Oasis: "Mein Bruder wurde in Manchester zum Vollidioten"

Als Gitarrist und Songschreiber der Band Oasis wurde Noel Gallagher zu einem der größten Popstars der neunziger Jahre – an der Seite seines Bruders Liam. Dann verkrachten sich die beiden, wie es nur Geschwister können. Hier erzählt Noel von seinem neuen Leben nach Oasis und vom ewigen Streit mit seinem Bruder. Interview:
ZEITmagazin Nr. 48/2017

ZEITmagazin: Mister Gallagher, Sie sind in diesem Jahr 50 geworden. Wie erwachsen fühlen Sie sich?

Gallagher: Ich fühlte mich bereits mit 16 erwachsen. Was meinen Blick aufs Leben betrifft, habe ich mich seitdem kaum verändert. Damals begann ich die Dinge entspannter zu sehen. Ich akzeptierte, dass man sich nicht gegen den Lauf der Welt stemmen kann, und rege mich seitdem weniger auf. Ich bin entspannter als alle Leute, die ich kenne.

ZEITmagazin: In der Zeit mit Ihrer Band Oasis haben Sie ziemlich wüst gefeiert. Entsprach das auch Ihrer Definition von Entspannung?

Gallagher: Absolut, weil ich unseren Status nie zum Schaden anderer ausgenutzt habe. Ich habe nie ein Hotelzimmer zerstört oder so. Ich war nur dummerweise dauerhaft betrunken. Lange her. Seien wir ehrlich, die meisten Menschen, denen aufgeht, dass sie nun ein Rockstar sind, verwandeln sich doch in höchst unangenehme Existenzen. Ich hege die Hoffnung, dass ich nicht so ein Trottel geworden bin.

ZEITmagazin: Was unterscheidet Sie von einem unangenehmen Rockstar?

Gallagher: Dass ich nie den Humor verloren habe. In dem allergrößten Mist kann ich noch etwas Lustiges entdecken. Dass ich 50 geworden bin, fand ich herrlich. Schauen Sie sich meine Haare an: Da fällt nichts aus, und färben muss ich auch nichts – fantastisch! Ich habe auch keine Tätowierungen, keine Ohrringe oder Piercings, also diesen ganzen Schrott, den sich Leute antun, die unbedingt jung und cool sein wollen. Aber fragen Sie mich in zehn Jahren noch mal, da trage ich vielleicht eine Perücke und habe ein Gebiss aus Gold.

ZEITmagazin: Ihren 50. Geburtstag haben Sie mit einer Party gefeiert, für die sich die Gäste verkleidet haben als Figuren aus der amerikanischen Fernsehserie "Narcos". Sie selbst hielten Hof als Pablo Escobar – der war immerhin mal ein brutaler, ganz realer Drogenhändler, der auch wegen seiner Mordtaten berüchtigt war. Was verbindet Sie mit ihm?

Gallagher: Diese Party war eine Idee meiner Frau. Dieses Escobar-Ding läuft allerdings schon länger, denn meine Freunde haben mir irgendwann den Spitznamen Escobar gegeben – was lustig sein soll.

ZEITmagazin: Wie kamen Ihre Freunde darauf, Sie Escobar zu nennen?

Gallagher: (sehr langes Schweigen) Keine Ahnung, vielleicht können Sie’s mir erklären? Na ja, in dieser TV-Serie wird Escobar als minimalistischer Patron dargestellt. Ich habe Freunde, die da offenbar Parallelen zu mir entdeckt haben. Vor allem meine Frau findet diesen Vergleich irre lustig und plante deshalb das Fest. Die Veranstaltung war einfach ein Spaß, den nur ein gewisser anderer Gallagher, der nicht eingeladen war, in den falschen Hals bekommen hat.

ZEITmagazin: Dafür waren Madonna, Stella McCartney und Ihr Kumpel Bono unter den Gästen. Die Sommerferien verbrachten Sie dann mit Calvin Klein, Bruce Springsteen und Jade Jagger auf Ibiza. Fühlt sich das alles für einen ehemaligen "working class lad" wie Sie nicht manchmal surreal an?

Gallagher: Daran ist gar nichts surreal. Das sind mittlerweile alles Freunde von mir. Ich bin mit all denen längst auf Augenhöhe. Keiner von diesen Typen ist größer, wenn Sie so wollen, als ich. Gut, mit Madonna war ich bis vor Kurzem nicht so eng verbunden, aber wir haben einen gemeinsamen engen Freund. Sie war in der Stadt, als meine Party lief, und ließ anfragen, ob sie auch kommen dürfe. Klar war sie willkommen. Meine Frau ist ausgeflippt vor Begeisterung, und mit Madonna zu feiern war tatsächlich etwas surreal. Übrigens eine sehr lustige Frau mit einem irren Humor, mit der ich nun also auch befreundet bin.

ZEITmagazin: Haben Sie auch Geld in windigen Steueroasen geparkt, wie viele Ihrer neuen Freunde?

Gallagher: Leider werde ich nie bei irgendetwas erwischt – dafür bin ich wohl immer noch nicht prominent genug: Niemand hackt meine Instagram- oder Facebook-Accounts oder auch nur mein verdammtes Handy. Meine Gedanken hackt auch keiner. Was mache ich falsch? Aber – puh, bin ich froh, dass mein Name in diesen Papieren nicht auftaucht!

ZEITmagazin: Konnten Sie Ihren Kumpel Bono trösten? Dem scheint das alles ja sehr unangenehm zu sein.

Gallagher: Nein, das Thema ergab sich bisher nicht, weil ich da tatsächlich überhaupt nicht drinstecke. Aber grundsätzlich kann ich die ganze Aufregung um Steueroasen nicht verstehen. Ich finde, dass wir alle viel zu viele Steuern zahlen, vom Zeitungsverkäufer bis zum Rockstar – aber lassen wir das. Ich sage mehr, wenn ich mal erwischt werden sollte.

ZEITmagazin: Sie waren gerade mit U2 auf einer Stadion-Tournee. Hat Sie das an Ihre Zeit mit Oasis erinnert?

Gallagher: Nein, es hat mich nur darin bestärkt, dass ich es nicht mag, in Stadien aufzutreten. Das war mir in der Endphase von Oasis klar geworden und jetzt auch wieder, als ich im Vorprogramm von U2 aufgetreten bin. Ich bin einfach nicht der Typ dafür. Letztlich habe ich Bonos Angebot auch nur deshalb angenommen, weil es mir die Gelegenheit bot, mein neues Album zu promoten. Sonst hätte ich das nicht gemacht. Die Leute in meiner Band waren sowieso nicht begeistert davon, weil sie im Gegensatz zu mir keine U2-Fans sind. Es war allerdings wirklich lustig, mit einem Team von 50 Iren durch die Welt zu reisen. Die haben es jeden verdammten Abend krachen lassen. Daher bin ich auf dieser Tour um Jahre gealtert. Aber das war es wert.

ZEITmagazin: Also war es doch wie bei Oasis.

Gallagher: Nein, an Oasis habe ich da absolut keinen Gedanken verschwendet. Gut, ich habe bei meinen Auftritten auch einige der alten Hits gespielt, weil das Publikum das so erwartet hat. Aber ansonsten denke ich nie auch nur eine Sekunde lang an Oasis. Ich lebe in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit.

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