Paartherapie Ja, es ist Liebe!

Esther Perel hat von New York aus die Paartherapie revolutioniert. Millionen Menschen schauen sich ihre Videos an und pilgern zu ihren Vorträgen, in denen Perel erklärt, dass zwei Menschen, die sich lieben, einen Dritten begehren dürfen. Interview:
ZEITmagazin Nr. 49/2017

ZEITmagazin: Frau Perel, heute stand in einer Zeitungsmeldung, dass ein Flugzeug notlanden musste, nachdem eine Frau an Bord auf dem Handy ihres schlafenden Mannes Nachrichten an seine Geliebte entdeckt hatte. Die Frau war ausgerastet.

Esther Perel: Zum ersten Mal in der Geschichte kann man seinen Partner online betrügen, während er neben einem im Bett liegt. Es war nie einfacher, untreu zu sein. Und es war nie schwerer, ein Geheimnis zu bewahren.

ZEITmagazin: War das der Grund dafür, dass Sie ein Buch über Untreue geschrieben haben?

Perel: Mein erstes Buch von 2006 handelte davon, wie man die Erotik in Beziehungen wiederbeleben kann. Für mich war das Untreue-Buch die logische Fortsetzung. Denn schon damals, als ich auf Lesetour war, wollten alle Leute von mir etwas zum Thema Betrügen hören. Wenn ich auf Vorträgen, wie zum Beispiel vergangene Woche vor 3.000 Menschen in Los Angeles, das Publikum frage, wie viele schon von Untreue betroffen waren, heben 80 Prozent die Hand. Außerdem arbeite ich seit 35 Jahren als Paartherapeutin in New York. Bei den Tausenden Paaren, die bei mir in der Praxis saßen, ging es immer und immer wieder um dieses Thema. Interessanterweise ist Fremdgehen die einzige Sünde, die zweimal in den Zehn Geboten vorkommt: Man soll es nicht tun – und man soll nicht mal daran denken.

ZEITmagazin: Wie definieren Sie Betrug?

Perel: Früher war es eindeutig: Betrug war, wenn ein Kind mit der falschen Haarfarbe auf die Welt kam. Die Monogamie war ein ökonomisches Konstrukt, sie war dazu da, den Männern zu versichern, welche Kinder zu ihnen gehören, und klarzustellen, welches Kind mal welche Kuh erbt. Mit Liebe hatte das nichts zu tun. Vielmehr mit Stabilität, Ökonomie und Patriarchat. Die Idee, dass Monogamie mit Liebe zu tun hat und für beide Geschlechter gilt, kam erst im 20. Jahrhundert auf. Heute sind die Grenzen dessen, was Betrug ist und was nicht, nicht klar gezogen: Kann schon Chatten auf Facebook Betrug sein? Pornos schauen? Die Mehrheit der Fälle, die ich kenne, ist nicht eindeutig.

ZEITmagazin: Gibt es den typischen Fremdgänger?

Perel: Die meisten Untreuen in meiner Praxis sind keine chronischen Schürzenjäger. Solche Narzissten gibt es, aber die haben noch ganz andere Probleme, von denen Fremdgehen nur eins ist. Ich habe es vor allem mit Menschen zu tun, die jahrzehntelang treu waren und sich auf einmal entscheiden, alles zu riskieren. Dabei leben sie oft in besonders glücklichen Beziehungen und Ehen.

ZEITmagazin: Was steckt dahinter?

Perel: Eine Beziehung kann glücklich sein, aber vollkommen leidenschaftslos. Zu Hause erlebt man die Sicherheit, in der Welt draußen das Abenteuer. Wenn die Menschen zur Arbeit gehen, ziehen sie sich schön an, sind charmant, witzig, aufmerksam. Schauen Sie uns beide an: Wir konzentrieren uns aufeinander, haben noch kein einziges Mal kurz aufs Handy geschaut. Zu Hause sind wir anders. Was wir nach Hause bringen, sind gewissermaßen unsere ausgelaugten Reste. Man hat die beste Version von sich bereits abgeliefert – daheim wird gechillt. Füße hoch, Netflix an – und, ja, wir sind in solchen kuscheligen Momenten durchaus sehr glücklich. Aber irgendwann kommt die Frage auf, wo die Leidenschaft hin ist. Wir beginnen, nach ihr zu suchen – und zwar anderswo.

ZEITmagazin: Beides zugleich mit einer Person zu haben – Sicherheit und Leidenschaft – ist auf Dauer nicht möglich?

Perel: Die Lust ist schwer aufrechtzuerhalten in einer Partnerschaft. Die Herausforderung wird größer, je enger die Bindung ist: Können wir Verlangen verspüren nach etwas, das wir schon haben?

ZEITmagazin: Manche Menschen bewahren sich ja auch in langen Beziehungen die Lust auf Sex mit ihrem Partner. Warum gelingt ihnen, woran andere scheitern?

Perel: Das hat oft mit unserer emotionalen Vergangenheit zu tun – wie wir aufwuchsen, wie wir zu lieben lernten, wie uns Grenzen gesetzt wurden, wie wir Genuss erfuhren, wie sich unser Selbstwertgefühl herausgebildet hat. All das zeigt sich später in unserer Sexualität. Deshalb ist sie für mich auch so ein spannendes Forschungsfeld.

ZEITmagazin: Worüber reden Sie mit Ihren Patienten, um zu den Wurzeln ihrer Sexualität vorzudringen?

Perel: Ich schildere zum Beispiel folgende Szene: Ein Kind sitzt auf dem Schoß seiner Eltern. Wenn alles gut geht, kriecht es irgendwann runter und bewegt sich fort, um zu entdecken, um zu kundschaften. In diesem Bild spiegeln sich zwei unserer Grundbedürfnisse: Sicherheit, also auf dem Schoß sitzen, und der Drang, zu erkunden und zu entdecken, also loszukriechen, zu wachsen, neugierig zu sein. Wenn das Kind loszieht und die Eltern sagen: "Wunderbar, wie du das machst, die Welt ist ein faszinierender Ort, los! Wir sind da, wenn du zurückkommst", dann wird das Kind die Gefühle von Verbundenheit und Losgelöstheit zugleich erleben. Von Sicherheit und Abenteuer. Bindung und Freiheit. Genau die Dualität also, die im Erwachsenenalter für die Sexualität so wichtig ist.

ZEITmagazin: Warum ist es beim Sex wichtig, sich zugleich gebunden und frei zu fühlen?

Perel: Um überhaupt zum Orgasmus zu kommen, muss man komplett bei sich sein und aufhören, an den anderen zu denken. Um bei dem Beispiel von eben zu bleiben: Manche Eltern würden das davonkriechende Kind eher fragen, was denn so toll ist dort draußen in der Welt. Warum musst du dorthinaus? Wir haben doch alles hier, wenn wir zusammen sind. Diese eher ängstlichen Eltern strahlen aus, dass sie ihr Kind brauchen. Die Kinder werden in solchen Fällen versuchen, das Verhältnis zu den Eltern zu stabilisieren, also die Sicherheit wählen und dafür ihren Freiheitsdrang opfern. Diese Menschen lernen von klein auf, dass intensive Liebe immer mit einer Last und mit Sorgen verbunden ist. Sie werden später auch bei ihrem Partner das Gefühl haben, dass er sie braucht. Sie denken also auch beim Sex daran, dass sie sich kümmern müssen.

ZEITmagazin: Sie können nicht egoistisch sein.

Perel: Man kann sich nicht auf den eigenen Körper konzentrieren, wenn man das Gefühl hat, sich ständig darum kümmern zu müssen, dass es dem anderen gut geht. Je tiefer die Verbundenheit mit einem Partner ist, desto mehr macht sich diese Art Mensch Sorgen um ihn, desto ängstlicher wird er. Lust und Verlangen können sich aber nicht entwickeln im Angesicht von Sorgen und Ängstlichkeit. In Beziehungen braucht es Freiheit und Sorglosigkeit, damit sich Lust entwickeln kann. Man muss das Kind sein, das ganz ins Spiel vertieft ist. Die Erotik ist der Sandkasten der Erwachsenen.

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren