Tesla: SEPTEMBER

Jan Kaluza ist einer von 500.000, die auf das neue Auto von Tesla warten. Von
ZEITmagazin Nr. 50/2017

Im Herbst 2017 betritt Jan Kaluza zum ersten Mal eine Filiale der Firma, bei der er ein Auto bestellt hat. Es ist ein teures Auto, mehr als 40.000 Euro soll es kosten. Kaluza hat es nie Probe gefahren, er kennt es nur von Bildern und Videos, die er im Internet gefunden hat. Trotzdem hat Kaluza der Firma bereits 1.000 Euro als Anzahlung überwiesen. Es klingt verrückt. "Ein Stück weit ist das Wahnsinn", sagt er.

Kaluza ist 37 Jahre alt, ein Mann mit einer eckigen schwarzen Brille, der sich bei einem Hamburger Unternehmen, das weltweit Öl und Gas fördert, um die Computersysteme kümmert. Er ist einer, der sich für Technik begeistert, aber keiner, der sein Geld für das neueste schicke Produkt aus dem Fenster schmeißt.

Als einer von 500.000 Kunden hat Jan Kaluza das neue Modell des US-amerikanischen Elektroautobauers Tesla vorbestellt, das Model 3. In den USA ist es im Juli auf den Markt gekommen, im Rest der Welt soll das noch bis 2018 dauern. Allerdings ist der Liefertermin gerade verschoben worden, für ihn soll es Herbst 2018 werden, womöglich Anfang September. "Ich rechne aber mit 2019", sagt Kaluza, das mache ihm jedoch gar nichts aus. In der Fabrik im kalifornischen Fremont, wo das Model 3 hergestellt wird, schaffte es Tesla im vorigen Quartal gerade mal, 260 Wagen zu bauen.

In dem Geschäft in einer teuren Einkaufsstraße in der Hamburger Innenstadt, in dem Jan Kaluza sich umsieht, steht das Auto auch nicht. Nur zwei Autos sind überhaupt hier ausgestellt, eine rote und eine schwarze Limousine. Das sind die teureren Vorgänger-Modelle, die beiden einzigen Autos, die derzeit lieferbar sind.

Teslas Model 3 hat voriges Jahr weltweit einen Rausch ausgelöst, den man sonst nur von Apples iPhone kennt: Innerhalb von 24 Stunden gingen 180.000 Reservierungen ein, obwohl noch nicht einmal bekannt war, welche Technik genau in dem Auto stecken würde. Kaluza wartete, bis Tesla vor ein paar Monaten die wichtigsten Details verkündete: Die Reichweite beträgt mindestens 354 Kilometer. Einen offiziellen Euro-Preis gibt es noch nicht. Kaluza rechnet mit mindestens 40.000 Euro, er selbst wird wohl fast 50.000 zahlen, weil er noch ein paar Extras und eine stärkere Batterie haben will. Er wird einen Kredit dafür aufnehmen. Dabei steht noch nicht einmal fest, an welchem Elektroanschluss man das Auto in Deutschland laden können wird – ob sein Plan aufgeht, das Model 3 zu Hause im Carport an einer Kraftstromdose zu laden, die er sich eigens installieren lassen will.

Warum muss es für ihn unbedingt ein so teures, mit so vielen Unwägbarkeiten behaftetes Auto sein?

Auf den Fotos und Videos, die Tesla verbreitet, sieht es schnittig aus, sogar ein bisschen futuristisch. Auf das Design komme es ihm aber nicht an, sagt Kaluza. Selbst Motor und Fahrwerk spielten für ihn keine große Rolle. Ebenso wenig die Batterien, die Tesla entwickelt hat. Tesla gibt auf diese eine Garantie von acht Jahren, mehr müsse er nicht wissen.

Er will das Model 3 vor allem deshalb, weil er Angst hat, dass er mit seinem alten Auto bald nicht mehr ins Hamburger Stadtgebiet fahren darf, wo er arbeitet. Täglich pendelt er von einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein hierher, er hat sich hinter der Stadtgrenze mit seiner Frau ein Haus gekauft. Weil das viel Benzin gekostet hätte, hat er sich vor zwei Jahren einen Mercedes C-350 cdi zugelegt, einen Diesel. Dann kam der Dieselskandal und die Debatte über Feinstaub- und Stickoxidbelastungen in Städten. Gerichte beschäftigen sich derzeit bundesweit mit der Frage, was Städte gegen die dicke Luft tun müssen. Kaluza befürchtet, Hamburg werde bald eine Umweltzone einführen und ihn so mit seinem Diesel aussperren. Dass die Stimmung im Land sich so gegen Autos gewendet hat, ist ihm unheimlich. Sonst würde er sich einfach ein Auto mit Benzinmotor kaufen, aber selbst das hält er für zu riskant: "Alle Autos mit Verbrennungsmotoren sind durch politische Entscheidungen dem Tod geweiht." Er sagt, er finde das traurig.

Seit er über ein Elektroauto nachdenkt, fasziniert ihn die Vision einer umweltfreundlicheren Technik. In der Tesla-Filiale setzt er sich in das Model S, das ungefähr so groß ist wie sein Mercedes, dieses Exemplar kostet 82.000 Euro. Innen sieht es ungefähr so aus wie das Model 3: Auf dem Armaturenbrett aus Holz und schwarzem Kunststoff fehlen die Knöpfe. Die Plastikabdeckung wackelt, als Kaluza daran rüttelt, er lacht: "Ist eben kein deutsches Auto." Dafür gibt es in der Mittelkonsole einen verblüffend großen Bildschirm. Kaluza tippt darauf herum, als wäre er schon tausendmal mit dem Wagen gefahren. Tesla-Fans haben das Betriebssystem auf einer Website nachgebaut, dort hat Kaluza einige Funktionen ausprobiert. Viele der Tesla-Seiten im Netz, auf denen man Informationen findet, haben Nutzer selbst angelegt. Teslas Erfolg beruht nicht nur auf seinen Ideen, sondern auch auf der Vernetzung seiner Bewunderer.

Kaluza erzählt, dass er sich mal einen i3 ausgeliehen hat, das Vorzeige-Elektroauto von BMW. Er chauffierte seine Eltern damit nach Hamburg zu einem Abendessen. Eigentlich gefiel ihm der Wagen: "Super Fahrgefühl, und diese Ruhe im Auto." Die Reichweite sei aber viel zu hoch angegeben gewesen, sodass er plötzlich Sorge haben musste, es überhaupt nach Hause zu schaffen. Spätnachts irrte er durch Hamburg auf der Suche nach einer Ladestation – vergeblich. Am Ende sei er im Schneckentempo zurückgefahren und habe es mit zwei Kilometern Restkapazität auf der Tacho-Anzeige gerade so geschafft. Seitdem ist er überzeugt, dass die deutschen Hersteller Tesla in der Entwicklung um viele Jahre hinterher sind. Noch nicht mal eine gute Lösung für das Nachladen hätten sie gefunden. Im Tesla zeigt der Bildschirm, wo man auf einer Route tanken kann und sogar, wo gerade Tanksäulen frei sind.

Über die weiteren technischen Finessen seines zukünftigen Autos redet Kaluza wie jemand, der sich für einen neuen Computer begeistert: die regelmäßigen Updates des Betriebssystems! Das ausgeklügelte Fahrassistenzsystem! Auch von einem Auto erwartet er, dass es laufend verbessert wird. Und Kaluza hat jetzt schon Spaß daran, sich vorzustellen, wie er seinen Tesla aus dem Carport rollen lässt, indem er auf seine Apple-Uhr tippt, denn der Tesla lässt sich mit einer App steuern. Einer der Verkäufer in der Filiale hat sich hinter Kaluza ins Auto gesetzt, er hört ihm zu. Es wirkt jetzt so, als sei Kaluza der Verkäufer.

Als er wieder ausgestiegen ist, sagt Kaluza, er sei jedoch "kein naiver Öko-Optimist". Er glaube nicht daran, dass Elektroautos jemals alle anderen Autos ersetzen könnten. Etwa, weil Batterie und Motor nicht darauf ausgelegt seien, längere Zeit schnell zu fahren. Elektroautos seien etwas für Pendler wie ihn, die gemütlich über die Autobahn rollen. Und wie könnten Elektroautos geladen werden, wenn es einmal Millionen von ihnen gibt? Würde der Strom dafür überhaupt reichen? Und werde der Staat nicht eine Steuer für Elektrofahrzeuge einführen müssen, wenn ihm die Mineralölsteuer wegbreche? "Da ist vieles noch gar nicht durchdacht", sagt Kaluza.

Bevor er das Geschäft verlässt, fragt er den Verkäufer: "Wann kann man das Model 3 denn nun bei Ihnen Probe fahren?" – "Ach, wahrscheinlich nächstes Jahr." – "Ja, wann denn?" – "So in sieben bis acht Monaten." Kaluza nickt, er wirkt nicht enttäuscht. 2018 werde die Zahl der Vorbestellungen für das Model 3 sicher eine Million übersteigen, glaubt er. Tesla hat angekündigt, die Aufträge nach der Reihenfolge des Eingangs abzuarbeiten. Er steht dann auf der Liste ziemlich weit vorn.

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