen sie in Lenas Zimmer, sie setzt sich aufs Bett, er auf den roten Sitzsack davor. "Mir fielen als Erstes ihre kleinen Füße auf", sagt Karim, "die fand ich so süß, dass ich sie fotografierte." Lena hingegen findet, dass Karims Füße ungewöhnlich groß sind. Sie lachen viel an diesem Nachmittag. Als Karim geht, ist er sich sicher: "Die will was von mir." Ihm geht es genauso, aber er sagt es nicht. "Ich wollte, dass sie das zuerst tut."

Kommentare

809 Kommentare Seite 1 von 26 Kommentieren
Gelöschter Nutzer 6398
#4.66  —  26. November 2017, 15:36 Uhr

Die genauen Zahlen wären in der Tat interressant.
Bei den sogenanten Gebildeten , oder zumindest denen die Lesen und schreiben können ist die Zahl der Gemischtehen wohl sichr höher.
Ebenfalls was die Herkunft angeht .Das eine Iranerin einen Deutschen heiratet ist sicher öfter der Fall , als das eine Frau aus Syrien einen deutschen zum Mann nimmt.
Ich habe unter türkischstämmigen leider keinen so großen Bekanntenkreis .
Ich kenne einen Fall wo eine Ägypterin einen Deutschen geheiratet hat - obwohl ich auch nicht viele Ägypter kenne .
Der Sohn von Helmut Kohl ist übrigens auch mit einer Türkin verheiratet (Zeitung ) was für meine These oben spricht .
Aber mal Aufruf an alle : Wer kennt noch solche Fälle ?

Es ist nicht ganz klar, was sie mit ihrer Aussage meinen.
Ich tippe jedoch darauf, dass sie Artikel wollen in denen der Ausländer durch und durch böse ist. Für etwas komplexere Geschichten (aka das wahre Leben) haben sie kein Interesse?
Sagt vielleicht mehr aus über sie als sie wahr haben wollen (die Welt ist nicht schwarz / weiß).