Orania Hotel, Berlin: Die günstigsten Zimmer in den besten Hotels

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ZEITmagazin Nr. 48/2017

Große Farbkleckse zieren die Fassade des herrschaftlichen Eckhauses am Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg. Die Fensterscheiben haben sternförmige Risse. Das Hotel Orania hat im August eröffnet und hat bereits den dritten Anschlag hinter sich. So vornehm der Oranienplatz mit seinen weiten Grünflächen auch wirkt, das Hotel, ein Ableger des bayerischen Luxushotels und G7-Gipfel-Schauplatzes Schloss Elmau, ist hier eben ein Exot. Manche nennen die jüngste Attacke allerdings schon das letzte Aufbäumen der Szene. Kreuzberg ist längst schick. Demnächst soll Google in das alte Umspannwerk am Landwehrkanal ziehen. Und von einem der grauen Sofas in der Lobby aus betrachtet sieht der Oranienplatz ziemlich gutbürgerlich aus. Ein Kaminfeuer lodert hinter Glas, dazu läuft Old-School-Jazz. Die Lobby ist zugleich Bar, Bühne für Jazz-Konzerte und im hinteren Teil Restaurant und Frühstücksraum. Lange bunte Vorhänge teilen den großen Raum. Variationen von Patricia Urquiolas "Husk"-Sessel stehen lässig in der Gegend verteilt herum. Die Sofakissen sind mit Indischen Elefanten bedruckt. Die Mitarbeiter sehen jung und dynamisch aus und tragen Fliege und Hosenträger zu Jeans. Trotz seiner Von-Welt-Eleganz bemüht sich das Hotel sichtlich um Zwanglosigkeit und familiäre Wärme. "Kühle", sagt die erst 29-jährige Hotelmanagerin Jenny Vogel, "ist in diesem Haus ein No-Go." Vor der Ankunft wird man in einem E-Mail-Fragebogen um Auskunft zu Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Vorlieben wie frische Blumen gebeten. Jeder Gast wird mit einer handgeschrieben Nachricht und Schokolade begrüßt. Im günstigsten Zimmer mit der Nummer 310 erwarten einen auf 17 Quadratmetern ein einladendes 150-Zentimeter-Bett ("ideal für frisch Verliebte"), ein grauer "Husk"-Sessel und auf Wunsch eine Kaffeemaschine. Die Nussbaumdielen duften, im Kühlschrank steht Berliner Craft-Bier. Im überraschend geräumigen Bad ist die Seife vegan, organic und local. Die exklusiv für das Hotel entworfenen Lampen verbreiten ein Licht, wie es sonst nur die kalifornische Nachmittagssonne hinkriegt. Die Einrichtung hat sich der Hausherr, Dietmar Müller-Elmau, selbst überlegt. Innenarchitekten würden vielleicht in eines der Zimmer gehen, etwa das teuerste mit 180-Grad-Blick über den Oranienplatz und Kleiderschrank im Badezimmer, und die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Ein Rattanstuhl neben Urquiolas Designer-Sessel? Fünf verschiedene Holzarten auf 86 Quadratmetern? Und Zimmerpalmen? Aber gerade weil das Haus nicht bis ins letzte Detail durchgestylt ist, es zwar modern, aber nirgends klinisch aussieht, wirkt es so sympathisch. Die gesplitterten Fensterscheiben in der Lobby werden demnächst repariert. Die Farbkleckse an der Fassade dürfen aber erst mal bleiben. Passt doch zu Kreuzberg.

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