Stil: Nackte Wahrheit

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 48/2017

Für das Label Louis Vuitton hat der Künstler Jeff Koons jetzt eine Taschenkollektion gestaltet, deren Gestaltung im Wesentlichen darin besteht, dass Motive alter Meister auf die Taschen gedruckt wurden. Die Werke sind allesamt selbst Laien geläufig und Teil des ikonischen Gedächtnis der Gesellschaft – wie die bunten Ballonskulpturen von Jeff Koons selbst. Man konnte wohl noch nie so barrierefrei gleichzeitig Kunstfreund und Taschenkunde sein.

Eines der Bilder, das man sich nun über die Schulter hängen kann, ist Das Frühstück im Grünen von Édouard Manet. Es zeigt zwei Paare, die auf einer Waldlichtung im Gras lagern. Beide Männer sind voll bekleidet, im Hintergrund des Bildes watet eine Frau mit gerafftem Sommerkleid durch ein Bächlein, im Vordergrund kauert eine junge Frau, die den Betrachter fest anblickt – und komplett nackt ist. Ihre Kleider liegen neben ihr ungeordnet im Gras, der Picknickkorb ist umgekippt, Früchte und Brötchen sind auf dem Waldboden verstreut. An Essen scheinen die Dargestellten genauso wenig zu denken wie die Betrachter.

Manet hatte das Bild angeblich "La partie carrée" nennen wollen, was man ungefähr mit "Flotter Vierer" übersetzen kann. Aber auch so war der Skandal perfekt. Als es 1863 vorgestellt wurde, wurde es prompt für die Ausstellung des Pariser Salons abgelehnt, stattdessen aber auf Betreiben Napoleon III. zusammen mit anderen Werken in einer Art Kuriositäten-Ausstellung gezeigt. Die Nacktheit auf dem Bild war für die Menschen damals genauso verstörend wie faszinierend. Denn wenn etwas offiziell stark verfemt ist, entwickelt es meist ein wildes Eigenleben in der Fantasie der Menschen. Was die Nacktheit angeht, ist die Menschheit inzwischen nicht sehr viel weitergekommen. Während ein nackter Frauenkörper in einem Film als jugendgefährdend gilt, ist es völlig okay, wenn in demselben Film ein Mensch erschossen wird.

An der Universität Göttingen musste eine Kunstausstellung im Studentenwerk nach Protesten abgehängt werden. Sie enthielt Bilder von entblößten Brüsten und Hinterteilen. Wir sind also weit entfernt davon, dass der nackte Körper der Frau so selbstverständlich wäre, wie er nun auf einer Louis-Vuitton-Tasche abgebildet ist. Und offenbar ist noch immer nicht klar, wem der weibliche Körper denn gehört. Sind Frauen, die sich nackt zeigen, selbstbewusst, weil sie zu ihrem Körper stehen, oder erniedrigen sie sich zu Lustobjekten des Mannes? Diese Frage ist heute genauso ungeklärt wie vor hundert Jahren.

Die Dame, die Manet für sein Bild Modell stand, hat die Moral ihrer Zeit übrigens noch zu Lebzeiten hinter sich gelassen: Die Künstlerin Victorine Meurent führte später eine Beziehung mit einer Frau.

Kommentare

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SnoopyCornflakes
#2  —  25. November 2017, 1:55 Uhr

Und offenbar ist noch immer nicht klar, wem der weibliche Körper denn gehört.

Doch, wie der Zufall es will, haben wir heute noch mal nachdrücklich gelernt, dass das Eigentum am Körper für Frauen Grenzen kennt in Deutschland:

http://www.zeit.de/wissen...

Liest da jemand die eigene Zeitung nicht?

Sind Frauen, die sich nackt zeigen, selbstbewusst, weil sie zu ihrem Körper stehen, oder erniedrigen sie sich zu Lustobjekten des Mannes?

Das kann man sehr einfach auseinander halten. Zum Beispiel hier erniedrigen sich Frauen zu Lustobjekten von Männern mit Nazi-Fetisch:

http://media.news.de/reso...

Nein? Nun, T-Online hat hier aufopferungsvoll die westliche Wertegemeinschaft gerettet:

https://bilder.t-online.d...

Diese Frauen hier machen es richtig:

http://www.texasmonthly.c...

Sie sind selbstbewusst, weil sie zu ihrem Körper stehen ganz im Sinne von Barbara Kuchler, weil sie sich nicht als das schöne Geschlecht gerieren:

http://www.zeit.de/kultur...

Keine Angst, Manets "Dejeuner" ist als Parodie auch im Umkehr-Habit gemalt worden - die Damen sind angekleidet, die Herren fläzen sich als Adam. Bedeutsamer scheint mir jedoch das drei Jahre später komponierte (höchst konventionelle) Bild von Monet - sämtliche Personen im Ausgeh-Look und ... sie sind anders arrangiert, die Herren dominieren das Bild, an der rechten Seite (vom Betrachter aus links) der Patriarch. Hieraus folgt: Anstößig erschien in der Pariser Gesellschaft nicht nur die schockierende Nacktheit, sondern auch ... die schöne Nackte saß am wichtigsten Platz des Carrée, nämlich rechts neben ihrem Partner. Wer sollte also nach Manet das Sagen haben?! Die Chefin in selbst gewähltem Outfit.