Die großen Fragen der Liebe: Kann er ihr verbieten, ihn zu retten?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 48/2017

Die Frage: Auch ein Draufgänger wie John kommt in die Jahre. Seine Ehefrau Conny hat sich davon versprochen, dass er ruhiger wird und auf seine Gesundheit achtet. Aber John bleibt, was er immer gewesen zu sein behauptet: ein Mann, dem Bedenken fremd sind, Zigaretten und Whisky aber umso vertrauter. Jetzt muss er nach einem Gefäßverschluss operiert werden und soll das Rauchen aufgeben. Als Conny ihn von der Reha abholt, beobachtet sie, dass er sich eine Zigarette anzündet. "Und wenn es das nächste Mal ein Schlaganfall ist?", fragt sie. "Dann musst du mich sterben lassen. Ich will in keine Klinik und an Schläuchen hängen!", sagt er. "Ich werde auf jeden Fall den Arzt rufen!", entgegnet Conny. "Das verbiete ich!", sagt John. Darauf Conny: "Du kannst mir nichts verbieten!"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Johns Angst vor Schwäche führt hier zu einer zweiten Angst: Conny um etwas zu bitten. Er kann ihr nicht befehlen, was sie tun soll, wenn er sich nicht mehr selbst helfen kann, aber er kann sie bitten, zu respektieren, dass er auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichten möchte. Der juristische Weg dorthin führt über eine Patientenverfügung. Auf der emotionalen Ebene geht es um mehr – um den Umgang eines Paares mit zwei imaginären Verlusten: dem der Kontrolle über das eigene Leben und dem des Partners durch den Tod. Illusionen begleiten Liebesbeziehungen lebenslang: Conny hat geglaubt, dass John im Alter zur Vernunft kommt; John hingegen setzt angesichts des drohenden Zusammenbruchs noch eins drauf. So verdirbt die vorgebliche Bewältigung unterschiedlicher Zukunftsängste den Genuss der Gegenwart.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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