Gesellschaftskritik: Über die Tränen der Queen

© Scott Barbour/​Getty Images
ZEITmagazin Nr. 48/2017

Vor ein paar Tagen tat Elizabeth II etwas, was sie so gut wie nie öffentlich tut: Sie weinte.

An den Mantel hatte sie blutrote poppies aus Stoff geheftet. Sie erinnern an die Mohnblumen, die auf den Schlachtfeldern Flanderns nach dem großen Sterben im Ersten Weltkrieg geblüht haben sollen. So stand die 91-Jährige auf einem Balkon, in ihren Augenwinkeln Tränen, an ihrer Seite, Halt suchend an eine Mauer gelehnt, Prinz Philip. Warum weinte die Queen?

Der November ist der Monat der Toten, und jedes Jahr im November wird auch in Großbritannien der Kriegstoten gedacht. Dieses Jahr fiel der Rememberance Day auf den 12. November: Am Vormittag breitete sich Stille über London aus, gefolgt von Glockenschlägen des Big Ben und Kanonenschüssen. Jahr für Jahr seit ihrer Inthronisierung 1952 legte die Queen am Rememberance Day einen Kranz an dem zentralen Kriegerdenkmal Londons ab – Höhepunkt einer Zeremonie, die das ganze Land verfolgt. Ausnahmen machte sie nur, wenn sie schwanger oder auf einer Reise war. Doch diesmal war es anders, und das erinnerte daran, dass Großbritannien neben dem Brexit noch einen schwerwiegenden Übergang zu meistern hat. Im Sommer kündigte Prinz Philip im Alter von 96 Jahren an, sich zurückzuziehen, und nun tut Elizabeth II es ihm gleich: Dieses Mal legte in seinem 69. Lebensjahr zum ersten Mal ihr Sohn Charles den Kranz nieder. Dennoch ruhten alle Augen auf ihr, alle sahen die Tränen der Queen. Woran dachte sie, als sie weinte? An die Kolonnen junger Männer, die 1917 in der Dritten Flandernschlacht in den Tod marschierten, 500.000 an der Zahl? An den eigenen Onkel, der in jenem Krieg fiel? An all jene, die sie gekannt hat und die nicht mehr sind? An ihr eigenes Ende? Die Vergänglichkeit aller Dinge?

Wer weiß. Aber als ich ihre Tränen sah, wusste ich plötzlich, dass ich sie vermissen werde, obwohl ich niemals für die Monarchie war. Elizabeth II war, und das hat sie allen noch so großartigen Bundespräsidenten voraus, immer da. Mit ihrer andauernden Präsenz stemmte sie sich gegen die Vergänglichkeit. So gelang es ihr sogar, das Gedenken an Tote wachzuhalten, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts geboren wurden – an Menschen, die selbst ihre Nachkommen höchstens aus vergilbten Fotoalben kennen. Ihre Unnahbarkeit half ihrer Sache – als Einzelne das Kollektiv zu repräsentieren – eher, als dass sie ihr schadete. Umso berührender sind ihre Tränen nun gegen Ende ihrer langen Amtszeit.

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