Gefängnis JUNI

Ein Berliner Häftling wartet auf seine Entlassung. Von
ZEITmagazin Nr. 50/2017

Er sitzt in einem fünf Quadratmeter großen Raum in der Justizvollzugsanstalt Tegel, geschlossener Vollzug, im Haus II. Er ist hier, weil er eine Frau überfallen und ausgeraubt hat. "An diesem Abend hätte ich mich einfach umdrehen sollen, ins Schlafzimmer gehen, mich hinlegen und mir sagen: Morgen geht die Sonne auch wieder auf", sagt er und seufzt tief aus dem bulligen Körper heraus.

Neun Jahre nach jenem Abend ist er "knastmüde". "Ich habe Mist gebaut", seine tiefe Stimme hallt durch den Aufenthaltsraum. Er ist jetzt 44 Jahre alt. Jeder seiner Tage beginnt um fünf Uhr morgens, eine Stunde später findet die "Lebendkontrolle" statt. Bevor er in die Küche zum Arbeiten geht, trinkt er Kaffee und liest den Berliner Kurier . In der Pause spielt er mit einem Kumpel im Hof Backgammon oder Schach. "Resozialisierung ist ein schönes Wort für die Öffentlichkeit", sagt er. "Vom Staat gibt es die zumindest hier nicht wirklich, aber ich glaube daran, dass ich es kann." Er hat einen Antrag auf Therapie gestellt. Jetzt arbeitet er alles auf, seine Kindheit zwischen Rotlichtviertel, Drogenszene und Schule. Und die Jahre im Gefängnis.

Er hat einen Sohn. Als der neun Monate alt war, musste der Vater ins Gefängnis. Seitdem sehen sie sich nur, wenn er alle paar Monate Ausgang hat. "Mein Ziel ist es, ein guter Papa zu sein und meinen Sohn auf einem anständigen Weg zu begleiten." Das Meiste hat er verpasst, die ersten Schritte, die ersten Worte und zuletzt: "An seinem zehnten Geburtstag durfte ich nicht hin und konnte ihn am Morgen auch nicht anrufen." Eine Karte hat er ihm gebastelt. Er hat auch für ihn gesungen, ihm gratuliert und ihm einen schönen Tag gewünscht – in die leere Zelle hinein, die laut ausgesprochenen Worte trafen nur seine Zellenwand.

Wenn er allein ist, liest er, schaut fern und schreibt. Vor allem zwei Personen: sich selbst, um zu reflektieren, und seinem Sohn. Er stellt sich vor, was sie alles unternehmen könnten. Der Sohn beantwortet die Briefe nur manchmal. "Da merke ich, dass er frustriert ist. Das tut weh." Er spricht in seine Hand, der Blick schweift durch die Gitterstäbe in den Gefängnishof. Sieben Bäume, vier Betontische, Müll, der achtlos aus den Fenstern geworfen wurde, und ringsherum ein Zaun.

Am 16. Juni wird er entlassen, nach neun Jahren und neun Monaten. Er hat seine Strafe dann auf den Tag genau abgesessen. Die Zeit bis dahin wird er im offenen Vollzug verbringen, er will sie nutzen: Die Pläne für den Sohn sollen nicht nur Wörter auf Briefpapier bleiben. Außerdem will er sich um einen Job kümmern. "Hartz IV ist keine Lösung", sagt er. "Ich würde auch putzen." Den Job will er noch im offenen Vollzug beginnen, dann sei es leichter, eine Wohnung zu finden. Zwei, am besten zweieinhalb Zimmer solle sie haben, sodass "der Sohnemann auch mal über Nacht bleiben kann". Die freundschaftliche Beziehung zu seiner Exfrau möchte er pflegen. Das reiche.

Wenn er mal gespart hat, will er seiner Leidenschaft nachgehen: dem Kochen. "Ich würde einen Kurs für Bisonfleisch machen und ein kleines Restaurant eröffnen." Ein Altbau, in der Mitte ein Tipi für sechs Leute, dann ein Kanu für zwei und vorne vielleicht noch ein Tisch für vier.

Wenn er rauskommt, möchte er, sobald es geht, Urlaub machen, zwei Wochen an der Küste, vielleicht mit dem Sohn – wenn es der Arbeitgeber erlaubt. Er möchte die Freiheit genießen: Selbstbestimmtheit; einfach laufen und nicht nach zehn Metern an einer Tür warten müssen, bis sie aufgeschlossen wird.

"Das Potenzial, wieder zum Straftäter zu werden, schlummert in jedem, der es einmal war", sagt er. "Es wäre hart, keinen Job zu finden." Ein Teil seiner Sachen ist schon gepackt, ein halbes Jahr vor der Entlassung, in der Zelle stehen drei Reisetaschen.

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